28. Dezember 2021

Prominente Patienten: Woran sie litten, weshalb sie starben

Hätten Sie gewusst, welche körperlichen und psychischen Leiden diese berühmten Dichter, Schauspieler, Musiker und Maler plagten? Erhalten Sie hier medizinische Einblicke unter anderem zu Johann Sebastian Bach, Humphrey Bogart und Bob Marley.

Lesedauer: 5,5 Minuten

Johann Sebastian Bach: Knöcherne Veränderungen durch „Orgelschlagen“

Im Juli 1949 hatte der Berliner Chirurg Wolfgang Rosenthal im Rahmen einer (erneuten) Umbettung der sterblichen Überreste Johann Sebastian Bachs (1685-1750) aus der zerstörten Johanniskirche in Leipzig die Gelegenheit, die Gebeine des ehemaligen Thomaskantors in Augenschein zu nehmen.

„Ich hatte … den Eindruck einer multiplen Exostosen-Bildung am Beckenring, an den Lendenwirbeln und an den Fersenbeinen“, berichtete er. Auch an den Oberarm- und Unterarmknochen seien die Muskellinien „auffallend kräftig“ ausgebildet gewesen.

Rosenthal führte dies auf die immer wiederkehrenden Muskelaktivitäten beim Orgelspiel seit früher Jugend zurück. Bekannt seien ähnlich knöcherne Erscheinungen auch von Armen und Beinen passionierter Reiter sowie von Soldaten und Sportlern (Reiter- und Exerzierknochen). Orgeln müssen zu Bachs Zeiten oft schwer spielbar gewesen sein, man sprach vom „Orgel-Schlagen“.

Diese Krankengeschichte und jene von 99 weiteren bekannten Persönlichkeiten aus aller Welt beschreibt der Arzt und Autor Dr. Thomas Meißner in seinem faszinierenden Buch „Der prominente Patient“. Er recherchierte die Schicksale und Tragödien hinter den glänzenden Fassaden von Berühmtheiten aus Wissenschaft und Kultur. Fesselnd beschreibt er, welche Krankheiten das Leben dieser Menschen prägte, deren Karrieren beendete oder zu ihrem Tod führte.

Charles Baudelaire: Poet ohne Sprache

Im Alter von 45 Jahren erlitt der französische Dichter Charles Baudelaire (1821-1867) einen Schlaganfall. Der „Poéte maudit“ (verfemte Dichter), dessen subversiver Schreib- und zügelloser Lebensstil alles enthielt, was man damals unter Genialität, Dandytum und Provokation verstand, lebte noch anderthalb Jahre mit einer chronischen Aphasie.

Doch ist es fraglich, ob er sich selbst dieser Störung bewusst war. Stereotyp rief er immer wieder „Cré nom“ oder „Non, non, cré nom, nom!“ „Pas! Pas! Sacré nom!”, vermutlich von „Sacré nom de Dieu“ (wörtlich: „Heiliger Name Gottes“, umgangssprachlich als Fluch gebraucht).

Nur diese Silben war er noch in der Lage auszusprechen und versuchte offensichtlich, all seine Gedanken und Gefühle damit auszudrücken: Freude, Kummer, Ärger, Ungeduld. Er wurde schnell wütend, wenn er nicht verstanden wurde. Neurologen vermuten heute, dass Baudelaire an einer Anosognosie gelitten hat, der Unfähigkeit die eigenen Funktionsausfälle zu erkennen – also einem gestörten auditorischen Feedback. Er wusste also nicht, dass er fluchte.

Ludwig van Beethoven: Ursache von Taubheit und löwenartiger Erscheinung

Aus dem Protokoll der Obduktion des Leichnams Ludwig van Beethovens (1770-1827), weiterer Befunde sowie dem Abgleich mit den Symptomen seiner Schwerhörigkeit kann man schließen, dass der Komponist an einem Morbus Paget gelitten haben muss.

Die progrediente Skelettkrankheit geht lokal mit deutlich verstärktem Knochenumbau einher. 30 bis 50% der Paget-Patienten mit Schädelbefall leiden unter Schwerhörigkeit. Ursache dafür sind ankylosierte Ohrknöchelchen und/oder eine Kompression des Nervus vestibulocochlearis.

Erste Anzeichen von Schwerhörigkeit waren bei Beethoven bereits mit 26 Jahren aufgetreten. Etwa 10 Jahre später war er vollständig taub. Der Prosektor hatte eine außergewöhnlich dichte und sehr dicke Schädelkalotte vorgefunden.

Eine 1812 beim 41-jährigen Beethoven abgenommene Lebendmaske zeigt eine ausgeprägte Stirnbildung. Und eine Fotografie des 1863 exhumierten Skelettschädels offenbart auffallend irreguläre und große Jochbeine. Dies, so ein US-amerikanischer Pathologe, sei gelegentlich bei M. Paget der Fall und habe zur leicht „löwenartigen Erscheinung“ des Komponisten beigetragen.

Humphrey Bogart: Cool bis zum bitteren Ende

Die Hollywood-Ikone Humphrey Bogart (1899-1957) gab bis zum Schluss auch privat den „harten Kerl“. Er starb an einem Ösophaguskarzinom, das mit dem damals üblichen exzessiven Tabak- und Alkoholabusus in Zusammenhang gebracht werden muss.

Nie zuvor hatte sich Bogart in einem Krankenhaus behandeln lassen müssen. Doch wegen der zunehmenden Schluckbeschwerden sowie häufigen Hustenanfälle, die bis zu einer halben Stunde anhalten konnten, unterzog er sich schließlich einer neuneinhalbstündigen Operation, in der die Chirurgen den Ösophagustumor und einige Lymphknoten entfernten. Danach erhielt er eine Chemotherapie.

Zunächst erholte sich Bogart, doch nach 6 Monaten bekam er ein Rezidiv. Bei einem Besuch von Freunden blaffte er: „Warum flüstert hier jeder? Ich habe Krebs! Um Gottes Willen, das ist doch keine Geschlechtskrankheit!“ Zwei Wochen vor seinem Tod wog er noch 36 kg, diktierte aber einer Klatschreporterin in den Block: „Mir geht’s blendend!“

Bertolt Brecht: Doch kein Herz-Neurotiker

Bertolt Brechts (1898-1956) zeitlebens bestehende Herzbeschwerden ordneten seine Ärzte als eher neurotischer Natur ein. Erst 2010 stieß der britische Brecht-Experte Stephen Parker aus Manchester auf eine kurze Notiz, wonach bei Brecht schon in der Kindheit eine Herzerweiterung diagnostiziert worden war, wahrscheinlich per Röntgendurchleuchtung.

Setzt man die Puzzleteile seiner Symptomatik und Berichte von Freunden über ein nervöses Zucken der linken Gesichtshälfte, das ihm eine Grimasse abzwang, zusammen, spricht viel dafür, dass Brecht in der Jugend ein rheumatisches Fieber mit konsekutiver Herzbeteiligung und Chorea minor durchgemacht hat.

Es folgten Herzrhythmusstörungen, eine Herzvergrößerung mit Belastungsdyspnoe und körperlicher Schwäche. Todesursache war nicht, wie lange behauptet, ein Herzinfarkt, sondern höchstwahrscheinlich eine Perikarditis infolge einer Urosepsis. Denn als Erwachsener litt Brecht lange an Nierensteinen, Prostatitis und schließlich einer Harnröhrenstriktur.

Charles Bukowski: Gemieden wie ein Aussätziger

Der US-amerikanische Kultschriftsteller Charles (eigentlich: Heinrich Karl) Bukowski (1920-1994) hatte eine schwere Jugend und litt stark unter seiner heftigen Akne. Dies hat er in seinem Buch „Das Schlimmste kommt noch“ verarbeitet. Sein Alter Ego ist Henry „Hank“ Chinaski, ein Außenseiter und „Sauerkrautfresser“ (Bukowskis Mutter war Deutsche).

In dem Buch schreibt er über Pickel, „groß wie Walnüsse“ im Gesicht und am ganzen Körper sowie gelben Eiter, der an den Spiegel klatsche. Sein Vater quälte und demütigte ihn mit einer aggressiven Schälpaste, die länger als im Beipackzettel empfohlen, auf der Haut bleiben musste.

Im Los Angeles County General Hospital wird Bukowski von einem Arzt als schlimmster Fall von Akne vorgestellt, der ihm je untergekommen sei, ohne Zweifel eine Acne conglobata. Das Schreiben half Bukowski, sein Außenseiterdasein und die Schmerzen zu verarbeiten: „Das Wort ist der Zaubertrank, der uns davor bewahrt uns umzubringen.“

Johann W. von Goethe: Sein Gesicht gefährdete „Faust”

Fast hätte Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) seinen „Faust“ nie beendet. Denn ein bullöses Erysipel, das meist von Streptokokken ausgelöst wird, hätte ihn beinahe umgebracht.

Zunächst litt der damals 51-Jährige in den ersten Januartagen des Jahres 1801 an einem sich allmählich verschlechternden „Katarrh“. Dieser sollte sich zu einer schweren und für Wochen entstellenden Infektion auswachsen: Auf der linken Gesichtshälfte entwickelte sich bei hohem Fieber eine eitrige Entzündung, die teilweise Blasen bildete und auf das linke Auge übergriff, sodass Goethe es nicht mehr öffnen konnte.

Die Entzündung erfasste den Gaumen, den Rachen, den Kehlkopf, begleitet von „Krampfhusten“ und Erstickungsanfällen. Zeitweise, womöglich über mehrere Tage, war Goethe benommen oder delirant. 9 Tage dauerte der Zustand an, dann besserte er sich allmählich. Doch die folgenden Wochen und Monate blieb er angeschlagen.

Quelle der Fotos, wenn nicht anders vermerkt: https://commons.wikimedia.org/

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