26. April 2019

Aus dem Nichts: Jugendlicher mit akuter Psychose

Ein 14-jähriger Junge entwickelt psychotische Symptome, spricht aber nicht auf Psychopharmaka an. Erst nach 18 Monaten, und mehreren Klinikaufenthalten, wird die richtige Diagnose gestellt.

Lesedauer: 4 Minuten

Der vorgestellte Fall wurde von Breitschwerdt et al. im Journal of Central Nervous System Disease veröffentlicht. 1  Redaktion: Laura Cabrera

Plötzlich auftretende Psychose

Der Junge hat herausragende Schulnoten, spielt die Hauptrolle in seinem Schultheater und kommt gut mit seinen Mitschülern aus. Im Oktober 2015 entwickelt er aus völliger Gesundheit heraus psychiatrische Symptome: Er fühlt sich verwirrt, ist depressiv verstimmt und zeitweise agitiert. Er behauptete, er sei „böse, ein verdammter Sohn des Teufels“.

Da er befürchtet, dass er Mordphantasien gegenüber seiner Familie ausagieren könne, wird er suizidal. Im Rahmen dessen erfolgt die erste psychiatrische Klinikeinweisung. Mit der Hauptdiagnose „Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen“ erhält er Aripiprazol und wird nach einer Woche wieder entlassen. Zwar ist er nicht mehr selbst- oder fremdgefährdend, doch er leidet weiterhin unter formalen und inhaltlichen Denkstörungen und emotionalen Schwankungen.

Depression bereits im Alter von 9 Jahren…

In der Vorgeschichte des Jungen sticht eine depressive Episode im Alter von neun Jahren besonders hervor. Seine Eltern beschreiben, dass er in der Schule unterfordert und gleichzeitig sozial unbeholfen war. Als Verdachtsdiagnose wurde das Asperger-Syndrom in Betracht gezogen. Damals erhielt der Junge ein Jahr lang 25 mg Sertralin und wechselte auf eine Schule für begabte Kinder, woraufhin er wieder vollständig gesund wurde. Vor Ausbruch der aktuellen Symptomatik hatte er seine sozialen Defizite vollständig aufgeholt.

Weitere Behandlungen in der Vorgeschichte waren:

  • April 2014: Antibiose bei Infektion mit Mycoplasma pneumoniae, Rezidiv im Dezember 2014 mit erneuter Behandlung
  • Juni 2015: Topische Steroide wegen Kontakt mit Gift-Efeu und ein orales Cephalosporin nach mehreren Insektenstichen (nach Ferien auf einer Farm in Missouri)

… und eine komplizierte Familienanamnese

In der Familienanamnese finden sich sowohl auf väterlicher wie auf mütterlicher Seite Depressionen, Alkoholabhängigkeit sowie weitere psychische Störungen, inklusive des Verdachts auf eine bipolare Störung. Zusätzlich leiden Verwandte unter Colitis ulcerosa, Fibromyalgie, rheumatoider Arthritis, multipler Sklerose und Diabetes mellitus.

Ein kleiner Zoo zu Hause

Außergewöhnlich ist auch die häusliche Situation: Neben einem Hund und zwei Katzen teilen ein Gecko und ein afrikanischer Tausendfüßler das Haus mit dem Jungen. Im Jahr 2010 nahm die Familie zwei entlaufene Katzen auf, die den Jungen kratzten und bissen (ob er auch kurz vor Ausbruch der Symptome noch Verletzungen hatte, ist nicht beschrieben). Insgesamt verbringt die Familie viel Zeit in der Natur.

Progression der psychiatrischen Symptomatik

Bis Oktober 2016 entwickelt der Jugendliche zusätzlich intrusive Zwangsgedanken, unberechenbare Wutausbrüche, phobische Ängste sowie die wahnhafte Überzeugung, eine der Katzen wolle ihn töten. Er kann nicht mehr zur Schule gehen und seine Mutter muss ihre Arbeitsstelle aufgeben, um sich um ihn zu kümmern. Bis Ende 2015 entwickelt er zusätzlich taktile, auditorische und visuelle Halluzinationen, sodass es um Neujahr zu einer zweiten psychiatrischen Einweisung kommt.

Auch dieser Aufenthalt dauert nur eine Woche. Nach der Entlassung treten neue, hauptsächlich somatische Symptome auf : darunter Kopfschmerzen und eine veränderte Miktionsfrequenz.

Während eines fünfmonatigen psychiatrischen Klinikaufenthaltes führen die Behandler eine ausführliche inflammatorische und neurologische Diagnostik durch. Alle Befunde sind negativ. Die Entlassdiagnose: Schizophrenie und Zwangsstörung.

Bis Sommer 2016 setzen die Behandler insgesamt neun Antipsychotika, drei Antidepressiva sowie Lithium und Lorazepam ein. Die längste medikamentöse Kombinationstherapie ist:

  • Lorazepam
  • Paliperidon
  • Fluvoxamin
  • Clozapin
  • Benzatropin zur Prävention von extrapyramidalen Symptomen

Im August 2016 ist der gesundheitliche Zustand des Jungen unverändert. Die Eltern entscheiden sich gegen erneute Hospitalisierungen, sodass die Diagnostik und Behandlung ambulant fortgeführt wird. Zu dieser Zeit bemerken die Eltern zum ersten Mal Dehnungsstreifen an ihrem Sohn.

  • Im Oktober 2016 schlägt ein Neurologe die Verdachtsdiagnose Autoimmun-Enzephalitis vor, auf Basis folgender Laborwerte:

    • ANA-Titer=  1:320 (Norm: <1:80)
    • CRP-Anstieg innerhalb eines Monats von 1.03 mg/dl auf 1.96 mg/dl
    • Gamma-interferon im Liquor = 6.0 (Normal < 4 pg/ml) bei einem Neopterin-Wert von 2 nmol/l (pathologisch ab 16.5 nmol/l, Referenzwerte altersabhängig)

    Die daraufhin begonnene Therapie mit Rituximab erzielte eine leichte Remission der psychotischen Symptomatik, die restlichen Symptome jedoch blieben gleichermaßen ausgeprägt.

Weitere Untersuchungen führen schließlich zur Diagnose. Erfahren Sie, welche Krankheit die Ärzte diagnostizieren, was der ungewöhnliche Auslöser ist und wie es dem Jungen weiter erging, im zweiten Teil des Beitrags.

  1. Breitschwerdt et al.: „Bartonella henselae Bloostream Infection in Boy With Pediatric Acute-Onset Neuropsychiatric Syndrome“, Journal of Central Nervous System Disease, Vol. 11:1-8

Bildquelle: © istock.com/Slonov

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