25. Juni 2021

Wegen fehlerhafter Homöopathie in die Notaufnahme

Nach der Einnahme eines Homöopathikums landet ein 53-Jähriger mit diversen Symptomen in der Notaufnahme. Die Lage bessert sich am folgenden Tag, seine Ärztin geht jedoch der Ursache nach.

Lesedauer: 1,5 Minuten

Toxikologie liefert Hinweise

Es wird eine Urinanalyse auf Wirkstoffe wie Amphetamine, Benzodiazepine, Opiate, Kokain, THC, Fentanyl, Pregabalin und synthetische Cannabinoide durchgeführt, die allesamt negativ ausfallen, ebenso können Methanol und Isopropanol ausgeschlossen werden. Ethanol findet sich nur in äußerst geringer Menge.

Eine Analyse der homöopathischen Mixtur mittels Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung zeigt eine unerwartet hohe Atropin-Konzentration von 3 mg/ml. Laut der Angabe D4 (4 × 1:10 Verdünnung der “Urtinktur” Atropa belladonna) sollte der Wert bei 0,005 mg/ml liegen. Er war also um das 600-fache erhöht.

Im Blut des Patienten wird ein Atropin-Wert von 5,7 ng/ml bestimmt. Nach der Einnahme von 30 Tropfen hatte er ca. 4,5 mg Atropin zu sich genommen. Da das Toxin gut absorbiert wird und eine kurze Halbwertszeit hat, wird die maximale Plasmakonzentration nach etwa einer Stunde erreicht. Die aufgetretenen Symptome passen ins Bild eines anticholinergen Syndroms nach einer Atropin-Überdosis.

Auf der Suche nach dem Fehler

Die Laborwerte zu Atropin liegen erst eine Woche nach den Ereignissen vor und haben keinen Einfluss auf das Handeln in der Klinik. Als Fehlerquelle kann schließlich der Heilpraktiker ausgemacht werden, welcher versehentlich die ursprüngliche Atropin-Lösung anstelle der stark verdünnten in das homöopatische Mittel gegeben hatte.

Glücklicherweise ist das handgemachte Homöopathikum nur an einen weiteren Patienten ausgegeben worden, welcher vor der ersten Einnahme gewarnt werden konnte.

Eine Atropinvergiftung kann zu schweren anticholinergen Effekten führen, bis hin zu Delirium und Koma. In schweren Fällen kann das spezifische Antidot Physostigmin verabreicht werden. Dies war im Falle des 53-Jährigen glücklicherweise nicht notwendig, da sich die Symptome von selbst besserten. Innerhalb der ersten Stunde nach der Einnahme, wäre die Anwendung von Aktivkohle eine Option gewesen.

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  1. Schmoll S et al. Anticholinergic syndrome after atropine overdose in a supposedly homeopathic solution: a case report. Clin Toxicol (Phila) 2021; 1-3.

Bildquelle: © Getty Images/Werner Meidinger

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