26. November 2021

Fragliche Mutterschaft: Das ist die Erklärung

Der Anwalt von Lydia Fairchild las einen NEJM-Artikel über eine angezweifelte Mutterschaft aufgrund eines tetragametischen Chimärismus.1 Dieser konnte schließlich auch bei der Angeklagten festgestellt werden und das Ergebnis der genetischen Analysen erklären.2

Lesedauer: 2 Minuten

Ähnlicher Fall bei der Suche nach einem Spenderorgan

Im Artikel von Neng Yu und seinem Team wird der Fall von Karen Keegan beschrieben, einer Frau, die eine Nierentransplantation benötigt. Ihre Familienmitglieder werden genetisch untersucht, ob sie als Spender in Frage kommen. Dabei stellt sich heraus, dass zwei ihrer drei Söhne genetisch nicht ihr zu passen.

Daraufhin testen die Ärztinnen und Ärzte auch den dritten, der als Kind als Organspender nicht in Betracht gezogen wird. Dieser ist auch genetisch der Sohn von Karen Keegan. Eine weitergehende Analyse zeigt schließlich, dass Keegan zwei unterschiedliche Sätze von DNA in ihrem Körper trägt und somit ein tetragametischer Chimärismus vorliegt.

Was sind tetragametische Chimären?

Chimären sind Organismen mit genetisch unterschiedlichen Zellen bzw. Geweben. Die meisten Lebewesen besitzen einen Satz an Erbinformation, der sich identisch in allen Zellen befindet. Eine Mischung kann entstehen, wenn zwei Eizellen zeitgleich von zwei unterschiedlichen Spermien befruchtet werden. Üblicherweise führt dies zu zweieiigen Zwillingen. In seltenen Fällen kann es aber auch in frühen Entwicklungsstadien zur Fusion der beiden befruchteten Eizellen kommen, mit dem Ergebnis eines Organismus mit zwei genetisch unterschiedlichen Zelllinien.

Infolgedessen haben Chimären unterschiedliche DNA-Sets in verschiedenen Körperzellen oder Geweben. Beim Menschen macht sich ein Chimärismus typischerweise durch unterschiedliche Blutgruppen oder eine fleckige Hautpigmentierung bemerkbar. Allerdings wiesen weder Fairchild noch Keegan solche Anzeichen auf.

Die beiden verschiedenen Erbgutvarianten können gleichmäßig verteilt im Körper sein, in anderen Fällen ist ein DNA-Satz jedoch dominant und der zweite kommt nur in wenigen Gewebearten vor.

Wissenschaftlich geht man davon aus, dass Chimären mit einer ähnlichen Häufigkeit vorkommen, wie zweieiigen Zwillinge, oftmals jedoch unbemerkt, wenn keine Symptome auftreten. Durch Reproduktionsmedizin und Fruchtbarkeitsbehandlungen nimmt die Zahl an Zwillingsschwangerschaften seit längerer Zeit zu.

Analysen bestätigen den Chimärismus

Bei Lydia Fairchild wurden daraufhin DNA-Proben aus Haaren, Wange, Haut, Blut und Uterus entnommen. Während in fast allen Proben nur ein Genom gefunden wurde, fand sich in der Uterusprobe ein zweiter DNA-Satz. Dieser bewies die Mutter-Kind-Verwandtschaft zwischen Fairchild und ihren Kindern. Zudem zeigte eine genetische Untersuchung, dass Fairchilds Mutter die Großmutter mütterlicherseits der Kinder war.

Sie wurde vom Vorwurf des Sozialbetrugs freigesprochen. Allerdings ist Fairchild der Ansicht, wenn nicht auch bei ihrem dritten Kind der Mutterschaftstest auffällig gewesen wäre, das Gericht wohl eine andere Entscheidung getroffen hätte. Der Fall sorgte für Kontroversen und führte zu Zweifeln an der Verlässlichkeit von DNA-Beweisen vor Gericht. Die Möglichkeit eines Chimärismus sollte in derartigen Fällen in Betracht gezogen werden.

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  1. Yu N et al. Disputed Maternity Leading To Identification Of Tetragametic Chimerism. The New England Journal of Medicine 346 (2002): 1545–52.
  2. Darby A. The Case of Lydia Fairchild and Her Chimerism (2002). Embryo Project Encyclopedia 2021. ISSN: 1940-5030

Bildquelle: © Getty Images/pius99

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