08. Juli 2021

Vielflieger mit Gesichtslähmung, die “kommt und wieder geht”

Ein 57-jähriger Rechtsanwalt und Vielflieger stellt sich wegen einer seit vier Jahren rezidivierenden, peripheren Gesichtslähmung und Otalgie vor. Ein Schlaganfall als Ursache scheint eher unwahrscheinlich – doch was kommt stattdessen in Frage?

Lesedauer: 3 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf einem Fallbericht aus dem Journal of Medical Case Reports.

Periphere Lähmung nur in bestimmten Situationen: Schlaganfall unwahrscheinlich

Bei einer Fazialisparese denken viele zuerst an einen Schlaganfall als Ursache. Aber was ist, wenn die Lähmung zum einen keine zentrale, sondern eine periphere Lähmung ist, die zum anderen nur in bestimmten Situationen auftritt? Mit einem solchen Problem hatten es Ärzte der Universität von Kalifornien in San Diego zu tun. So viel sei schon hier verraten: Sie konnten das Problem lösen. 

Der Patient und seine Geschichte: Symptome fast nur bei schnellen Höhenänderungen

Wie Dr. Jason P. Caffrey und seine Kollegen schildern, stellte sich ein 57-jähriger Rechtsanwalt und Vielflieger (bis zu neun Inlandsflüge pro Woche) wegen einer seit vier Jahren rezidivierenden, passageren Gesichtslähmung (rechts) und Otalgie vor. Frequenz und Intensität der Symptome hätten im Laufe der Zeit zugenommen, träten aber fast nur bei schnellen Höhenänderungen auf, etwa im Flugzeug und vor allem beim raschen Aufstieg nach dem Start. Die Symptome seien nach Angaben des Mannes allerdings auch schon im Auto bei einer Fahrt ins Gebirge aufgetreten, als er in 90 Minuten von rund 1500 auf eine Höhe von fast 3400 Meter fuhr. Die Anamnese einschließlich der Familienanamnese lieferte keine weiterführenden Informationen.

Die Befunde

  • Mann mittleren Alters ohne offensichtliche aktuelle Beschwerden, Blutdruck 118/70 mmHg, Herzfrequenz 68, Atemfrequenz 14, kein Fieber, Sauerstoffsättigung 98 Prozent (Raumluft).

  • Nasennebenhöhlen, Nase und Nasenschleimhaut unauffällig ebenso Gehörgänge, Trommelfelle und Gehör (beidseits); Rinne- und Weber-Test ebenfalls unauffällig. Auch die Prüfung der Hirnnerven II-XII ergab keinen pathologischen Befund.

  • Ebenfalls normal waren Labortests und Audiogramm; auch das MRT (mit und ohne Kontrastmittel) half nicht weiter. Die Computertomographie der Schläfenbeine deutete auf eine rechtsseitige Dehiszenz des Fazialiskanals hin; Anzeichen für Sinusanomalien oder chronische Infektionen gab es nicht.

Therapie und Verlauf

Ausgehend von der Diagnose einer fazialen Baroparese wurde bei dem 57-Jährigen eine Myringotomie rechts vorgenommen, mit Einsetzen eines Titan-PET. Bei der zweimonatigen Nachuntersuchung war der Patient nach Angaben der Autoren asymptomatisch, das Röhrchen sei stabil und durchgängig gewesen. Bei der Kontrolluntersuchung nach sechs Monaten habe der Mann berichtet, dass er wieder mehrmals wöchentlich fliegen könne; die Symptome seien nicht mehr aufgetreten.

Selten beschriebenes Phänomen: Faziale Baroparese

Der Nervus facialis kann, wie der Münchener Tauchmediziner Privatdozent Dr. med. habil. Christoph Klingmann auf seiner Webseite erklärt, durch kleine Knochendehiszenzen in seinem Verlauf Druckschwankungen aus dem Mittelohr unterworfen werden. Analog dem Barotrauma des Mittelohrs während des Aufstiegs könne eine blockierte Tube den Druck in der Pauke erhöhen, so dass der Paukendruck den kapillären Perfusionsdruck der autonomen Gefäßversorgung des Nerven übersteige. In der Folge trete eine periphere Fazialisparese auf. Die auftretende Mikrozirkulationsstörung könne durch Tauchen verursacht werden, aber auch auch durch Flugreisen; es sei sogar schon nach dem Schneuzen beobachtet worden.

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Die sogenannte faziale Baroparese ist den US-Autoren zufolge ein selten beschriebenes Phänomen, das meist im Zusammenhang mit einem Barotrauma beim Tauchen auftritt. Die Dehiszenz des Fazialiskanals sei ein bekannter variabler anatomischer Befund, der allerdings selbst mit einer hochauflösenden CT nicht immer zu erkennen sei. Eine Literaturrecherche zur fazialen Baroparese ergab zehn veröffentlichte Fallberichte im Zusammenhang mit Höhenaufenthalten (ausgenommen Patienten mit strukturellen Mittelohr-Anomalien oder postoperativen Komplikationen). Nur in vier Fällen war ein invasiver Eingriff mit Einsatz eines Röhrchens erforderlich.

Dieser Beitrag ist im Original auf Univadis.de erschienen.“

1. Caffrey, J.P. et al. Successful treatment of highly recurrent facial baroparesis in a frequent high-altitude traveler: a case report. J Med Case Reports 14, 218 (2020). https://doi.org/10.1186/s13256-020-02557-9.

Bildquelle: © gettyImages/guvendemir

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