30. Dezember 2020

Appendix-Selbstoperation: „(K)ein Leben wie jedes andere“

Vor annähernd 50 Jahren ereignet sich auf einer russischen Forschungsstation im ewigen Eis der Antarktis ein bemerkenswerter medizinischer Notfall: Einer der Teilnehmer erleidet eine Blinddarmentzündung – er selbst ist jedoch der einzige verfügbare Arzt.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Der folgende Beitrag beruht auf einem Fallbericht aus der Weihnachtsausgabe des BMJ aus dem Jahr 2009. Redaktion Marc Fröhling

Aufbruch in den antarktischen Winter

Der 27-Jährige Leonid Rogozov ist ein junger Arzt und angehender Chirurg. Eigentlich hätte er seine Doktorarbeit verteidigen sollen. Stattdessen nutzt er eine einmalige Gelegenheit und bezieht im Februar 1961 mit elf anderen Crewmitgliedern die russische Antarktis-Station „Nowolasarewskaja“. 

Rogozov ist der Expeditionsarzt, arbeitet aber auch als Meteorologe und Geländewagenfahrer. Im März bricht der Winter über die Station herein: Monate voller Dunkelheit, Schneestürmen und eisigen Temperaturen stehen den von der Außenwelt abgeschnittenen Teilnehmern bevor. 

Klare Diagnose – aber kein behandelnder Arzt verfügbar

Nach einigen Wochen auf der Station fühlt sich Rogozov krank. Ihm ist übel und er hat Schmerzen im Oberbauch, die bald in den rechten Unterbauch wandern. Seine Körpertemperatur beträgt 37.5 °C. Die Diagnose ist Rogozov schnell klar – er hat eine akute Appendizitis. 

Nach außen gibt er sich gelassen: Laut seinen Tagebucheinträgen schweigt er über die Diagnose und lächelt zunächst. Niemand kann ihm helfen, warum also sollte er die anderen Expeditionsteilnehmer in Panik versetzen?  

Er befindet er sich inmitten der Antarktis in der kalten Polarnacht, ohne Möglichkeit für einen Transport. Schneestürme lassen keinen Start mit dem Flugzeug zu. Rogozov selbst ist der einzige verfügbare Arzt.  

Konservative Behandlung schlägt nicht an – Operation unausweichlich

Der Versuch einer konservativen Behandlung mit Antibiotika und lokaler Kühlung scheitert. Rogozovs Zustand verschlechtert sich zunehmend. Seine Körpertemperatur steigt, er erbricht häufiger. Noch gibt es keine Anzeichen einer Perforation des Blinddarmes – sehr wohl jedoch eine beklemmende Vorahnung, wie seinen Tagebüchern zu entnehmen ist. Aufgeben und sich der Situation ausliefern ist für ihn keine Option: Er informiert seine Kameraden und beginnt den einzig möglichen Ausweg, eine Selbstoperation, zu planen.

Das OP-Team: Rogozov selbst, ein Meteorologe & ein Mechaniker

Rogosovs Kollegen sterilisieren zunächst nach seiner Anweisung das Bettzeug und die benötigten Instrumente. Der Raum, zu einem behelfsmäßigen Operationssaal umfunktioniert, wird mit ultraviolettem Licht erleuchtet. Neben Rogozov selbst, der die Operation leitet und Aufgaben zuweist, sind drei weitere Personen am Operationsgeschehen beteiligt: Der Meteorologe Alexandr Artemew reicht die Instrumente, der Mechaniker Zinovy Teplinsky hält den Spiegel für Rogozov und kümmert sich um die Beleuchtung. Stationsleiter Vladislav Gerbovich steht als Reserve bereit.

Rogozov verlässt sich auf seinen Tastsinn

Für die Operation begibt sich Rogozov in eine halbliegende Position, die rechte Hüfte leicht erhöht. Die untere Körperhälfte ist in einem Winkel von 30° angehoben. Er infiltriert sich das Lokalanästhetikum Procain (Novocain) 0,5% in die Bauchdecke und setzt nach einer Viertelstunde einen 10-12 cm langen Schnitt.

Rogozov verlässt sich auf seinen Tastsinn als Orientierungshilfe und verzichtet deshalb auf Handschuhe – er arbeitet größtenteils nach Gefühl. Nach einer halben Stunde setzen ihm Schwäche und Schwindel zu – er muss häufiger Pausen einlegen. Sein Assistent Teplinsky muss ihm wiederholt den Schweiß von der Stirn wischen.  

Es gelingt Rogozov schließlich, den entzündeten Blinddarmfortsatz zu entfernen. Er verabreicht sich Antibiotika in die Bauchhöhle und verschließt danach die Wunde. Blass und müde beendet er die Operation nach 1 Stunde und 45 Minuten. 

Zwei Wochen nach der OP zurück im Stationsalltag

Im Anschluss an die OP nimmt Rogozov Schlaftabletten und ruht sich aus. Am nächsten Tag beträgt seine Körpertemperatur 38,1 °C, seinen Zustand beschreibt er selbst als „mäßig schlecht“. Nach vier Tagen verschwinden die Anzeichen einer lokalisierten Peritonitis, nach fünf Tagen normalisiert sich die Körpertemperatur. Nach einer Woche entfernt er sich die Fäden, eine weitere Woche später verrichtet er wieder seine normalen Aufgaben auf der Station.

Rogozov: „Ein Job wie jeder andere, ein Leben wie jedes andere“ 

Nach seinem Aufenthalt auf der Station, der noch mehr als ein Jahr andauert, kehrt Rogozov nie wieder in die Antarktis zurück. Er arbeitet in der Abteilung für Allgemeine Chirurgie des Ersten Leningrader Medizinischen Instituts und stirbt im Jahr 2000 mit 66 Jahren in St. Petersburg.  

Wer ihn auf seine beeindruckende Selbstoperation ansprach, bekam als Antwort ein Lächeln und den bescheidenen Satz: „Ein Job wie jeder andere, ein Leben wie jedes andere.“ 

1. Rogozov Vladislav, Bermel Neil. Auto-appendectomy in the Antarctic: case report BMJ 2009; 339 :b4965.
Titelbild: © Getty Images/stsmhn

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