23. Dezember 2019

Teil 2

Fallauflösung: Toxischer Geflügelbraten

Erfahren Sie jetzt, wie Ihre Kollegen der ungewöhnlichen Ursache der hier beschriebenen Rhabdomyolyse schließlich auf die Spur gekommen sind.

Lesedauer: 3 Minuten

Den folgenden Fall beschreiben Dr. Matthias Janneck, Albertinen-Krankenhaus Hamburg und Dr. Stefan Schmiedel, Universitätsklinikum Eppendorf im Hamburger Ärzteblatt Ausgabe 10, 2019.1 Redaktion Dr. Nina Mörsch.

Vermeintlicher Fasan entpuppt sich als Wachtel

Zwar fanden die Ärzte keinen Hinweis in der Literatur auf Vergiftungen durch Fasane, erzählen die Autoren. Allerdings ist das Krankheitsbild des Patienten nach Verzehr von wilden Wachteln gut beschrieben, sodass sie ihm Fotos der genannten Vögel zeigten. Und tatsächlich: Der vermeintliche Fasan entpuppt sich als große Wachtel.

Der Patient entwickelt anurisches Nierenversagen, eine intermittierende Dialysetherapie wird notwendig. Zudem zeigt sich im Herzecho eine hochgradig eingeschränkte LV-Funktion (CK-MB max. 2.386 U/l, 15 Prozent CK-NAC; Anstieg parallel zu Troponin T).

Die Lebensgefährtin des Patienten wird zwischenzeitlich in die gleiche stationäre Therapie übernommen. Auch sie hat starke Muskelschmerzen in Nacken, Schultern, Armen und Waden und war bei erhöhtem Troponin und nur mäßig erhöhter CK (810 U/l) koronarangiografiert worden. Auch bei ihr ist der Koronarbefund unauffällig und sie zeigt ebenfalls eine reduzierte LV-Funktion mit guter Rückbildungstendenz. Ein Nierenversagen tritt bei ihr nicht auf.

Gesundheitszustand verbessert sich

In den nächsten Tagen stabilisiert sich der klinische Zustand unseres Patienten, die Nieren- und Myokardfunktion verbessern sich. Er kann auf die Normalstation verlegt werden, von wo er beschwerdefrei mit weiter fallenden Retentionsparametern entlassen wird.

Die Tochter des Patienten beklagt lediglich vorübergehende leichte Wadenschmerzen und wird ambulant gesehen mit komplett unauffälligem Labor. Heute, Jahre nach der Vergiftung, erfreut sich der Patient weiter bester Gesundheit und ist völlig nieren- und herzgesund.

Das Wichtigste über Rhabdomyolyse
Erfahren Sie die wichtigsten Ursachen und Behandlungsschritte bei dem Vorliegen einer Rhabdomyolyse.

Coturnismus: Vergiftung durch Wachtelfleisch

Die im hier geschilderten Fall aufgetretene Rhabdomyolyse bezeichnet den Untergang oder die Disintegration von gestreifter Skelettmuskulatur. Der Konsum von Wachteln (Coturnix coturnix), insbesondere von Wildfängen auf ihrem Zug durch die Mittelmeerländer von und zu den Winterquartieren in Ostafrika, ist eine seltene Ursache einer solchen akuten Rhabdomyolyse und wird als Coturnismus bezeichnet. Dabei kommt es innerhalb von Stunden nach dem Verzehr von Wachtelfleisch zu einer Rhabdomyolyse und in 10 bis 40 Prozent der Fälle zu einem darauffolgenden akuten Nierenversagen.

Neben den Symptomen einer Rhabdomyolyse fehlen beim Coturnismus meist neurologische und gastrointestinale Beschwerden, die bei anderen Nahrungsmittelvergiftungen typisch sind. Geschmack und Geruch des verzehrten Wachtelfleisches sind dabei völlig unauffällig, Einfrieren oder die Zubereitung durch Kochen schützen nicht vor der Vergiftung.

Schon in der Bibel erwähnt

Die Erkrankung ist zwar selten, aber seit Langem bekannt, erklären die Autoren Dr. Schmiedel und Dr. Janneck. Sie weisen darauf hin, dass sie bereits in der Bibel Erwähnung findet („Als aber das Fleisch noch zwischen ihren Zähnen war und ehe es ganz aufgebraucht war, da entbrannte der Zorn des HERRN gegen das Volk, und er schlug sie mit einer sehr großen Plage.“ (4. Mose (NUMERI) 11,33, bei Interesse lesen Sie mehr dazu im Hamburger Ärzteblatt).

Häufung in Mittelmeerländern

In den Mittelmeerländern treten immer wieder Häufungen von Krankheitsfällen, besonders im Herbst, auf. Obwohl die Beschwerden der Erkrankung ausgeprägt sein können, genesen die Patienten in den meisten Fällen innerhalb von Wochen völlig. Ob das akute Nierenversagen nur durch die Rhabdomyolyse oder auch durch eine direkte Toxinwirkung ausgelöst wird, ist ungeklärt, ebenso ob es eine direkte Toxinwirkung auch auf den Herzmuskel gibt – was in dem hier beschriebenen Fall aus Sicht der Autoren Dr. Schmiedel und Dr. Janneck sehr wahrscheinlich erscheint.

  • Die Pathogenese der Erkrankung ist noch nicht geklärt, toxische und genetische Ursachen werden vermutet. In der Literatur wird spekuliert, dass ein spezifisches, bisher noch unentdecktes Toxin für die Vergiftung ursächlich sein könnte. Möglich ist, dass eine an Schierlingssamen (Conium maculatum) reiche Kost bei den Wachteln zu Akkumulation des Schierlingsgifts (Coniin) in der Muskulatur der Vögel führt.

    Auch andere Nahrungspflanzen (Galeopsis ladanum) der Wachteln enthalten toxische Alkaloide. Möglicherweise tritt dann nur bei zusätzlich vorhandenden, noch nicht charakterisierten Stoffwechselanomalien beim Endwirt eine erhöhte Toxizität auf. Anders als in den hier dargestellten Fällen, war bei anderen Berichten keine Dosisabhängigkeit der Vergiftung zu beobachten. Bei Aufnahme von vergiftetem Wachtelfleisch erkranken erstaunlicherweise nicht alle Personen, die davon gegessen haben. Coniin allein führt allerdings dosisabhängig bei Intoxikationen regelmäßig zu Rhabdomyolyse und Nierenversagen.

Therapie

Eine spezifische Therapie des Coturnismus ist nicht bekannt. Supportiv sollte ein angepasstes Flüssigkeits- und Elektrolytmanagement erfolgen, eine forcierte Diurese und eine Alkalisierung des Urins sollen die Myoglobin- und Toxinausscheidung fördern.

Selten ist temporär eine Dialyse erforderlich. Die Erholung nach akutem Nierenversagen erfolgt meist rasch und vollständig. Eine rasche Diagnose dieser seltenen Vergiftung ist wichtig, um eine angemessene supportive Therapie beginnen zu können und Überdiagnostik (z. B. Koronarangiografie) zu vermeiden. Die genetischen, toxikologischen und epidemiologischen Merkmale der Erkrankung sind noch weitgehend unverstanden. Coturnismus sollte bei Patienten mit Rhabdomyolyse nach Geflügelverzehr in Erwägung gezogen werden.

Autoren:

Dr. Stefan Schmiedel (rechts im Bild), Medizinische Klinik und Poliklinik (Gastroenterologie mit Sektionen Infektiologie und Tropenmedizin) Ambulanzzentrum Infektiologie Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. E-Mail: s.schmiedel@uke.de
Dr. Matthias Janneck
, Sektion Nephrologie, Herz- und Gefäßzentrum, Albertinen Krankenhaus Hamburg

  1. Dr. Matthias Janneck, Dr. Stefan Schmiedel: Toxischer Geflügelbraten, Hamburger Ärzteblatt, 10, 2019

Bild: © GettyImages/Andyworks

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