01. April 2021

Fitnessfreak: Ärzte diskutieren über mögliche Diagnosen

Erfahren Sie hier im zweiten Teil, was die Ärzte weiter untersuchten und welche verschiedene Formen der Hypoglykämie es gibt.

Verschiedene Formen der Hypoglykämie

Bei Patienten ohne Diabetes sind echte hypoglykämische Episoden durch die Whipple-Trias gekennzeichnet: niedriger Blutzucker, Symptome einer Hypoglykämie und rasches Abklingen der Symptome, wenn der Blutzuckerspiegel wieder normal ist.1

Adrenerge Hypoglykämiesymptome wie Herzklopfen, Zittern, Angstzustände und Schwitzen treten zuerst auf. Diese Anzeichen stellen sich bei Glukosewerten von etwa 40 bis 60 mg/dl auf. Sinkt der Blutzuckerspiegel weiter ab, treten neuroglykopenische Symptome auf wie Verwirrung, Synkope, Krampfanfall und Koma.2

Der Begriff „klinische Pseudohypoglykämie“ (ICD-10 E16.1 Funktionelle Hypoglykämie, ohne Anstieg des Insulinspiegels) wird verwendet, wenn Patienten – typischerweise solche mit Persönlichkeitsstörungen oder anderen psychischen Erkrankungen – von einer Abnahme der Hypoglykämiesymptome nach dem Essen berichten, obwohl ihr Blutzuckerspiegel im Normalbereich liegt.

Pseudohypoglykämie im Fokus

Die Pseudohypoglykämie lässt sich grob in 2 Kategorien einteilen:

  1. Normaler Blutzuckerspiegel mit Hypoglykämiesymptomen
  2. Diskrepanz zwischen Fingerstick- und Serum-Blutzuckerspiegel

In die erste Kategorie fallen oft Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung oder einer anderen psychiatrischen Erkrankung, wie z.B. einer Suchtproblematik, die zu Hypoglykämie-Symptomen führt, welche sich nach dem Essen bessern. Diese Patienten weisen jedoch nicht die typische Whipple-Trias auf. Ihre Glukosewerte liegen während einer symptomatischen hypoglykämischen Episode nicht unter 70 mg/dl, was auch für den Patienten im vorliegenden Fall gilt.

Diagnostik im Fall des 28-Jährigen

Bei ihm war nach eigenen Angaben eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert worden. Detaillierte Angaben darüber machte er ebenso wenig, wie über die durchgeführte Behandlung oder die Gründe für deren Beendigung. Er war auf seine Fitness und das Erreichen eines „Macho“-Look fixiert, wozu er möglicherweise androgene Steroide und andere Ergänzungsmitteln einnahm, wenngleich Labortests diesen Verdacht nicht bestätigen konnten.

Im Rahmen der Diagnostik zu diesem Fall wurden verschiedene endokrine Erkrankungen wie eine Schilddrüsenstörung, ein Wachstumshormonmangel, ein (seltenes) hereditäres Paragangliom-Phäochromozytom-S (PGL/PCC) und die Nebenniereninsuffizienz ausgeschlossen.

Der Patient erfüllte die Kriterien für ein Insulinom oder eine echte Hypoglykämie nicht, da er nicht alle Merkmale der Whipple-Trias aufwies. Weil der Patient alle adrenergen und neuroglykopenischen Symptome einer Hypoglykämie aufwies, was seine Glukosewerte jedoch nicht unterstützten, war der Fall schwierig.

Bestimmte Erkrankungen und Zustände können eine Diskrepanz zwischen den kapillären und den Plasma-Glukosewerten verursachen.5,6,7,8 Diese Patienten präsentieren sich mit einem sehr niedrigen Plasmaglukosespiegel, der üblicherweise im Bereich von 20 bis 30 mg/dl liegt, ohne dabei irgendwelche Symptome zu zeigen.

Mögliche Ursachen in diesen Fällen sind:

  • verminderter Glukosetransport durch das Gewebe und erhöhte Gewebeextraktion von Glukose, wie z.B. beim Raynaud-Phänomen, bei der Akrozyanose und bei peripheren Gefäßerkrankungen
  • erhöhte Glykolyse durch Leukozyten und rote Blutkörperchen, verbunden mit einer Verzögerung bei der Auswertung von Blutproben, wie z.B. bei Leukämie und Polycythaemia vera
  • Hyperviskositätssyndrome, wie Hypertriglyzeridämie, monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) und Waldenström-Makroglobulinämie
  • Medikamente, welche die Messwerte des Blutzuckermessgeräts beeinflussen wie hohe Dosen Vitamin C, Dopamin und Mannitol.

Die Patienten können das Messgerät gelegentlich auch falsch herum halten und somit falsche Messwerte ablesen. Wenn eine Diskrepanz zwischen den Messwerten des Glukosemessgeräts und den tatsächlichen Symptomen oder Anzeichen beobachtet wird, kann eine andere Stelle punktiert werden, um einen Blutstropfen für den Test zu erhalten (z.B. ein Ohrläppchen).

Tarasova et al. schlugen für diesen Zustand die Bezeichnung „artefaktische Hypoglykämie“ statt Pseudohypoglykämie vor.5 Der Begriff „artefaktisch“ wurde 1961 eingeführt, um niedrige Glukosewerte bei einem Patienten mit chronisch-myeloischer Leukämie zu beschreiben.

Die niedrigen Werte gingen auf die erhöhte Glykolyse durch Leukozyten nach einer verlängerten Vorbereitung einer venösen Blutprobe zurück.9 Der Begriff wurde jedoch bisher noch nicht in die Leitlinien aufgenommen.

Keine der oben genannten Bedingungen traf auf den Patienten in diesem Fall zu, da es bei ihm nie eine dokumentierte hypoglykämische Episode mit einem Blutzuckerspiegel unter 70 mg/dl gegeben hatte.

Schreiben Sie Ihren Vorschlag unten in das Kommentarfeld und lesen Sie im dritten Teil des Beitrags, wie es mit dem jungen Mann weitergeht.

Bildquelle: © Getty Images/Constantinis

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