05. Oktober 2018

Teil 2

Grippe-Spezial 2018: Risiken einer Infektion

Bei Grippeerkrankten können nicht nur durch das Influenzavirus selbst Komplikationen entstehen, wie etwa eine schwere Lungenentzündung. Auch das Herz oder das Gehirn können beeinträchtigt sein, wie Studien gezeigt haben.

Lesedauer: 3 Minuten

Redaktion: Dr. Nina Mörsch

Langfristige Gehirnschäden möglich

Störungen des Denkvermögens könnten auch lange nach einer Grippeinfektion noch vorhanden sein. Darauf deutet eine Studie der Technischen Universität Braunschweig hin, die im Fachmagazin “Journal of Neuroscience” publiziert wurde.1,2

„Es ist bekannt, dass das Gehirn auf Infekte reagiert, aber bisher hat noch niemand untersucht, was danach passiert“, sagt der TU-Braunschweig-Forscher Prof. Martin Korte. Um mehr über mögliche Langzeitfolgen der Grippe für das Gehirn herauszufinden, haben die Forscher das Lern- und Erinnerungsvermögen sowie die Gehirnstrukturen von Mäusen untersucht. Diese waren zuvor mit verschiedenen Influenza-A-Virentypen infiziert worden.

Die Testmäuse zeigten noch 30 Tage nach Infektionen mit H7N7- und H3N2-Viren Einschränkungen bei Lern- und Gedächtnisaufgaben sowie strukturelle Veränderungen an Nervenzellen im Gehirn, zum Beispiel eine kleinere Synapsenzahl. Erst nach 120 Tagen waren keine Veränderungen mehr messbar.

„Auf die Lebenserwartung eines Menschen hochgerechnet, würde der Erholungsprozess einige Jahre dauern“, sagt Forscherin Dr. Kristin Michaelsen-Preusse. Besonders erstaunlich sei, dass auch der Stamm H3N2 Nachwirkungen hatte, obwohl er gar nicht im Gehirn aktiv ist. Der H1N1 Virus dagegen, ebenfalls nicht gehirngängig, hatte keine Langzeitfolgen.

Die Forscher untersuchten den Hippocampus, die Hirnregion für Lernprozesse und Erinnerungen, der Mäuse nach unterschiedlichen Zeiträumen. Auffallend waren dabei besonders die Dichte der Mikrogliazellen, den Immunzellen des Gehirns. Im Falle von Infektionen bekämpfen sie Erreger, können dabei aber in einer Art Überreaktion auch Nervenzellen schädigen. Es wird deshalb vermutet, dass bestimmte Immunreaktionen über Botenstoffe bis ins Gehirn schwappen, auch wenn sie dort gar nicht stattfinden und eine überschießende Aktivität der Mikrogliazellen auslösen können.

Laut den Forschern könnten die Ergebnisse als weiteres Argument für Grippeimpfungen gelten. „Außerdem zeigen sie, dass es sinnvoll sein könnte, die Aktivität der Mikrogliazellen pharmakologisch zu unterdrücken“, sagt Projektleiter Korte. Das müssten allerdings weitere Experimente erst zeigen. Auch ob eine Grippeimpfung die Folgen verhindern kann, gilt es noch zu klären.

Deutlich erhöhtes Herzinfarkt-Risiko

Bei einer Grippe droht offensichtlich auch noch Gefahr von anderer Seite: In der ersten Woche der Erkrankung ist das Herzinfarkt-Risiko um das sechsfache erhöht, wie eine kanadische Fall-Kontroll-Studie Anfang des Jahres gezeigt hat.3 Besonders gefährlich scheinen Infektionen mit dem Influenza-Typ B. Grundlage der Studie waren die Daten von 19.729 Patienten, die in der Provinz Ontario in Kanada zwischen 2009 und 2014 positiv auf Grippe getestet wurden. 344 dieser Patienten wurden in dem Jahr vor oder nach der Influenza wegen eines Herzinfarkts in der Provinz behandelt. Die Forscher untersuchten dann, ob die Herzinfarkte in zeitlicher Nähe zur Influenza-Erkrankung aufgetreten waren.

Dies war eindeutig der Fall: Für die ersten 7 Tage nach dem positiven Laborbefund einer Influenza wurde eine Inzidenzrate (IRR) von 6,05 ermittelt, was einer Erhöhung um das Sechsfache im Vergleich zur Normalbevölkerung entspricht. Nach dem 7. Tag wurde keine erhöhte Inzidenz mehr beobachtet. Es ist davon auszugehen, dass es sich um schwere Grippeerkrankungen handelte, die Anlass für eine genaue Erregerdiagnostik waren.

Die Influenza B erhöhte das Herzinfarktrisiko stärker als die A-Variante (IRR 10,11 vs. 5,17) und ältere Patienten über 65 Jahre waren stärker gefährdet (IRR 7,31). Das Risiko auf einen ersten Herzinfarkt (IRR 6,93) war höher als für Menschen, die bereits früher einen Herzinfarkt erlitten haben (IRR 3,53).

Auch andere schwere Atemwegsinfektionen können offensichtlich einen Herzinfarkt auslösen. Für den Nachweis eines Respiratory-Syncytial-Virus (RSV) ermittelten die Forscher eine IRR von 3,51, für andere Viren betrug die IRR 2,77, und auch bei fehlendem Erregernachweis war das Herzinfarktrisiko erhöht (IRR 3,30). Dies deutet darauf hin, dass ganz allgemein jede schwere Erkrankung der Atemwege das Herzinfarktrisiko erhöht – wahrscheinlich durch die körperlichen Strapazen und andere systemische Folgen der Erkrankung.

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1. Hosseini et al: Long-term neuroinflammation induced by influenza A virus infection and the impact on hippocampal neuron morphology and function. Journal of Neuroscience 27 February 2018, 1740-17; doi: 10.1523/JNEUROSCI.1740-17.2018.

2. Grippe mit Langzeitfolgen. TU Braunschweig: Manche Grippeviren beeinträchtigen das Gehirn von Mäusen noch Monate nach der Infektion. Pressemitteilung TU Braunschweig, 26.02.2018

3. Jeffrey C. Kwong et al; Acute Myocardial Infarction after Laboratory-Confirmed Influenza Infection, N Engl J Med 2018; 378:345-353; DOI: 10.1056/NEJMoa1702090

Bildquelle: © iStock.com/Motortion

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