28. September 2018

Tabuthema

Ekel in der Medizin: 9 Strategien für unangenehme Situationen

Ob eitrige Wunde, uangenehme Gerüche oder mangelnde Körperhygiene von Patienten – Ärzte sind besonders häufig unappetitlichen Situationen ausgesetzt. Doch aus Respekt vor ihren Patienten dürfen sie sich Ekel nicht anmerken lassen. Diese 9 Methoden erleichtern Ihnen den Umgang mit Ekelgefühlen.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Der folgende Beitrag basiert unter anderem auf einem Artikel aus der Thieme-Zeitschrift "Lege artis 2011; 1(5): 304-307". Nützliche Hinweise und Tipps, die sicherlich zeitlos gültig sind, fasst Dr. Nina Mörsch, coliquio-Redaktion, für Sie zusammen.

Ekel: Angeborene Schutzfunktion

Das Empfinden von Ekel gehört zur menschlichen Natur und ist aus Sicht der Evolution durchaus sinnvoll, erklärt die Psychologin Prof. Dr. Anne Schienle von der Universtität Graz.1

Danach wird Ekel als eine Krankheitsvermeidungsemotion verstanden, die uns vor dem Essen giftiger oder verdorbener Nahrung bzw. vor toxischen und infektiösen Substanzen schützt. Ekel ist angeboren und bereits bei Säuglingen früh zu beobachten. Doch für Menschen in Gesundheitsberufen ist diese Emotion besonders herausfordernd: Sie sind tagtäglich mit Krankheit, Zersetzung und Tod konfrontiert, also mit Dingen, die wir aus gutem Grund eher meiden. Hinzu kommt, dass sich Ekel nur schwer verbergen lässt, eine sichtbare Reaktion auf abstoßende Umstände für Ärzte und Pflegepersonal aber in der Regel tabu ist.

Weniger fachlich bedingt

Dabei liegen die Ekelprobleme in der Regel weniger in der fachlichen Situation bedingt, erläutern Experten. So ist ein Gastroenterologe bei einer Koloskopie auf Blähungen oder Kotabgang vorbereitet. Häufiger stellt eher mangelnde Körperhygiene verbunden mit unangenehmen Gerüchen ein Problem dar. Das Problem von ungepflegten Patienten und starken Rauchern haben auch einige coliquio-Ärzte hier im Forum zur Sprache gebracht. Eine Zusammenfassung der Tipps Ihrer Kollegen finden Sie hier.

9 Methoden gegen Ekel

Experten raten dazu, Ekel nicht zu verdrängen, auch wenn dies kurzfristig helfen mag. Auf Dauer bestünde die Gefahr, dass sich Emotionen anstauen, mit negativen Konsequenzen für Patient und Arzt. Deshalb gehe es in medizinischen Berufen vor allem darum, Wege zu finden, mit dem Ekel umzugehen. Folgende Tipps können hilfreich sein:

  1. Gewöhnung: An manchen Ekel kann man sich gewöhnen, erläutert Prof. Schienle. Ihr Tipp: Man sollte immer wieder ein Foto mit einem bestimmten Krankheitsbild betrachten, das Ekel auslöst. Wichtig dabei ist, die Gefühle nicht zu verdrängen, sondern vielmehr zuzulassen. Nach ein paar Wiederholungen gewöhnt man sich an den Anblick.
  2. Perspektivwechsel: Man kann lernen, Ekel für einen Moment auszublenden, indem man eine andere Position einnimmt und sich die Situation oder den Patienten betrachtet, als sei man Zuschauer in einem Film.
  3. Ekelgefühle zulassen und darüber reden: Wichtig ist der offene Austausch mit Kollegen. Dies habe an sich schon eine katharsische Wirkung, so Fachleute.
  4. Pausen aktiv nutzen: Nach ekelerregenden Tätigkeiten sollte man, sofern es die Situation ermöglicht, eine Pause einlegen. Ein kurzer Aufenthalt an der frischen Luft oder eine Tasse Kaffee können dazu beitragen, belastende Gerüche zu neutralisieren.
  5. Gedanklich auf unangenehme Situationen vorbereiten: Wer sich vorab mit einer unangenehmen Situation auseinandersetzt, kann im Hinblick auf den therapeutischen Erfolg handeln und Ekel ausblenden.
  6. Patienten freundlich, aber bestimmt auf mangelnde Hygiene hinweisen: Nützliche Tipps, wie Ihnen das gelingen kann, finden Sie hier.
  7. Schutzkleidung tragen: Das vorsorgliche Tragen von Arztkittel, Handschuhen oder gar einer Mundmaske schützt nicht nur vor Infektionen, sondern kann Ekelgefühle reduzieren. Darüber hinaus lindern sie auch das Schamgefühl des Patienten, da sie signalisieren, dass es sich um einen medizinischen Kontakt handelt. Hilfreich ist zudem eine Erklärung, wie zum Beispiel: "Zu Ihrem und zu meinem Schutz lege ich einen Mundschutz bzw. Handschuhe an."
  8. Üble Gerüche übertünchen: Durch den Mund statt die Nase zu atmen, das Lutschen von Mentholbonbons, Raumdüfte oder ätherische Öle sowie das Lüften bieten sich an, um schlechte Gerüche zu beseitigen.
  9. Gelassenheit und Humor: Trotz redlichen Bemühens gelingt es nicht immer, Ekelgefühle zu unterdrücken, ohne dass es dem Gegenüber auffällt. Manchmal kann es dabei helfen, offen die Gefühle anzusprechen. So könnte etwa der Ausdruck: "Oh, das sieht aber schlimm aus, aber das kriegen wir schon wieder hin" über unangenehme Situationen hinweghelfen. Dies fördert das entspannte Miteinander mit den Patienten oder auch mit dem anderen Gesundheitspersonal.

Verwandter Beitrag "Ungepflegte Patienten: Die besten Tipps Ihrer Kollegen": Fettige Haare, verschwitzte Kleidung und eine Wolke aus Zigaretten- und Essensgeruch – jeder Arzt kennt solche Patienten. Doch wie geht man mit ihnen um? Lesen Sie hier, wie Ihre Kollegen solche Situationen meistern.

coliquio-News der Woche

1. Erhard D. Igitt! Ekel in der Medizin. Lege artis 2011; 1: 304–307

Bildnachweis: © iStock.com/GoneWithTheWindStock

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