06. November 2019

Methadon-Chronik

Wo steht die Forschung aktuell?

Vor allem in den vergangenen drei Jahren haben sich Studien und Presseberichte über Methadon in der Krebstherapie überschlagen. Doch welche Daten liegen aktuell vor und welche nächsten Schritte stehen an?

Lesedauer: 3 Minuten

Zellexperimente bringen den Stein ins Rollen

Dr. rer. nat. Claudia Friesen (Molekularbiologisches Forschungslabor am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Ulm) beobachtet in vitro, dass Methadon Leukämiezellen abtötet. Friesen C et al. Methadone, commonly used as maintenance medication for outpatient treatment of opioid dependence, kills leukemia cells and overcomes chemoresistance. Cancer Res 2008 ; 68(15): 6059-6064. 

Eine weitere Untersuchung von Dr. Friesen zeigt, dass D,L-Methadon in der Kombination mit Doxorubicin die Wirkung von Chemotherapeutika verstärkt. Zudem werden die Leukämiezell-Resultate im Mausmodell bestätigt. Friesen C et al. Cell death sensitization of leukemia cells by opioid receptor activation. Oncotarget 2013 ; 4(5): 677-690.

Eine weitere In-vitro-Untersuchung bestätigt die Ergebnisse von 2008 im Mausmodell – diesmal jedoch in chemo- und radioresistenten Glioblastomzelllinien (U118MG und A172). Friesen C et al. Opioid receptor activation triggering downregulation of cAMP improves effectiveness of anti-cancer drugs in treatment of glioblastoma. Cell Cycle 2014; 13(10): 1560-1170.

Fachgesellschaften: Bisherige Daten auf Menschen nicht übertragbar

Die gemeinsame Stellungnahme der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Krebsgesellschaft (NOA) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) betont, dass die Ergebnisse der bisher durchgeführten Studien nicht auf die Situation beim Menschen übertragbar sind. Wick W, Gold R Gliomtherapie mit Methadon: bisher nur experimentell getestet – Wirkung beim Menschen völlig unklar. Gemeinsame Stellungnahme der DGN und NOA, 26. März 2015.

Methadon-Nebenwirkungen bei 27 Patienten mit Gliomen untersucht

Es wurden 27 Patienten mit Gliomen in unterschiedlichen Stadien (II-IV) und unterschiedlichen Krankheitssituationen (Erstdiagnose, Rezidiv) untersucht. Alle Patienten erhielten Chemotherapie (die meisten Temozolomid, einige zusätzlich Bevacizumab). Die Dosierung von D,L-Methadon wurde von 5 mg auf 15-35 mg pro Tag gesteigert. Fazit der Autoren: D,L-Methadon kann sicher mit einer Standard-Gliom-Chemotherapie kombiniert werden, ohne erhöhtes Risiko einer Toxizität oder vegetativer Symptome wie Tachykardie, Schwitzen und Unruhe. Onken J, Friesen C et al. Safety and Tolerance of D,L-Methadone in Combination with Chemotherapy in Patients with Glioma. Anticancer Res 2017; 37(3): 1227-1235.

ARD-Sendung als Auftakt des medialen „Methadon-Hypes”

Die bundesweit ausgestrahlte ARD-Sendung „Plusminus“ vom 12.04.2017, die grundsätzlich positiv über Methadon in der Krebstherapie berichtet, bildet den Auftakt der bisher größten Methadon-Medienwelle. Der Höhepunkt wird im Sommer 2017 erreicht.

US-Fallstudie: Kein Einfluss auf Überleben im Vergleich zu anderen Opioiden

In einer retrospektiven Fallstudie aus den USA mit insgesamt 164 Patienten konnte kein Einfluss von Methadon auf das Überleben im Vergleich zu anderen Opioiden nachgewiesen werden. Reddy A, Schuler US, de la Cruz M, et al. Overall survival among cancer patients undergoing opioid rotation to methadone compared to other opioids. J Palliat Med 2017; 20 (6): 656–661. 

Universitätsklinikum Ulm löscht Methadon-Pressemitteilungen

Das Universitätsklinikum Ulm löscht bereits im August 2016 alle bisherigen Pressemitteilungen sowie die Informationsseite zum Thema „Methadon in der Krebstherapie“ von der Homepage des Uniklinikums und nun auch von der Institutshomepage der Rechtsmedizin. Mehr dazu finden Sie hier >>

Methadon-Forschung mit „Forschungspreis Komplementärmedizin“ ausgezeichnet

Dr. Friesen veröffentlicht eine Zusammenfassung ihrer bisherigen Ergebnisse in der Deutschen Zeitschrift für Onkologie und wird dafür am 29. Oktober mit dem „Forschungspreis Komplementärmedizin 2017“ von der Arbeitsgemeinschaft für Naturheilkunde, Akupunktur, Umwelt- und Komplementärmedizin in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ausgezeichnet. Friesen C D,L-Methadon erhöht den zytotoxischen Effekt konventioneller Krebstherapien. DZO 2017; 49(02): 61-67.

Deutsches Ärzteblatt: Übersichtsartikel mit Methadon-Kritik

Prof. Jutta Hübner und ihre Kollegen vom Universitätsklinikum Jena sowie Dr. Wolfgang Gießler (Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft) und Dr. Ulrich Schuler (Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden) veröffentlichen einen Übersichtsartikel im Deutschen Ärzteblatt, in dem sie sich mit dem Thema „Methadon in der Krebstherapie“ kritisch auseinandersetzen. Im Fokus steht u.a. die vorschnelle mediale Berichterstattung ohne ausreichende Evidenz. Hübner J et al. Methadon in der Onkologie: „Strohhalmfunktion“ ohne Evidenz. Dtsch Arztebl 2017; 114(33-34): A-1530 / B-1298 / C-1269.

Vier Forschergruppen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Innerhalb eines Jahres werden die sehr unterschiedlichen Ergebnisse vier deutscher Forschergruppen veröffentlicht, die die Wirkung von Methadon in Kombination mit Chemotherapeutika bei unterschiedlichen Krebsarten untersucht haben.

Eine Forschergruppe der Universitätsklinik Tübingen veröffentlicht im Mai 2018 ihre In-vitro-Daten zur Wirkung von Methadon bei Rhabdomyosarkomen (RD, RH30) und malignen Rhabdoidtumoren (A204). Dabei zeigen die Forscher, dass die kombinierte Behandlung (Doxorubicin und D,L-Methadon) bei allen Zelllinien zu einem unterdrückten Tumorzellwachstum und der Induktion der Apoptose führt. Raible A et al. Methadone potentiates the cytostatic effect in Rhabdomyosarcoma and malignant Rhabdoid Tumors. Klin Padiatr 2018; 230(03): 174.

Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg konnten in einer weiteren In-vitro-Studie keine Wirkung von Methadon auf die Glioblastomzellen nachweisen (der Volltext der Studie ist noch nicht verfügbar). Studienabstract: Latzer P et al. P04.30 Methadone does not increase toxicity of temozolomide in glioblastoma cells. Neuro-Oncology 2018; 20, (Suppl_3): iii285.

Für eine weitere Untersuchung legten Forscher vom Universitätsklinikum Leipzig primäre Zellkulturen aus Hirntumoren an, die sechs Patienten entfernt wurden. Die Tumor-Zellkulturen wurden mit der Standardtherapie bei einem Glioblastom behandelt: Bestrahlung und Chemotherapie. Zusätzlich konfrontierten die Forscher die Zellen mit Methadon in unterschiedlichen Konzentrationen. Fazit der Autoren: „Unsere Resultate zeigen, dass die Standardbehandlung wirksam ist, aber durch Methadon kein Zugewinn erzielt wird. Es dürfte auch nichts nützen, wenn ein Patient nur Methadon nimmt.” Oppermann H et al. D,L-Methadone does not improve radio- and chemotherapy in glioblastoma in vitro. Cancer Chemother Pharmacol 2019; 83(6): 1017-1024.

Einen Monat später, im Juli 2019, veröffentlichen Forscher um Veronika Landgraf aus der Universitätsklinik Würzburg ihre In-vitro-Ergebnisse zur Wirkung von Methadon bei Kopf- und Halstumoren. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Verstärkung der zytotoxischen Wirkung der Chemotherapeutika durch Kombination mit DL-Methadon vor allem vom Chemotherapeutikum selbst und von der getesteten Zelllinie (Responder- und Non-Responder-Zelllinien) abhängt. So erklären sie auch die negativen Ergebnisse von Latzer et al., in deren Studie die Wirkung von Methadon in Kombination mit Temozolomid getestet wurde – Landgraf und Kollegen vermuten, dass die Kombination mit Doxorubicin effektiver wäre. Landgraf V et al. DL-Methadone as an Enhancer of Chemotherapeutic Drugs in Head and Neck Cancer Cell Lines. Anticancer Research July 2019 vol. 39 no. 7 3633-3639.

Bundestag unterstützt Forderung nach klinischen Studien

Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages unterstützt die Forderung von über 53.000 Bürgern mit einem einstimmigen Votum, klinische Studien zum Einsatz von Methadon bei der Behandlung von Krebspatienten staatlich zu fördern. Zu der Pressemitteilung >>

1,6 Millionen Euro für 1. klinische Methadon-Studie

Die Deutsche Krebshilfe hat sich dazu entschlossen, eine umfangreiche Therapiestudie an der Universitätsklinik Ulm mit 1,6 Millionen Euro zu fördern (Stellungnahme der Deutschen Krebshilfe). Beteiligt werden Patienten mit Dickdarmkrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, und bei denen die Chemotherapie nicht mehr anschlägt. Die Studie soll im ersten Quartal 2020 starten. Erste belastbare Resultate könnten frühestens Anfang 2022 vorliegen. Mehr dazu lesen Sie hier >>

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