23. November 2018

Gefährlicher Glaube: Die mögliche Ursache

In der Magnetresonanztomographie (MRT, Titelbild) sehen die Ärzte eine Läsion im posterolateralen Thalamus, die in die Capsula interna und das Putamen hineinreicht. Es handelt sich um einen dysembryoplastischen neuroepithelialen Tumor (DNET), dessen Lokalisation für die Psychose verantwortlich sein kann.1

Lesedauer: 2 Minuten

Magnetresonanztomographie der Patientin, die eine Läsion im posterolateralen Thalamus, der Capsula interna und dem posterioren Putamen zeigt
Magnetresonanztomographie der Patientin, die eine Läsion im posterolateralen Thalamus, der Capsula interna und dem posterioren Putamen zeigt

Psychoserisiko bei Hirntumorpatienten

Der Tumor im Diencephalon ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein langsam wachsender DNET, der erstmals während des Jugendalters auftrat. Es handelt sich um einen gutartigen Tumor (WHO Grad I), der aber aufgrund seiner Lokalisation und die Auswirkungen auf umliegende Hirnareale zu den beschriebenen Symptomen führen kann. Die neuronale Aktivität wird durch biochemische und räumliche Veränderungen beeinflusst.

Dennoch können die Ärzte nicht ausschließen, dass es zu einem rein zufälligen Auftreten der Tumorentität und der psychotischen Störung kommt. Allerdings ist bekannt, dass Überlebende eines Hirntumors im Kindes- und Jugendalter, ein erhöhtes Risiko für Psychosen haben.2

Der Tumor liegt in einer anatomischen Region (Corpus geniculatum mediale), die Verbindungen zum auditorischen Kortex besitzt und deren Veränderung zu auditorisch-verbalen Halluzinationen führen kann. Außerdem ist der Thalamus Teil eines Netzwerks, das an der Verarbeitung transzendentaler Erfahrungen und emotionaler Bindung beteiligt ist. Störungen können deshalb eine überdurchschnittliche Spiritualität zur Folge haben.

Religiosität entsteht in mehreren Hirnarealen

EEG-Studien bei strengreligiösen Personen legen nahe, dass Spiritualität durch Aktivität in den folgenden Gehirnregionen ausgelöst wird:

  • Nucleus caudatus,
  • Globus pallidus,
  • Thalamus,
  • inferiore parietale Kortex.2

Eine transkranielle elektrische Stimulation des rechten inferiore parietale Kortex konnte Religiosität und Spiritualität manipulieren, wie eine Studie kürzlich zeigen konnte.3

Die Patientin erlebte vier Episoden stark ausgeprägter Religiosität im Abstand von 9-10 Jahren, beginnend im Alter von 13 Jahren. Die Ärzte vermuten, dass dies mit periodischem Wachstum des Tumors zusammenhängen kann und schließlich zu der ausgeprägten Psychose führte.

So erging es der Frau weiter

Bei einer Kontrolluntersuchung drei Monate später gibt es keine Hinweise darauf, dass der Tumor weiter gewachsen ist. Da keine neurologischen und körperlichen Symptome festgestellt werden, entscheiden sich die Ärzte gegen eine Bestrahlung oder Operation. Die psychopathologischen Symptome haben sich nicht verschlechtert. Allerdings zeigt die Frau eine affektive Verflachung und reduzierte Mimik.

Nach einer Therapieumstellung auf eine niedrig dosierten Medikation (<6 mg Paliperidon) tritt die religiöse Hingabe wieder auf. Die Patientin berichtet über eine erneuerte Bindung zu Gott.

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  1. Dutschke LL et al. Brain tumor-associated psychosis and spirituality – a case report. Frontiers in Psychiatry 2017; 8: 237.
  2. Beauregard M et al. EEG activity in Carmelite nuns during a mystical experience. Neuroscience Letters 2008; 444(1): 1-4.
  3. Crescentini C et al. Excitatory stimulation of the right inferior parietal cortex lessens implicit religiousness/spirituality. Neuropsychologia 2015; 70: 71-79.

Bildquelle: Dutschke LL et al. Brain tumor-associated psychosis and spirituality – a case report. Frontiers in Psychiatry 2017; 8: 237.

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