30. August 2019

61-jährige Kapverdin im Wahn: Überraschende Diagnose

Eine 61-jährige Patientin weist gleichzeitig Symptome von Demenz und Epilepsie auf und leidet zudem unter Wahnvorstellungen. Die seltene Ursache dieser Symptome stellen die Ärzte jedoch fast zu spät.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Der folgende Fall wurde von Ärzten um Bruno Silva, Nova Medical School in Lissabon im Fachmagazin BMJ Case Reports CP 2019;12:e229044 veröffentlicht. Redaktion: Dr. Nina Mörsch.

Der Fall

Die Patientin ist auf den Kapverden geboren und lebte seit 12 Jahren alleine. Während der letzten 5 Jahre bemerkten ihre Verwandten eine zunehmende Veränderung ihres Verhaltens: Sie lief nackt durch die Straßen und begann zu halluzinieren. Nachdem sie Zeichen von Verwahrlosung zeigte – die Patientin kochte nicht mehr, vernachlässigte ihre Körperhygiene sowie den Haushalt – holte ihre Schwester sie nach Portugal.

Wenige Monate später verlor die Patientin plötzlich das Bewusstsein mit klonisch-tonischem Krampfanfall. Ihre Schwester bringt sie in die Notaufnahme eines nahegelegenen Krankenhauses. Dort finden die Ärzte die Patientin wieder bei vollem Bewusstsein vor, kognitive Beeinträchtigungen sind nicht mehr festzustellen. Da sie jedoch kein portugiesisch spricht (Nationalsprache auf den Kap Verden ist das Kapverdische Kreol., Anm. der Redaktion), muss ihre Schwestern übersetzen, weshalb keine weitere kognitive Beurteilung erfolgt.

Laboruntersuchungen bleiben zunächst ohne eindeutigen Befund

Sowohl das Ergebnis der neurologischen Untersuchung als auch die Blutwerte (Blutzucker, C-reaktives Protein, Elektrolyte, Nieren-, Leber- und Schilddrüsenparameter) sind unauffällig. Einzig ein sehr ausgeprägter Vitamin B12-Mangel (117 pmol/ml) sowie eine Hyperhomocysteinämie (15.3 μmol/L) fallen auf. Reversible Ursachen von Demenz, einschließlich Infektionskrankheiten, endokriner Dysfunktion und Mangel an anderen Vitaminen, können die Ärzte ausschließen. Weiterhin bleibt eine CT-Untersuchung des Schädels ohne Befund.

Die Ärzte geben der Patientin zweimal täglich Carbamazepin (400 mg) und überweisen sie an einen niedergelassenen Neurologen. Dieser führt ein Elektroenzephalogramm (EEG) durch und stellt eine Verlangsamung der Hirnfunktionen fest. Hinweise auf Epilepsie liefert die Untersuchung jedoch nicht.

Krampfanfälle verschwinden, Wahnvorstellungen verstärken sich

Die Patientin leidet weiter unter Krampfanfällen, bis ihre Verwandten schließlich die Einnahme der Medikamente überwachen. Doch ihre Wahnvorstellungen bleiben bestehen: Sie berichtet davon, Geister der toten Verwandten zu sehen, die ihr sagten, sie solle ihre Medikamente nicht nehmen. Außerdem fürchtet sie, dass ihre Familie sie vergiften würde und weigert sich, mit ihnen zu essen. Die Familie veranlasst schließlich eine psychiatrische Untersuchung. Ihre Schwester berichtet, dass die Patientin undeutlich und unverständlich spricht. Ihr Verhalten deutet daraufhin, dass sie weiterhin unter Halluzinationen leidet.

Mögliche Differenzialdiagnosen

Aufgrund der Symptomatik stellen die Ärzte in der psychiatrischen Klinik der Nova Medical Schoole in Lissabon zunächst folgende Diagnose: Degenerative Demenz verbunden mit Epilepsie, die entweder als Folge des kognitiven Abbaus oder unabhängig davon auftritt. Auch die psychotischen Symptome könnten aus Sicht der Ärzte sowohl auf die Demenz und die Epilepsie als auch auf eine nicht erkennbare Ursache zurückzuführen sein.

Dann führen die Ärzte weitere Untersuchungen durch, deren Ergebnisse sie schließlich auf den richtigen Weg bringen.

Fallauflösung

Haben Sie bereits eine Vermutung, was hinter den Symptomen der Kapverdin stecken könnte und welche weiteren Untersuchungen folgen? Dann schreiben Sie uns gerne einen Kommentar. Die Lösung dieses spannenden Falls erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags.

1. Silva, B., Velosa, A., & Barahona-Corrêa, J. B. (2019). Reversible dementia, psychotic symptoms and epilepsy in a patient with vitamin B12 deficiency. BMJ Case Reports, 12(5), e229044. doi:10.1136/bcr-2018-229044 

Bild: © Getty Images/Iacob MADACI

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