25. Oktober 2019

Teil 2: 55-Jährige mit Bauchschmerzen trübt zunehmend ein

Trotz breiter antibiotischer Behandlung und Katecholaminen verschlechtert sich der Zustand der Patientin, bis sie am dritten Behandlungstag einen Herz-Kreislaufstillstand erleidet. 1

Lesedauer: 2 Minuten

Weder Schutzreflexe noch Darmgeräusche

Nach der Reanimation ist bei ihr kein Hust-, Würge- und Kornealreflex mehr vorhanden, auch reagiert sie nicht auf Schmerzreize. Die Pupillen sind fixiert. Bei der Auskultation des Abdomens sind keine Darmgeräusche mehr hörbar. Die Ärzte führen nun eine Laparotomie durch, in der sie feststellen, dass das rechte Kolon ischämisch und das Zökum perforiert ist. Eine Hartmann-Prozedur mit Ileostomie wird durchgeführt.

Nach der Operation erfolgt eine zweite CT-Bildgebung des Kopfes, zwei Tage nach der ersten Aufnahme. Nun befindet sich Luft im rechten frontalen Hirnparenchym. Eine Subarachnoidalblutung beidseits wird begleitet von einem diffusen Hirnödem. Die Mittellinie ist um 6 mm nach links verschoben und es bestehen sowohl eine obere als auch eine untere Einklemmung. Die Ärzte kommunizieren den Befund an die Angehörigen, die beschließen, die lebenserhaltenen Maßnahmen zu beenden. Die Patientin verstirbt nur wenige Minuten nach Extubation.

Einen Tag nach dem Versterben werden die Blutkulturen positiv

Schließlich ergibt sich einen Tag nach dem Tod der Patientin das Ergebnis der Blutkulturen: Clostridum septicum, ein obligat anaerobes Bakterium, das in der Lage ist, Sporen zu bilden und Gase sowie Exotoxine zu produzieren.

Auch die Peritonealflüssigkeit, die intraoperativ entnommen wurde, wies C. septicum auf, zusammen mit Streptococcus agalactiae, Prevotella intermedia und Bacteroides uniformis. Eine Kultivierung von Liquor hat nicht stattgefunden. In der Urinkultur wuchs keine Hefe an.

  • Clostridium septicum überlebt leichter unter aeroben Bedingungen als andere Clostridien. Es ist primär außerhalb des menschlichen Körpers zu finden, kann jedoch zu fulminanten Infektionen führen. Wie auch Clostridium perfringens gehört es zu den Erregern des Gasbrandes. Laut den Autoren ist es aktuell nicht ganz klar, inwiefern C. septicum zur Darmflora gehört.

Die Risikofaktoren für eine Infektion mit C. septicum sind Kolorektaltumore, hämatologische Neoplasien, entzündliche Darmerkrankungen, Neutropenie und, wie bei der Patientin vorliegend, Diabetes mellitus. Intrakranielle Gasbildung ist dabei dennoch äußerst selten.

Kaffee-Einläufe als Vermittler der Infektion

Kaffee-Einläufe sind in der medizinischen Literatur als durchaus gefährlich beschrieben: neben Verbrennungen des Rektums mit nachfolgender Narbenbildung und Kolitiden sind Todesfälle beschrieben. Die Einläufe gehören zu einem alternativen Therapieregime, das den Körper entgiften soll. In den 1930ern propagierte Max Gerson, ein deutsch-amerikanischer Arzt, eine alternative Therapieform, die auf spezieller Ernährung und den benannten Kaffee-Einläufen beruht und in der Lage sein soll, Krebs zu heilen. Bücher mit seinen Empfehlungen werden weiterhin gedruckt und vertrieben. Ob jedoch in diesem Fall ein Zusammenhang mit der Gerson-Therapie besteht, ist unklar.

Die Autoren vermuten, dass die täglichen Kaffee-Einläufe die Darmschleimhaut der Patientin schädigten, und zusammen mit dem neu aufgetretenen Diabetes mellitus Typ 1 eine Dissemination von C. septicum ermöglichten.

  • Kombucha ist fermentierter Schwarz- oder Grüntee. Regulär werden für die Herstellung des Getränks Bierhefe-Kulturen verwendet, eine standardisierte Zubereitungsart hingegen gibt es nicht, sodass auch andere Bakterienarten enthalten sein können. Die Autoren betonen zwar, dass eine bakterielle Kontamination durch Kombucha-Tee denkbar ist, halten das aber in diesem Fall für nicht relevant.

  1. Mirzai S. et al.: Probable Clostridium septicum pneumocephalus in a user of natural remedies with newly diagnosed diabetes mellitus type 1. IDCases Volume 17, 2019, e00581

Teaserbild: © Getty Images/JohnnyGreig

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