29. Januar 2021

Hobbyjäger mit seltener Zoonose

Der 40-jährige Patient erinnert sich an die eigenartigen Abszesse des erlegten Hirsches und begibt sich auf die Suche nach der Erklärung für seine Symptome.1

Lesedauer: 2 Minuten

Suche nach dem richtigen Experten

Zunächst wendet sich der Hobbyjäger an die Wildtierbehörde des Bundesstaats. Diese ist jedoch mit einem Ausbruch der Chronic Wasting Disease (CWD) bei mehreren Hirschpopulationen in anderen Gebieten beschäftigt und antwortet nicht. Da der Mann weiter den Verdacht einer vertikalen Transmission hat, wendet er sich an die Bundesbehörde – jedoch auch erfolglos.

Schließlich spricht der Krankenpfleger mit einem Wildtierbiologen. Dieser hat zunächst den Verdacht einer zoonotischen Tuberkulose, da erst kurz zuvor ein solcher Fallbericht veröffentlicht worden ist.2 Allerdings sprechen das normale Verhalten des Tieres und die Art des Abszesses (flüssigkeitabsondernd, nicht schwammartig) gegen eine Infektion mit Mykobakterien.

Anhand der Beschreibung des Hirsches durch den Patienten stellt der Experte die Diagnose einer Infektion mit Trueperella pyogenes. Keine weiteren Haushaltsmitglieder sind infiziert, da nur der Patient mit dem Hirsch in Kontakt gewesen ist. Zudem hat er ohne seine Hände zu waschen nach dem Ausweiden eine Zigarette geraucht und den Erreger inhaliert.

Resistenzen machen Therapie schwierig

Der Hausarzt beginnt nach diesen Informationen eine Therapie mit einer intramuskulären Injektion von Ceftriaxon (1 g) und einer oralen Behandlung mit Amoxicillin/Clavulansäure (875/125 mg), 2 x täglich für 10 Tage. Außerdem verordnet er einen Albuterol-Inhalator gegen die Kurzatmigkeit.

Die Antibiotika-Therapie verläuft jedoch erfolglos. Da sich die Beschwerden des Patienten weiter verschlechtern, wird er an die Infektiologie eines größeren Klinikums verwiesen. Ein Termin ist dort jedoch erst 2 Wochen später möglich.

Der Patient informiert sich im Internet auf veterinärmedizinischen Seiten und stößt dabei auf Cefoperazon, einem Cephalosporin-Antibiotikum der dritten Generation, als mögliches Therapeutikum bei Infektionen mit T. pyogenes. Durch Kontakte zu Bauern in der Region kann er das orale Medikament auftreiben.

Nach zweitägiger Einnahme von 250 mg, 3 x täglich, verschwinden das Erythem und die oropharyngealen Exsudate vollständig. Er ruft seinen Hausarzt an und berichtet, dass sich am dritten Tag der Cefoperazon-Therapie sein Zustand enorm gebessert habe und er wieder zur Arbeit gehen könne. Auch habe er wieder sein Ausgangsgewicht erreicht (-6,4 kg).

Wenige Daten zu Infektionen beim Menschen

Trueperella pyogenes, vormals als Arcanobacterium, Actinomyces und Corynebacterium pyogenes klassifiziert, ist ein opportunistischer Erreger mit vielen Wirten im Tierreich. Es gibt mehrere Berichte über zoonotische Infektionen, die zu Pneumonie oder Abszessen führten. Primär sind Personen mit einem geschwächten Immunsystem betroffen. Zum Vorkommen und Virulenz beim Menschen liegen nur wenige Informationen vor.

In diesem Fall wurde die Diagnose anhand der klinischen Symptome und der Umstände getroffen. Eine Kultivierung des Erregers aus dem Rachenabstrich des Patienten wurde zwar angeordnet, aufgrund eines Fehlers im Labor jedoch nicht durchgeführt.

  1. Meili Z. Trueperella pyogenes pharyngitis in an immunocompetent 40-year-old man. BMJ Case Reports 2020; 13: e236129
  2. Sunstrum J et alNotes from the Field: Zoonotic Mycobacterium bovis Disease in Deer Hunters – Michigan, 2002-2017. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2019; 68: 807–808.

Bildquelle: © Getty Images/ImagesbyK

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