15. November 2018

Arzt als Gutachter bei Alkoholdelikten

Häufige Fehler bei der Beurteilung

Ärzte werden häufig als Gutachter bei Alkoholdelikten hinzugezogen. Hierbei ist es jedoch nicht immer einfach, die Alkoholisierung forensisch zu beurteilen. Erfahren Sie in diesem Beitrag mehr über die häufigsten Fehlerquellen.

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag von Norbert Beck stammt aus dem Buch „Das Böse behandeln“ und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft (MWV). Redaktionelle Umsetzung: Marc Fröhling.

Deliktverdacht unter dem Einfluss von Alkohol

Im Fokus steht hier die ärztliche Entnahme einer Blutprobe beim ersten Zugriff der Polizei, wenn diese bei Delikten unter Einfluss von Alkohol erforderlich ist (nach § 81a StPO). Im Gegensatz zum sonst üblichen Arzt-Patienten-Vertrag, ist der Geheimnisherr in solchen Fällen der Staatsanwalt, der Richter oder die Polizei. Der Klient ist hier nicht als Patient anzusehen, was auch bedeutet, dass dessen Einwilligung nicht erforderlich ist. Dies kann auch Zwangsmaßnahmen, wie zum Beispiel die Fixierung bei einer Blutentnahme, miteinschließen. Da sämtliche Unterlagen zu Akteninhalt werden, können sowohl diese als auch der Blutalkoholwert nicht vom Klienten als Privatperson angefordert werden.

Mögliche Fehlerquellen bei der Blutentnahme

  • Unrechtmäßige Anordnung als juristisches Problem: Bei Zwangsmaßnahmen ist auch nachts der Richtervorbehalt erforderlich. Neue Formulare, die bei der Freiwilligkeit der Maßnahme eine entsprechende Unterschrift des Klienten erfordern, sind viel diskutiert, da unklar ist, inwieweit die Steuerungsfähigkeit der alkoholisierten Person beim Unterzeichnen gewährleistet ist.
  • Die minutengenaue Dokumentation des Blutentnahmezeitpunktes: Rundungen bei den Zeitangaben des ärztlichen Untersuchungsberichtes sind unzulässig, um bei der Rückrechnung des Blutalkoholwertes vor Gericht einen Beschuldigten nicht unrechtmäßig zu benachteiligen.
  • Fehler bei der Dokumentation alkoholbedingter Ausfallerscheinungen: Sie können sowohl eine falsch vermutete Alkoholgewöhnung nahelegen, als auch eine versuchte Dissimulation des Klienten verschleiern.
  • Weitere Dokumentationsfehler können bei persönlichen Angaben wie dem Körpergewicht entstehen. Auch die nicht mit letzter Konsequenz bearbeitete Frage nach dem Nachtrunk ist eine mögliche Fehlerquelle.
  • Adäquate Lagerung der Blutprobe: Dies soll vor allem dem Abbau verschiedener in Suchtmitteln enthaltenen Substanzen entgegenwirken.

Rückrechnung des Blutalkoholwertes

Im Mittelpunkt stehen hier sogenannte Rückrechnungsgutachten. Hierbei soll der Blutalkoholwert zum Vorfallszeitpunkt korrekt ermittelt werden, auf den objektiv durch die Blutprobe und sehr viel subjektiver aus den Anknüpfungstatsachen geschlossen werden kann.

Verkehrsdelikte

Bei Verkehrsdelikten wird vom Blutentnahmezeitpunkt minutengenau bis zum Ende der Resorption, das sich spätestens zwei Stunden nach dem Ende des vor dem Vorfall getrunkenen Alkohols einstellt, mit 0,1‰ pro Stunde zurückgerechnet. Gegebenenfalls ist nach der sogenannten Widmark-Formel der nach dem Vorfall getrunkene Ethanol als maximaler Nachtrunk abzuziehen.

Beurteilung der Steuerungsfähigkeit

Geht es um die Beurteilung der Steuerungsfähigkeit, muss zugunsten des Beschuldigten eine Höchstwertberechnung stattfinden, es muss also der höchstmögliche Wert für den Vorfallszeitpunkt ermittelt werden. Hier wird vom Zeitpunkt der Blutentnahme zum Vorfallszeitpunkt mit 0,2‰ pro Stunde gerechnet und ein einmaliger Sicherheitszuschlag von 0,2‰ addiert. Zudem wird hier das Resorptionsende mit dem Trinkende gleichgesetzt.

Erstreckt sich der zu berechnende Zeitraum über mehrere Stunden, kann gegebenenfalls auch die Berechnung des Blutalkoholwertes aus einem durchschnittlichen stündlichen Abbau von 0,15‰ pro Stunde ergänzt werden. Hierbei sollte im Einzelfall, auch nach psychopathologischen Kriterien geprüft werden, ob der ermittelte Wert als realistisch einzuschätzen ist. In dieser Rechnung muss auch das Resorptionsdefizit, also nicht zum Erfolgsorgan gelangter Ethanol, berücksichtigt werden.

Häufige Fehler bei der Rückrechnung des Blutalkoholwertes

  • Verwendung einer falschen Abbaurate.
  • Bei Maximalabbauraten wird der einmalige Sicherheitszuschlag nicht verwendet.
  • Das Resorptionsdefizit von zumeist 10–30% wird nicht berücksichtigt.
  • Ein falscher Reduktionsfaktor – geschlechts- und konstitutionsbezogen – wird angewandt.
  • Falsche Volumenprozentangaben bei der Getränkeauswahl.
  • Laborbestimmungen in einem Labor ohne forensische Akkreditierung.
  • Auslassung der Beurteilung von Anknüpfungstatsachen, was ein unvollständiges Gutachten bedeutet. Diese sollen jedoch mit der gebotenen Vorsicht bewertet werden.
  • Juristische Bewertungen durch den Gutachter: Es ist vorteilhaft, dem Gericht einen juristischen Bewertungsvorschlag aus gutachterlicher Sicht darzustellen, ohne jedoch eine juristische Wertung für den konkreten Fall vorzunehmen.
  • Verfälschungen der Ethanolwirkung etwa durch Verletzungen, Krankheiten, Medikamenteneinnahmen und Drogeneinfluss.
  • Unterschiedliches klinisches und forensisches Vokabular bei der Begutachtung der Steuerungsfähigkeit.
  • Rechtsmedizinische Untersuchung des Beschuldigten vor der Hauptverhandlung: Entbehrlichkeit durch geringen Erkenntnisgewinn – unter anderem durch die große Zeitspanne zwischen Untersuchung und dem Delikt. Auch mangelnde Kooperation des Klienten ist problematisch.

Im Einzelfall kann ein sogenanntes Begleitstoffgutachten sinnvoll sein, um Trinkmengenangaben zu objektivieren. Hierbei werden die im Blut wesentlich geringer konzentrierten kürzeren und längerkettigen Alkohole und deren Abbauprodukte untersucht. Im Vergleich der Konzentrationen bei Untersuchung von Referenzflüssigkeiten kann hier die Glaubwürdigkeit der Trinkmengen und Zeitangaben überprüft werden.

Typische Fehlerquellen im Zusammenhang mit der MPU und eine Bildergalerie kurioser Gründe, die eine Alkoholisierung rechtfertigen sollen, finden Sie im zweiten Teil des Beitrags.

Titelbild: © iStock.com/_laurent

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