12. März 2021

Fallauflösung

Schmerzhafte Dauererektion bei 32-Jährigem

Erfahren Sie hier im zweiten Teil des urologischen Notfalls, wie die Ärzte weiter vorgehen und welches Krankheitsbild für den Priapismus bei dem jungen Patienten verantwortlich ist.1

Lesedauer: 1,5 Minuten

Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera, Dr. Nina Mörsch

Ärzte aspirieren Blut aus den Schwellkörpern

Die Ärzte führen eine beidseitige Punktion der Corpora cavernosa durch. Der Versuch, mit dem Aspirat eine Blutgasanalyse durchzuführen, schlägt jedoch wiederholt aus zunächst unbekannten Gründen fehl, wie die Autoren um Dr. med. Muhammad Abdeen, Klinik für Urologie und Kinderurologie, Universität des Saarlandes, berichten.

Abb. 1 Aus den Corpora cavernosa aspiriertes Blut, Bild: SpringerMedizin

Anschließend werden aus den Schwellkörpern ca. 250 ml Blut aspiriert. Nun fällt während der Aspiration auf, dass sich in den gefüllten Spritzen nach kurzer Zeit eine dicklich weiße Schicht von den übrigen Blutbestandteilen separiert (Abb.  1). Die Laboruntersuchungen des peripher-venös entnommenen Blutes ergeben die in Tab.  1,  2 und  3 aufgeführten Resultate.

Zügige Diagnostik und Therapie

Bei dem jungen Mann liegt ein Low-flow-Priapismus infolge eines Hyperviskositätssyndroms vor. Zudem besteht der hochgradige Verdacht auf das Vorliegen einer Leukämie.

In den Schwellkörpern werden jeweils 10 mg Etilefrin mit 10 ml 0,9 % NaCl verdünnt sowie 1000 IE Heparin injiziert. Hierauf sowie unter manueller Kompression kommt es zu einer kompletten Detumeszenz. Es wird abschließend für 3 Stunden ein Druckverband angelegt.

Zur weiteren Diagnostik und Therapie wurde der Patient in die Klinik für Hämatoonkologie aufgenommen. Noch am selben Tag erfolgte eine Beckenkammbiopsie, deren Aufarbeitung letztlich die Diagnose einer chronisch-myeloischen Leukämie (CML) in der chronischen Phase erbrachte. Die molekularzytogenetische Analyse aus den peripheren Blut- und Knochenmarkproben zeigte eine für die CML typische reziproke Translokation zwischen dem langen Arm von Chromosom 9 und dem langen Arm von Chromosom 22 (t[9;22], „Philadelphia-Chromosom“), welche zu einem BCR-ABL1-Rearrangement führt. Zusätzlich ließ sich als sog. Major-route-Zusatzaberration eine Trisomie 8 nachweisen, welche jedoch nicht mit einer schlechteren Prognose assoziiert ist.

Gabe von Hydroxycarbamid, Imatinib und schließlich Dasatinib

Die abdominelle sonographische Untersuchung zeigt eine Splenomegalie von 22 × 7 cm, eine signifikante Hepatomegalie liegt nicht vor. Der EUTOS-Score wurde mit 70 (niedriges Risiko) bestimmt. Nach der initialen Gabe des Zytostatikums Hydroxycarbamid wurde eine Therapie mit dem Tyrosinkinaseinhibitor Imatinib eingeleitet. Hierunter kam es jedoch nur zu einem unzureichenden Ansprechen, weswegen innerhalb von 4 Wochen auf den Zweitgenerationstyrosinkinaseinhibitor Dasatinib gewechselt wurde.

Dies führte zu einer Normalisierung des Blutbildes innerhalb von 2 Wochen. Aufgrund der nicht abgeschlossenen Familienplanung wurde vor der Einleitung der zytostatischen Therapie dem Patienten eine Kryokonservierung des eigenen Spermas angeboten. Allerdings lehnte der Patient diese ab. Beim letzten Follow-up des Patienten 22 Monate nach Erstdiagnose ist dieser komplett beschwerdefrei und berichtete von einer normalen Erektionsfähigkeit ohne Rezidiv des Priapismus.

Mehr wissen: Hintergründe und Behandlungsmöglichkeiten

Im dritten Teil des Falls erläutern die Autoren mehr über die Hintergründe eines malignen Priapismus und fassen die derzeitigen Therapieoptionen zusammen. Jetzt weiterlesen >>

  1. M. Abdeen et al: Wenn ein urologischer Notfall auf eine internistische Krise hinweist, Urologe 2021, 60:67–70 (Creative Commons 4.0 Lizenz).

Abbildungen: SpringerMedizin

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