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Der besondere Fall

22. Feb. 2022

Kennedy: Die Behandlungen von „Dr. Feelgood“ & sein Leben ohne den tödlichen Schuss

Im zweiten Teil des Interviews geht es um den umstrittenen „Dr. Feelgood“, dem berühmten Promi-Arzt, dem sich auch John F. Kennedy anvertraut hat. Außerdem wirft Ronald D. Gerste einen Blick auf die hypothetische Biografie von Kennedy: Wie hätte sich wohl sein weiteres Leben ohne den tödlichen Kopfschuss von Dallas entwickelt?

Lesedauer: ca. 3 Minuten

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Redaktion: Marc Fröhling & Sebastian Schmidt

Später als Präsident vertraute JFK auch auf die Fähigkeiten des umstrittenen Max Jacobsen alias „Dr. Feelgood” oder „Miracle Max”. Was weiß man über die Behandlung des Wunderdoktors?

Ronald D. Gerste: Der deutschstämmige Jacobson war ein berühmter Promi-Doktor, er behandelte unter anderem Humphrey Bogart, Elvis Presley und die in Kennedys Biografie zumindest eine Nebenrolle spielende Marilyn Monroe. Dem Präsidenten verabreichte er einen in dessen schmerzhaften Rücken injizierten „Cocktail“, zu dessen Bestandteilen neben Vitaminen vor allem Amphetamine und Lokalanästhetika gehörten.

Die genaue Zusammensetzung kümmerte Kennedy herzlich wenig: „Es interessiert mich nicht, ob es Pferdepisse ist, solange es hilft.“ Die „Cocktails“ waren eine additive Therapie zu dem ohnehin ausgeprägten Medikamentenkonsum Kennedys: er nahm dauerhaft oder in Intervallen Analgetika gegen die Rückenschmerzen, Spasmolytika gegen seine Colitis, Antibiotika gegen eine Urethritis (möglicherweise venerologischer Genese) und Antihistaminika gegen Allergien.

Manche Biografen bezweifeln, dass Kennedy überhaupt eine zweite Amtszeit durchgestanden hätte. Wäre es nicht zu dem tödlichen Attentat gekommen – wie hätte sich wohl sein weiteres Leben entwickelt?

Gerste: Man muss einfügen: ohne seine Vorerkrankungen hätte er wahrscheinlich das Attentat überlebt. Er trug unter seinem Anzug eine Art Stützkorsett für seinen voroperierten Rücken. Ohne dieses hätte er nach dem ersten, nicht tödlichen Schuss zumindest versuchen können, in Deckung zu gehen. So saß er aufrecht und erhielt den zweiten und letalen Kopfschuss.

Was eine hypothetische Biografie ohne den Tag von Dallas anbelangt: die Möglichkeiten der Medizin verbesserten sich stetig und wahrscheinlich hätte man ihm mit einer allmählich sich etablierenden Addison-Therapie so helfen können wie heutigen Patienten. Vielleicht hätte er seinen Vizepräsidenten (und in der Realität Nachfolger) Lyndon B. Johnson sogar überlebt. Der hatte kein derart schweres Grundleiden, rauchte aber und ernährte sich ungesund – und starb mit 64 Jahren im Januar 1973 (also nur knapp 10 Jahre nach Dallas) an einem Herzinfarkt.

Sie haben sich intensiv mit dem Leben Kennedys beschäftigt – was fasziniert Sie daran am meisten?

Gerste: Schauen Sie sich auf Youtube den schwarz-weißen Mitschnitt einiger seiner Pressekonferenzen an. Er hatte Esprit, war schlagfertig und dies mit einem kräftigen Hauch von Selbstironie, so dass man versteht, warum er Menschen in Bann schlagen konnte. Welch ein Unterschied zu einigen seiner Nachfolger! Und: als die Welt am nuklearen Abgrund stand, bei der Kubakrise 1962, widersetzte er sich den Falken und Kriegstreibern und erzielte eine Lösung, bei der jeder sein Gesicht wahren konnte. Er hatte seine Fehler – aber fast möchte man sich ihn für unsere Zeit zurückwünschen …

Wie Krankheiten Geschichte machen: Die Krankheiten von Staatenlenkern wie Kennedy haben wiederholt in den Ablauf der Geschichte eingegriffen und die Weichen des Weltgeschehens oft auf dramatische Weise in eine andere Richtung gestellt. Doch Krankheiten bestimmen auch das Leben, die Kultur und das Bewusstsein der Völker. So haben die Pest und Aids, die Cholera und die Syphilis ganze Zeitalter geprägt. Der Arzt und Historiker Ronald D. Gerste nimmt den Leser mit auf eine spannende Reise zu den medizinischen Wegmarken unserer Geschichte.

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