20. Mai 2021

So häufig kommt es zu Notfällen im Flugzeug

Medizinische Notfälle im Flugzeug werden immer häufiger. Die genaue Inzidenz von medizinischen Ereignissen an Bord und die häufigsten medizinischen Erkrankungen sind jedoch unklar. Eine aktuelle Studie bringt Licht ins Dunkel.1

Lesedauer: 3 Minuten

Autor: Sebastian Schmidt

Die Luftfahrtindustrie wächst seit Jahren. Immer mehr Menschen fliegen. Und damit auch immer mehr ältere Menschen und solche mit signifikanten Komorbiditäten. Doch wie steht es um die Wahrscheinlichkeit von medizinischen Notfällen an Bord eines Flugzeugs? Und welche sind die häufigsten Erkrankungen?

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse untersuchten die Autoren einer Studie im The American Journal of Emergency Medicine die Inzidenz medizinischer Notfälle an Bord von Flugreisenden.

Der unwahrscheinliche Notfall

Elf von 18 Einzelstudien mit etwa 1,5 Milliarden Passagieren untersuchten die Gesamthäufigkeit von medizinischen Notfällen während des Fluges. Das Ergebnis: Bei einer niedrigen Evidenz zeigte sich, dass sich auf eine Million Passagiere weltweit etwa 18,2 medizinische Notfälle ereignen und 0,21 Todesfälle.

Die 4 häufigsten Diagnosen

Die vier häufigsten medizinischen Krankheiten und Symptome während des Fluges waren

  • Synkopen,
  • gastrointestinale Ereignisse wie Erbrechen, Durchfall oder Dyspepsie,
  • respiratorische Symptome wie Atemnot, Asthmaanfälle oder Bronchospasmen,
  • neurologische Beschwerden wie Schlaganfallsymptome und Verlust der Propriozeption.

Seltener waren kardiovaskuläre Ereignisse (Angina pectoris, persistierenden Brady- und Tachykardien, Arrhythmien oder Verdacht auf Herzinfarkt). Auch zu Unfällen kam es nur vereinzelt, insbesondere durch herabfallende Gepäckstücke oder verschüttete Heißgetränke.

Insgesamt waren Synkopen mit etwa 5,5 Ereignissen auf eine Million Passagiere der häufigste Zwischenfall. Am seltensten waren Herzstillstände mit 0,09 Ereignissen pro Million Flugreisender.

Etwa 11 von 100.000 Flüge mussten aufgrund eines medizinischen Zwischenfalls umgeleitet werden. Die damit verbundene Notlandung war mit erheblichen Kosten (zwischen 15.000 und 893.000 US-Dollar) für die Fluggesellschaften verbunden.

Die wichtigsten Schlussfolgerungen der Autoren

  • Medizinische Zwischenfälle an Bord eines Flugzeugs sind sehr selten. Dennoch müssen mitfliegende Ärzte jederzeit damit rechnen, bei einem Notfall helfen zu müssen. Sie sollten sich über die Besonderheiten im Flugzeug bewusst sein sowie über Möglichkeit, mit dem medizinischen Beratungsdienst am Boden während des Fluges in Kontakt zu treten.
  • Die Autoren sprechen sich für moderne standardisierte Meldesysteme aus, um bessere Daten zu möglichen Notfällen an Bord zu erhalten und so die medizinische Versorgung zu verbessern.

Anmerkungen zur Methode

Für ihre Analyse beschränkten sich die Autoren auf Kohortenstudien, die zwischen 1945 und dem 31. Oktober 2020 in MEDLINE, Embase, Cochrane Library und offiziellen Berichten der Federal Aviation Administration/International Air Transport Association veröffentlicht wurden.

Ausgeschlossen wurden Fallberichte und Fallserien, systematische oder narrative Übersichtsarbeiten sowie Studien, die sich mit spezifischen Gesundheitszuständen befassen. Unabhängige Untersucher schätzten das Risiko von Verzerrungen ein.

Die Evidenz wurde mithilfe des GRADE-Ansatzes (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation) bewertet. Unter Verwendung eines Qualitäts-Effekt-Modells haben die Autoren Daten zur Häufigkeit von medizinischen Notfällen während des Fluges, zur Gesamttodesrate, zur Häufigkeit von medizinischen Ereignissen nach Krankheitskategorie, zur Häufigkeit von Umleitungen während des Fluges, zur Anwesenheit von medizinischem Personal an Bord und zur Verwendung eines automatischen externen Defibrillators meta-analysiert.

1. Borges do Nascimento Israel Júnior et al: “The global incidence of in-flight medical emergencies“ in: The American Journal of Emergency Medicine, Volume 48, October 2021, Pages 156-164.

Titelbild: © Getty Images / guvendemir

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG. coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653