23. Dezember 2019

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Falsche Fährte: Toxischer Geflügelbraten

Ein 78-Jähriger wird mit heftigen Schmerzen in Armen und Beinen in die Notaufnahme eingeliefert. Die Kreatinkinase-Werte sind überraschend hoch, außerdem zeigt sich eine Leukozytose. Zuvor hatte der Mann vermeintlich einen Fasan verspeist.1

Lesedauer: 2,5 Minuten

Den folgenden Fall beschreiben Dr. Matthias Janneck, Albertinen-Krankenhaus Hamburg und Dr. Stefan Schmiedel, Universitätsklinikum Eppendorf im Hamburger Ärzteblatt Ausgabe 10, 2019.1 Redaktion: Dr. Nina Mörsch.

Der Fall:

Ein 78-Jähriger wird am Abend mit massiven Schmerzen in Oberarmen, Oberschenkeln und Waden per Rettungswagen in die Notaufnahme eingeliefert. Noch zwei Stunden zuvor hatte er in einer Kirche Orgel gespielt, auf dem Rückweg (per Fahrrad) begannen die Schmerzen zunächst im linken Oberarm, sodass er diesen Arm hängen ließ und einhändig lenkend nach Hause fuhr.

Dort angekommen ging der Schmerz auf den rechten Oberarm über, dann auf beide Beine. Zudem traten Kurzatmigkeit und Druck auf der Brust auf. Die Symptome waren so ausgeprägt, dass eine Notärztin eine Krankenhauseinweisung per Rettungswagen veranlasste.

In der Notaufnahme

In der Notaufnahme zeigt sich ein massiv schmerzgeplagter Patient in sonst sehr gutem Allgemeinzustand ohne relevante Vorerkrankungen und ohne Dauermedikation. Der Untersuchungsbefund ist bis auf einen muskulären Druckschmerz in den genannten Regionen unauffällig, die Vitalparameter sind normal, und das EKG zeigt einen normofrequenten Sinusrhythmus ohne relevante Erregungsrückbildungsstörungen.

Das Aufnahmelabor zeigt überraschenderweise eine ausgeprägte CK-Erhöhung von 14.903 U/L (Norm <173) und eine Leukozytose von 22,7 Mrd/l. CRP und Kreatinin sind nicht erhöht, GOT und GPT gering angestiegen (312 bzw. 74 U/l, Norm < 50).

Typische Auslöser einer Rhabdomyolyse, wie die Einnahme von Statinen, werden verneint. Der Patient berichtet über Reisen nach Spanien, Frankreich und Norditalien in den letzten Monaten, Fernreisen habe er nicht unternommen.

Deutlicher Troponinanstieg über Nacht

In der Nacht kommt es dann zu einem deutlichen Troponinanstieg von 210 auf 751 pg/ml (Norm < 14), und der Patient entwickelt zügig das Bild eines hypertensiven Lungenödems, sodass eine nicht-invasive Beatmung und eine Verlegung auf die Intensivstation nötig werden.

Partnerin entwickelt ähnliche Symptome

Ein Notfall-CT kann eine Aortendissektion und eine Lungenembolie als Ursache ausschließen; eine Koronarangiografie zeigt einen unauffälligen Koronarbefund. Dann erreicht uns die Nachricht, dass die Lebensgefährtin des Patienten mit ähnlichen Symptomen in einem anderen Hamburger Krankenhaus aufgenommen wurde, sodass eine Intoxikation sehr wahrscheinlich ist.

Auf erneute Nachfrage berichtet der Patient, dass er sich einen Fasan auf einem Hamburger Wochenmarkt gekauft und diesen mit seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter am Vortag zu circa zwei Dritteln gegessen habe, das letzte Drittel habe er mit seiner Frau am Aufnahmetag verspeist.

Seine Tochter habe als „strenge“ Vegetarierin nur von einem Flügel probiert. Sofort wird über mögliche Intoxikationen durch Fasane recherchiert – ohne wirklich überzeugendes Ergebnis.

Was vermuten Sie als Ursache der Rhabdomyolyse?

Was vermuten Sie als Ursache der Rhabdomyolyse im vorliegenden Fall? Schreiben Sie Ihre Vermutung in das Kommentarfeld weiter unten und erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, wie die Ärzte schließlich der tatsächlichen Ursache der Rhabdomyolyse auf die Spur gekommen sind.

  1. Dr. Matthias Janneck, Dr. Stefan Schmiedel: Toxischer Geflügelbraten, Hamburger Ärzteblatt, 10, 2019

Bild: © GettyImages/Zoryanchik

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