10. Januar 2018

Aus dem Kollegenkreis

Suchtkranke Ärzte: Ein Kollege bietet Hilfe an

Es gibt bislang keine verlässlichen Zahlen in Bezug auf die Häufigkeit suchtkranker Ärzte in Deutschland. Angst vor Aufdeckung und vor dem Approbationsentzug lässt viele Kollegen schweigen. Doch wo erhält man diskrete Hilfe ohne folgeschwere Schäden für die berufliche Existenz? (Lesedauer: 3 Minuten)

Der folgende Beitrag wird vertreten durch Dr. Karsten Strauß, Arzt für Allgemeinmedizin, Suchttherapeut und Sozialpädagoge. Fragen und Redaktion: Marina Urbanietz.

„Wir versuchen nicht, jemanden zu standardisieren“

Herr Dr. Strauß, Sie sind der Entwickler der QueoIntervention®-Methode, die seit 2010 markenrechtlich geschützt ist. Wie unterscheidet sie sich von vielen anderen Hilfsangeboten?

Bei unserer Methode sind die folgenden drei Aspekte von zentraler Bedeutung:

Maximale Individualisierung: In unserem Gesundheitswesen wird versucht, den einzelnen Menschen ablauftauglich zu machen, zu standardisieren und so zu formen, dass er möglichst reibungslos durch die bestehenden Strukturen geschleust wird. Sollten im Therapieverlauf Anpassungsschwierigkeiten oder Individualitäten auftreten, ist der Patient wahlweise „nicht krankheitseinsichtig“, „der Leidensdruck ist nicht hoch genug“ oder beides zusammen. Dies machen wir nicht mit.

Wir versuchen nicht, jemanden zu standardisieren, zu ent-individualisieren oder für ein bestehendes System formgerecht zu kneten. Im Gegenteil: Wir entdecken gemeinsam mit unseren Klienten, was sie im jeweiligen Moment tun können und was nicht. Wann welche Schritte Erfolg versprechen und was eher sinnlos wäre.

Ambulante Betreuung vor Ort: Wir arbeiten ambulant, bei unseren Klienten vor Ort: Keine Gruppensitzungen, keine Module, keine Stangenangebote. Bei Bedarf bieten wir auch eine „verdichtete ambulante Betreuung“ (Buddy-System) an. Dabei organisieren wir die Möglichkeit, den Klienten vor Ort durch eine Fachkraft 24/7 inhouse betreuen zu lassen. Bisher war dies jedoch nur einmal notwendig.

Spezielle Suchtakupunktur: Dabei handelt es sich um eine speziell für Suchtkranke (Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit) entwickelte Akupunktur sowie individuelles Coaching und Psychotherapie. 

Behandlungsdauer bis zu einem Jahr

Wie lange dauert eine Sitzung? Und die Gesamtbehandlung?

In der Regel dauert ein Termin zwei Stunden. Manchmal auch fünf. Das richtet sich nach jeweiligen Bedürfnissen unserer Klienten. Die Abstände der Termine schwanken zwischen einmal pro Woche und einmal im Vierteljahr. Die Gesamtdauer der Behandlung beträgt in der Regel mindestens ein Jahr, in unterschiedlicher Betreuungsdichte.

Ärzte können während der Behandlung weiterarbeiten

Stichwort Diskretion: Arbeiten die berufstätigen Ärzte während der Behandlung weiter? Oder sind Sie dazu verpflichtet, die Betroffenen bei der zuständigen Ärztekammer zu melden?

Die Klienten gehen in der Regel ihrem normalen Tagesablauf nach. Von unserer Seite aus erfolgt keinerlei Information an Dritte.

Die Erfolgsquote ist ein wichtiges Stichwort bei der Behandlung von Suchtkranken: Könnten Sie in diesem Zusammenhang eine Zahl nennen?

Wir trauen uns aufgrund unserer langjährigen Erfahrung (Überblick über Verläufe teils >15 Jahre) inzwischen darauf hinzuweisen, dass wir ungefähr ein umgekehrtes Verhältnis „Erfolgs“/„Rückfallquote“ gegenüber den klassischen klinischen oder ambulanten Methoden haben. Kliniken geben an, die „Rückfallquote“ nach Durchlaufen der Behandlung läge innerhalb des Folgejahres bei etwa 75 Prozent.

Welche Qualifikation haben die Therapeuten, die die Behandlungen durchführen?

Jeder ist auf seinem Gebiet ein Spezialist mit langjähriger Erfahrung. Mein Mitinhaber, Dr. Wolfgang Beuse, ist beispielsweise u.a. Ärztlicher Leiter des renommierten Ausbildungsinstituts für Akupunktur (CAN), Master für Neuro-Linguistisches Programmieren (NLP) und Kinesiologie Master.

Behandlungskosten: „Wir sind deutlich preiswerter als GKV

Werden die Behandlungskosten von den Krankenkassen übernommen?

Nein.

Wie viel betragen die Gesamtbehandlungskosten in der Regel?

Ich kann Ihnen keine exakten Zahlen nennen, weil die Kosten sich je nach Fall doch sehr unterschiedlich gestalten. Aber wenn man die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassenversicherung (GKV) pro Fall nimmt (rund 15.000 Euro) und weiter, dass diese Kosten in der Regel mehrfach anfallen (wegen Rückfällen), sind wir deutlich preiswerter.

Welche Geschichte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Es gibt keine langweiligen Fälle – hinter jeder Geschichte steht ein besonderes Schicksal. Es gibt die Kollegin, die meint abhängig zu sein und es eigentlich gar nicht ist; es gibt das ältere Ehepaar, das mit dem Ruhestand eines Partners nicht klargekommen ist und dem Alkohol einen unguten Platz einräumte – und dem es jetzt richtig gut geht und die beiden ihre Zeit genießen können; es gibt die Mittdreißigerin, die seit fast zwanzig Jahren trinkt, deren Leben zuletzt von ständigen Psychiatrieaufenthalten gekennzeichnet ist und deren Umgebung nahezu jeden Glauben an eine Zukunft für sie verloren hatte. Jetzt ist sie längst glückliche Mutter, die weiterhin ihren medizinischen Beruf ausübt, als wenn nichts gewesen wäre.

Dr. Karsten Strauß ist Arzt, Sozialpädagoge, Suchttherapeut, Akupunkteur, Dozent und Autor mit über 35 Jahren Erfahrung in allen Bereichen der Suchtmedizin. Lange Zeit war er als Chefarzt der Reha-Klinik Agethorst (Entzug und Reha polyvalent abhängiger Menschen) tätig. Seit 1998 ist Dr. Strauß mit dem Institut für Suchtmedizin selbständig. Er ist außerdem als Dozent für Suchtakupunktur und autogenes Training im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Kliniken tätig. Kontakt: strauss@suchtmedizin.de

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Titelbild: iStock. Bildnachweis: OtmarW.

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