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Der besondere Fall

02. Dez. 2022
Historische Fälle in der Medizin

US-Präsidenten: Mythen um Gesundheitszustand haben Tradition 

Vergangene Woche feierte US-Präsident Joe Biden seinen 80. Geburtstag und ist damit älter als alle seine Vorgänger. Traditionell wird in den USA in der Bevölkerung viel über den Gesundheitszustand des amtierenden Präsidenten spekuliert. Der Arzt und Historiker Ronald D. Gerste blickt hinter die Mythen und ordnet ein.  

Lesedauer: ca. 7 Minuten

US-Amerikanische Flagge
Ein Politikum: Der Gesundheitszustand des US-Präsidenten. (Foto: © Getty Images / iluhanos)

Redaktion: Marc Fröhling & Sebastian Schmidt

Am 20. November feierte Joe Biden seinen 80. Geburtstag und ist damit der älteste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Anfang Januar 2023 will er nach eigener Aussage entscheiden, ob er für eine zweite Amtszeit kandidieren wird. Zum Ende einer zweiten Amtsperiode wäre Biden dann 86 Jahre alt. Dabei ist sein Alter schon länger ein Politikum, damit einher gehen Bedenken zur Fitness und Gesundheit des Präsidenten. Bereits vor seiner Wahl zum Staatsoberhaupt wurde sein Gesundheitszustand öffentlich mehrfach angezweifelt. 

Herr Gerste, Sie leben und arbeiten in der Nähe von Washington D.C. Wie geht es dem US-Präsidenten aktuell, was ist über seinen momentanen Gesundheitszustand bekannt? 

Joe Biden
Abb. 1: US-Präsident Joe Biden (The White House)
Joe Biden
Abb. 1: US-Präsident Joe Biden (The White House)

Ronald D. Gerste: Offen gestanden: ich wünsche mir, mit 80 so (relativ) gut drauf zu sein wie er. Biden macht einen für dieses Alter körperlich fitten Eindruck; dass man mal vom Fahrrad fällt oder auf einer Treppe ins Stolpern kommt, dürfte auch Jüngeren gelegentlich passieren.

Was über jüngere Befunde bekannt ist: bei einer Koloskopie ist im vergangenen Jahr ein drei Millimeter großes tubuläres Adenom entfernt worden, das hier von den Medien als „potenziell präkanzerös“ beschrieben wurde - auch nichts wirklich Ungewöhnliches in dem Alter. Auf Covid wurde er zweimal positiv getestet – ich zögere mit der Formulierung „hat Covid gehabt“, da es sich nach allem was bekannt wurde um ein Testergebnis, nicht um eine Erkrankung gehandelt hat.

Für seine politischen Gegner, allen voran Ex-Präsident Donald Trump, steht fest, dass Biden ungeeignet für das Amt ist. Sie unterstellten „Sleepy Joe” schon das ein oder andere Mal mangelnde geistige Fähigkeiten. Was ist dran an den Behauptungen? 

Gerste: Biden hat immer mal wieder Wortfindungsstörungen, das Stammeln ist nicht so ganz neu bei ihm. Gelegentlich kommen bei ihm – einem Politiker, der während seiner ganzen Laufbahn wegen zahlreicher gaffes, sprachlicher Schnitzer, den Medien immer wieder Stoff für ironische oder empörte Stories geliefert hat – Aussagen heraus, die nicht gut durchdacht sind. So hat man eine Bemerkung von ihm über ein vor Jahren entferntes kleines Melanom der Haut als Bekenntnis, er habe (momentan) Krebs, missverstehen können.

Das Gedächtnis lässt ihn manchmal im Stich. So hat er kürzlich bei einer Rede nach einer vermeintlich im Publikum befindlichen Kongressabgeordneten gesucht und „Where is Jackie? Where is Jackie?“ gerufen. Die Politikerin, Jackie Walorski aus Indiana, war indes einige Wochen zuvor bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen.

Zum Thema „Sleepy“ gibt es übrigens ein besseres Beispiel aus der Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft. William Howard Taft – er regierte von 1909 bis 1913 – hatte schwere Schlafapnoe; bei seinem Gewicht von zeitweise rund 350 Pfund nicht ganz ungewöhnlich. Er schlief  bei allen unpassenden Gelegenheiten ein, bei einem Staatsbankett, bei der Fahrt im offenen Automobil und sogar für einige Minuten im Stehen.

Infografik Biden wird der älteste US-Präsident der Geschichte
Abb. 2: Alter von US-Präsidenten bei Amtsantritt.
Infografik Biden wird der älteste US-Präsident der Geschichte
Abb. 2: Alter von US-Präsidenten bei Amtsantritt.

Der einzige Kandidat, der bereits offiziell seinen Hut für die nächste Präsidentenwahl in den Ring geworfen hat, ist Trump selbst. Er ist mit 76 Jahren auch nur vier Jahre jünger. Trump ließ sich in seiner Amtszeit aber eine schier sagenhafte Fitness attestieren. Wie steht es um die Gesundheit des Herausforderers im “Seniorenrennen um das Weiße Haus”? 

Gerste: Sein damaliger Leibarzt attestierte ihm eine geradezu märchenhafte Gesundheit; der ehemalige Präsident und nunmehrige Kandidat lobte in der für ihn eigenen Rhetorik seine „unglaubliche Fitness“ und seine ebenso unglaublichen Gene. Allerdings ist bekannt, dass seine Ernährung nicht die allerbeste ist; sein Übergewicht – das übrigens für amerikanische Verhältnisse nicht exorbitant ist – dürfte mit eher ungünstigen Cholesterinwerten einhergehen. Immerhin: er trinkt keinen Alkohol und raucht nicht.

Stichwort Gesundheitscheck: Mehr oder weniger regelmäßig wird die Fitness und der Gesundheitszustand des US-Präsidenten gründlich überprüft und der Öffentlichkeit präsentiert. Gerade für deutsche Verhältnisse klingt das zunächst einmal erstaunlich offen. Wie ist dieser Routinecheck aufgebaut? Inwieweit ist den Ergebnissen aber überhaupt Glauben zu schenken und was soll damit erreicht werden? 

Gerste: Wir können sicher davon ausgehen, dass auch in diesem Punkt versucht wird, die positiven Aspekte zu kommunizieren und Negatives eher geheim zu halten. Grundsätzlich soll die Bevölkerung davon überzeugt werden, wie fit der Präsident für seinen in der Tat extrem stressigen Job ist. Aber die Checks sind wirklich umfassend, können sich auch über mehrere Tage hinziehen; eine von mehreren Präsidenten dafür ausgesuchte Adresse ist das Naval Hospital in Bethesda, etwas außerhalb der Hauptstadt. Schwerpunkte sind die kardiovaskuläre Gesundheit und die Krebsvorsorge – siehe die Darmspiegelung bei Biden, die übrigens auch bei Ronald Reagan einen endoskopisch entfernten Befund zeitigte.

Über den Autor
Ronald D. Gerste

Ronald. D. Gerste, geboren 1957, ist Arzt und Historiker. Seit seinen Studientagen fasziniert ihn der Einfluss, den medizinische Faktoren auf den Ablauf der Geschichte haben. Gerste lebt seit vielen Jahren als Korrespondent und Buchautor in Washington, D.C., und schreibt dort vor allem für die „Neue Zürcher Zeitung“ und die „FAS“, für „Damals“, für das „Deutsche Ärzteblatt“ und andere wissenschaftliche Zeitschriften.

Wurde die Gesundheit der US-Präsidenten auch früher so öffentlichkeitswirksam kommuniziert?   

Gerste: Nein, sie wurde immer wieder als ein Staatsgeheimnis behandelt. Der Wendepunkt – oder Knackpunkt – im Umgang mit der präsidentiellen Gesundheit durch Öffentlichkeit, Medien und auch den Amtsinhaber selber war die Präsidentschaft von John F. Kennedy. Er stellte sich – mit tatkräftiger Hilfe der ihm völlig ergebenen Mainstreammedien und seinem Umfeld, vor allem seiner hyperehrgeizigen Familie – als jugendlich vitaler Ritter von Camelot dar. Seine umfangreiche Anamnese wurde erst posthum bekannt und war ein Schock: Morbus Addison, Medikamentenabhängigkeit, Geschlechtskrankheit. Und das ist nur, was bekannt geworden ist; wir wissen nicht, was in der JFK Library in Boston, bei den Gralshütern der Legende, noch alles in den Archiven schlummert.

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Abb. 3: Die Erkrankungen von John F. Kennedy wurden erst posthum bekannt.
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Abb. 3: Die Erkrankungen von John F. Kennedy wurden erst posthum bekannt.

Sein Nachfolger Lyndon B. Johnson wollte es ganz anders machen und legte eine bemerkenswerte Offenheit über seinen Gesundheitsstatus an den Tag. Kurz nach seiner Cholezystektomie lud er die Presse zu sich und raffte kurzerhand sein Hemd, so dass alle Reporter die noch blutrote Narbe sehen konnten. Eine Journalistin fiel in Ohnmacht.

Eine schwerwiegende Epikrise gab es Ende des 19. Jahrhunderts. Grover Cleveland, der mit seinen zwei getrennten Amtszeiten die Präsidentenzählung durcheinander bringt – er war 22. (1885-1889) und 24. (1893-1897) Amtsinhaber in einer Person – hatte einen bösartigen Tumor des Gaumens. Er wurde in aller Heimlichkeit auf einer Yacht (der Präsident machte offiziell „Urlaub“) operiert, damals ein ungewöhlich schwieriger Eingriff. Man passte ihm eine Prothese an; als er nach einigen Wochen erstmals wieder eine Rede hielt, war nichts zu bemerken. Cleveland fürchtete, dass die Nachricht von seiner Erkrankung die grassierende Wirtschaftskrise von 1893 noch verstärken würde.

Gibt es in der Geschichte Beispiele für Präsidenten, die tatsächlich nicht mehr amtsfähig waren? 

Gerste: Ja, Woodrow Wilson erlitt 1919 mehrere Schlaganfälle. Wie hinfällig und amtsunfähig er war, wurde von einer „Troika“ aus seiner Gattin, seinem Leibarzt und seinem Sekretär der Öffentlichkeit und dem Kongress vorenthalten. Eine weltpolitische Folge: die Republikaner im Kongress lehnten die Ergebnisse der Konferenz von Versailles ab und die USA wurden nicht Mitglied des Völkerbundes. Nach mehreren Monaten ließ die Troika eine Delegation des Senats ins Weiße Haus. Sie hatten Wilson einigermaßen gut zurecht gemacht, die Vorhänge zugezogen und ließen die Besucher den Präsidenten im Dämmerlicht nur von einer Seite sehen, so dass ihnen die Lähmung der anderen Gesichtshälfte verborgen blieb. Immerhin, der ehemalige Rektor der Princeton University hatte noch etwas von seinem Esprit bewahrt. Als einer der Besucher erklärte: „Wir beten für Sie, Mr. President!“ kam die leicht verzerrte Antwort „In which direction?

Ronald D. Gerste: Trinker, Cowboys, Sonderlinge

Unterhaltsam und zugleich höchst informativ beleuchtet Ronald D. Gerste eine unbekannte Seite der US-Geschichte: das Leben skurriler, bemerkenswerter, spleeniger und mitunter auch tragischer Präsidenten der USA. Zugleich gibt er überraschende Einblicke in die bisher wenig bekannten Seiten des wichtigsten Amtes der Welt und seiner Inhaber.

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Wie ist denn derzeit das Stimmungsbild in den US-amerikanischen Bevölkerung – ist Biden tatsächlich zu alt? 

Gerste: Das kommt angesichts einer tief gespaltenen Bevölkerung darauf an, wen Sie fragen. Bei uns im mit großer Mehrheit den Demokraten zugeneigten Maryland werden Sie eher eine positive Einschätzung hören. Vor allem aber: wen haben die Demokraten sonst? Das personelle Angebot – man betrachte allein die bisherige Führungsschicht im Repräsentantenhaus, die in der neunten Lebensdekade steht – ist recht bescheiden, die Vizepräsidentin wird selbst von vielen Parteigängern als Totalausfall gesehen. Sie werden sich 2024 wohl erneut auf Old Joe verlassen müssen.

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