04. Oktober 2019

Teil 2: Portugiese (63) mit rätselhaftem Leberbefund

Der Patient wird mit Verdacht auf einen pyogenen Leberabszess stationär aufgenommen und mit Ciprofloxacin behandelt. Doch sein Befinden bessert sich kaum und auch die Blutwerte geben keine Entwarnung. Stimmt die Diagnose der Ärzte?

Tag 6: Die Raumforderung wächst …

Am sechsten Tag der Behandlung wird ein CT-Abdomen durchgeführt. Nun ist die hepatische Raumforderung bereits 14,3cm x 9,5 cm groß und beinhaltet Flüssigkeit und periphere Septen. Die Wände von Colon ascendens und transversum sowie des Rektums sind stellenweise verdickt.
Währenddessen sieht das Labor wie folgt aus (Abbildung).
Die Therapie wird umgestellt auf Ceftriaxon 2g/d i.v. und Metronidazol 750 mg 3x/d p.o.

Tag 13: … und wächst

Eine erneute sonographische Untersuchung des Abdomens zeigt eine weitere Größenzunahme des Abszesses. Die Raumforderung umfasst nun 16,5 cm x 14 cm. Zusätzlich ist nun eine 2 cm dicke Schicht perihepatischer Flüssigkeit hinzugekommen. Die alkalische Phosphatase hat inzwischen einen Wert von 446 U/l angenommen (Norm: 45-122 U/l), die gamma-GT liegt bei 359 U/l (Norm: 10-66 U/l). Die Neutrophilen bleiben erhöht (12,5 × 10 9 /l), während die Leukozyten und das CRP sinken. Die Ärzte entscheiden sich schließlich für eine CT-gesteuerte Abszessdrainage. Insgesamt entleeren sich über die nächsten Tage 1950 ml purulenter, „Schokoladenmilch-artiger“ Flüssigkeit. Dem Patienten geht es anschließend deutlich besser.

Weder in den Blutkulturen noch in den Urinkulturen sind Keime gewachsen. Im Aspirat zeigen weder Gram-Färbung noch Kultur bakterielle Erreger und unter dem Mikroskop sind weiterhin weder Zysten noch Trophozoiten auffindbar. Stattdessen sind Neutrophile mit polymorphen Kernen und Makrophagen vorhanden.

Tag 15 – 22: Und sie haben sich doch geirrt

Am 15. Behandlungstag kommen die Ergebnisse des ELISA: IgG-Antikörper gegen Entamöba histolytica. Weil die Ärzte weiterhin eine Co-Infektion mit Bakterien befürchten, ändern sie das medikamentöse Regime erst an Tag 22, als auch die PCR das Ergebnis bestätigt.

Erfolgreicher Abschluss der Behandlung

Schließlich erhält der Patient sieben Tage lang Paromomycin 750 mg 3x/d. Der letzte stationäre CT-Scan zeigt ein hepatisches Residuum der Größe 6,8 cm x 5,8 cm, welches sich auch einen Monat nach Entlassung kaum verändert. Insgesamt wurde der Mann fünf Wochen lang stationär behandelt.

Übertragungswege von Entamöba histolytica
Entamöba histolytica – Zyste
Entamöba histolytica – Zyste

Typischerweise erkranken Menschen an einer Amöbiasis durch die Aufnahme von Zysten in Nahrung oder Wasser während eines Aufenthaltes in Endemie-Gebieten. Da der Mensch der einzige natürliche Wirt von Entamöba histolytica ist, spielt fäkale Kontamination eine entscheidende Rolle.

Zwar sind auch sexuelle Übertragungswege vereinzelt beschrieben, doch diese erfolgen laut Literatur eher anal-oral und bei Männern, die Sexualkontakte mit Männern haben. Noch seltener ist eine Übertragung durch heterosexuellen Kontakt beschrieben. In diesem Patientenfall war die Übertragung wahrscheinlich durch oral-vaginale bzw. oral-vulvären Kontakt erfolgt, entsprechend der Sexualanamnese.

  1. Valdolerios SR et al.: Nontravel-related invasive Entamoeba histolytica infection with probable heterosexual transmission, IDCases 2019; 18: e00592

Teaserbild: © Getty Images/andresr
Artikelbild: © Center for Disease Control

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