25. Juni 2021

Wegen Homöopathie in die Notaufnahme?

Ein 53-jähriger Mann nimmt gegen Magenbeschwerden eine homöopathische Lösung ein. 1,5 Stunden später bringt ihn seine Frau mit einer Vielzahl an Symptomen in die Klinik. Was ist geschehen?

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einem Fallbericht aus der Fachzeitschrift Clinical Toxicology.1 Redaktion: Christoph Renninger

Kann der Heilpraktiker helfen?

Der 53-Jährige leidet immer wieder unter Magenbeschwerden, ansonsten ist er aber gesund und nimmt keine Medikamente ein. Er sucht einen Heilpraktiker auf und dieser gibt ihm eine homöopathische Lösung aus den Bestandteilen:

  • Legapas 20,0 (Rhamnus purshiana, Amerikanischer Faulbaum),
  • Melissa 10,0 (Melissa officinalis, Zitronenmelisse)
  • Cefaspasmon 50,0 (Atropinum sulfuricum D4, Schwarze Tollkirsche; Podophyllum peltatum D4, Schildförmiges Fußblatt; Chamomilla recutita D1, Echte Kamille; Ammi visnaga DØ, Bischofskraut)
  • Colocyntis Nestmann 20,0 (Citrullus colocynthis, Koloquinte)

Nach einem ausgiebigen Abendessen mit seiner Ehefrau nimmt er erstmals wie verordnet, 30 Tropfen der Lösung (ca. 1,5 ml) zu sich. Innerhalb der folgenden 10 Minuten treten plötzlich eine Reihe von Symptomen auf. Der Mann klagt zunächst über Geschmacksverlust, eingetrübtes Sehvermögen, Sprachstörungen, Koordinationsprobleme und Furcht.

Im weiteren Verlauf treten Schwindel, Urinverhalt und schließlich eine Unfähigkeit zu Gehen oder Stehen auf. 1,5 Stunden nach dem Essen bringt ihn seine Frau in die nächste Klinik in München.

Beim Eintreffen in der Notaufnahme berichtet das Ehepaar über Verwirrung, Schläfrigkeit, Schwindel, Angstgefühle, Ataxie, Muskelschwäche, Mundtrockenheit, Dysarthrie und Sehstörungen. Alkohol, Medikamente oder Drogen seien keine konsumiert worden.

Untersuchung in der Klinik

Bei der körperlichen und neurologischen Untersuchung etwa 4 Stunden nach Einnahme der Tropfen stellt die behandelnde Ärztin erweiterte Pupillen (8 mm), Schwindel, einen schwankenden Gang, eine leichte zentral nervöse Depression, eine verwaschene Sprache, reduzierte Darmgeräusche und eine Fatigue fest.

Die Vitalparameter sind unauffällig:

  • Blutdruck 120/75 mmHg,
  • Puls 80/Min,
  • Körpertemperatur 36,8°C
  • Alle Laborwerte im Normalbereich, von einem leicht erhöhten Kreatinkinase-Wert abgesehen (179 U/l; Referenz <174 U/l).

Der Mann bleibt die nächsten 12 Stunden im Krankenhaus. Während dieser Zeit bessern sich die Symptome ohne medikamentöse Intervention. Eine Tachykardie tritt nicht auf. Nach einer Kontrolluntersuchung am nächsten Morgen kann der Patient in stabilem Zustand nach Hause entlassen werden.

Was war der Auslöser?

Die behandelnde Ärztin will der Ursache der Symptome des Mannes nachgehen und ordnet weitere Analysen an. Was sie schließlich herausfindet und welcher ungewöhnliche Grund dahintersteckt, lesen Sie im zweiten Teil des Beitrags.

  1. Schmoll S et al. Anticholinergic syndrome after atropine overdose in a supposedly homeopathic solution: a case report. Clin Toxicol (Phila) 2021; 1-3.

Bildquelle: © Getty Images/Juanmonino

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