23. November 2018

Gefährlicher Glaube

Selbstverletzung wegen “göttlicher Stimmen”

Eine 48-jährige Frau fügt sich lebensgefährliche Verletzungen zu: Göttliche Stimmen hätten ihr befohlen, ein religiöses Opfer zu bringen. Als die Ärzte ihrer Krankheitsgeschichte auf den Grund gehen, stoßen sie auf außergewöhnliche, wiederkehrende Symptome, die sich mit Psychopharmaka nur bedingt behandeln lassen.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag beruht auf einer Kasuistik in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry, die Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Regelmäßige Halluzinationen mit “himmlischen” Befehlen

Mit bis zu 7 cm tiefen Stichwunden am Oberkörper kommt die Frau in die Notaufnahme der Klinik. Sie berichtet, dass sie sich die Verletzungen als religiöses Opfer zugefügt habe, das göttliche Stimmen von ihr verlangt hatten. Psychiatrische Vorerkrankungen sind nicht bekannt. Die akustischen-verbalen Halluzinationen sind erstmals drei Jahre zuvor aufgetreten und werden von der Patientin als “himmlisch” beschrieben.

Auf der psychiatrischen Station stellen Ärzte neben den religiösen Wahnvorstellungen eine psychomotorische Retadierung, Denkstörungen und eine schwere Enthemmung von Affekten fest.

Auf der Positiv- und Negativ-Syndrom-Skala (PANSS) zur Erfassung der Symptome bei Schizophrenie erreicht sie mittlere Werte für Positivsymptome (29 von 49 Punkten) und niedrige Werte auf der Negativskala (17 von 49 Punkten).

Die Halluzinationen treten regelmäßig auf, es sprechen zwei verschiedene göttliche, angenehme Stimmen mit ihr, manchmal über mehrere Stunden. Es kommen Befehle und Aufforderungen vor oder Dialoge zwischen den Stimmen und der Patientin.

Phasen mit wiederkehrender Religiosität

Auch wenn sie die Stimmen erst seit wenigen Jahren hört, berichtet die Patientin davon, dass es in ihrem Leben immer wieder zu Phasen mit großem spirituellem Interesse und Hingabe gegeben hat. Erstmals trat dies im Alter von 13 Jahren auf, später wieder mit 23, 32 und 41 Jahren. Während der Episoden ist sie für jeweils 1-2 Jahre den Zeugen Jehovas beigetreten, hatte sie aber wieder verlassen als die Religiosität deutlich abnahm.

Trotz Psychopharmaka: Psychose verschwindet nicht gänzlich

Eine initiale Therapie mit Haloperidol (10 mg) und Lorazepam (4 mg) führt zu einer partiellen Remission der psychotischen Symptome und die Intensität der Spiritualität nimmt ab. Da die Medikamente bei der Patientin zu starker Müdigkeit führen, stellen die Ärzte die Behandlung von Haloperidol auf Paliperidon (9 mg) um. Nach sechs Wochen treten die akustisch-verbalen Halluzinationen zwar seltener auf, sind aber nicht vollständig verschwunden.

Die Klinikärzte führen weitere körperliche, neurologische, labormedizinische und bildgebende Untersuchungen durch. Was die Ärzte dabei entdecken, lesen Sie im zweiten Teil.

  1. Dutschke LL et al. Brain tumor-associated psychosis and spirituality – a case report. Frontiers in Psychiatry 2017; 8: 237.

Bildquelle: © istock.com/Rawpixel (Symbolbild)

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