30. August 2019

Teil 2

Fallauflösung: 61-jährige Kapverdin mit reversibler Demenz

Erfahren Sie hier, welche Ursache für den kognitiven Abbau, die Krampfanfälle und die Wahnvorstellungen der Kapverdin verantwortlich ist.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Dieser Fall wurde von Ärzten um Bruno Silva, Nova Medical School in Lissabon im Fachmagazin BMJ Case Reports CP 2019;12:e229044 veröffentlicht. Redaktion: Dr. Nina Mörsch.

Genauere Blutanalyse gibt Aufschluss

Die Ärzte führen eine weitere Analyse des Blutes der 61-jährigen Kapverdin durch und finden zirkulierende Autoantikörper gegen Antigene der Parietalzellen des Mages sowie gegen den Instrinsic Factor. Parietalzellen und Intrinsic Factor sind für die Resoprtion von Vitamin B12 aus der Nahrung verantwortlich. Eine MRT-Aufnahme des Gehirns zeigt nur diskrete und unspezifische Anomalien der weißen Substanz im Frontalbereich und eine milde kortikale und subkortikale Atrophie. Eine vollständige neuropsychologische Bewertung ist aufgrund der Sprachbarriere nicht durchführbar.

Magenspiegelung deckt Gastritis auf

Aufgrund der Befunde veranlassen die Ärzte eine Magenendoskopie. Dabei wird eine nicht erosive Gastritis festgestellt. Die Histologie ergibt eine chronisch atrophische Gastritis mit ausgeprägter Atrophie der oxyntischen Magenschleimhaut, einer leichten inaktiven chronischen Entzündung und einer vollständigen intestinalen Metaplasie ohne Dysplasie in etwa 60% der drüsigen Komponenten der Probe.

Diagnose: Perniziöse Anämie

Da keine anderen Ursachen außer dem Vitamin B12-Mangel für die Symptome der Kapverdin sprechen, stellen die Ärzte schließlich die Diagnose einer perniziösen Anämie.

Alles über Vitamin B12-Mangel
Erfahren Sie hier alles über die Diagnose und Behandlung des Vitamin B12-Mangels, mit freundlicher Genehmigung von Deximed. >> Jetzt zum Beitrag

So wurde die Patientin behandelt:

Die Ärzte verordnen der Patientin zunächst 10 mg Olanzapin täglich, wodurch das aggressive Verhalten, der Verfolgungswahn und die Halluzinationen verschwinden. Dennoch bleibt die Patientin weiterhin desorientiert. Nachdem sie aufgrund der schweren Anämie zur Vitamin B12-Substitution parenteral Cyanocobalamin erhält, verändert sich der mentale Status der Patientin dramatisch: Sie kann sich wieder sowohl örtlich als auch zeitlich orientieren und völlig unabhängig von ihren Verwandten, den alltäglichen Aufgaben wie Kochen und Einkaufen nachgehen. Ihre Sprache ist wieder verständlich und logisch.

Neun Monate nach dem Verschwinden der Halluzinationen setzen die Ärzte das Neuroleptikum ab. Doch als ein halbes Jahr später die psychotischen Symptome wiederkehren, erhält sie erneut erfolgreich ein Neuroleptikum (wegen erhöhten Nüchternblutzucker-Werts diesmal Paliperidon). Auch raten ihr die Ärzte dazu, weiterhin Carbamazepin einzunehmen, nachdem sie das Medikament eigenmächtig abgesetzt hatte und einen erneuten Krampfanfall erlitt.

Take-Home-Message der Autoren

  • Vitamin B12 – Mangel geht typischerweise mit megaloblastärer Anämie, Glossitis und neurologischen und psychiatrischen Symptomen einher.
  • Psychiatrische Manifestationen, kognitiver Abbau und Krampfanfälle können auch unabhängig von den typischen neurologischen und hämatologischen Symptomen vorkommen.
  • Der Vitamin B12- Status sollte routinemäßig bei Patienten mit atypischer Psychose oder Anfällen überpüft werden.
  • Eine Vitamin B12 – Ersatztherapie kann auch bei einem länger bestehenden Mangel sinnvoll sein, vor allem um den kognitiven Abbau umzukehren. Einige Symptome sind unter Umständen jedoch irreversibel.

Fazit: Die Autoren betonen, dass das gleichzeitige Auftreten von fortschreitender Demenz, Psychose und Epilepsie bei einem Vitamin B12 – Mangel wie im beschriebenen Fall äußerst selten ist. Dass die Symptome auch nach Absetzen der Antipsychotika und Antiepileptika trotz kontinuierlicher Vitamin B12- Subsitution auftraten, führen sie auf die sehr späte Diagnose zurück. Ihre Vermutung: Die zerstörten Myelinscheiden der Gehirnzellen infolge des länger andauernden Vitamin B12-Mangels sind anfälliger für die exzitotoxischen Wirkungen von Glutamat und somit anfälliger für irreversible axonale Schäden. Dennoch zeige der Fall, dass sich eine Substitution auch bei Betroffenen mit länger anhaltendem Vitamin B12-Mangel lohne, da eine kognitivie und funktionelle Genesung möglich ist.

1. Silva, B., Velosa, A., & Barahona-Corrêa, J. B. (2019). Reversible dementia, psychotic symptoms and epilepsy in a patient with vitamin B12 deficiency. BMJ Case Reports, 12(5), e229044. doi:10.1136/bcr-2018-229044 

Bild: © Getty Images/Gab13

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.
 
coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653