13. November 2020

Fallauflösung

25-jähriger Hundetrainer mit anhaltendem Fieber

Erfahren Sie hier, wie die Ärzte weiter vorgehen und welcher entscheidende Hinweis letztlich zur richtigen Diagnose führt.1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Der folgende Fall beruht auf einer Kasuistik aus der Fachzeitschrift BMJ Case Reports, Volume 13, Issue 11. Redaktion: Dr. Laura Cabrera, Dr. Linda Fischer, Dr. Nina Mörsch

Der Patient wird mit 1 g Ceftriaxon i.m., 1 g Paracetamol und 1000 ml Natriumchlorid intravenös behandelt. Außerdem erhält er für 5 Tage Azithromycin und wird nach Hause entlassen. Wieder wird ihm nahegelegt, bei einer Verschlechterung der Symptomatik, erneut vorstellig zu werden.

Nach 14 Tagen: Symptome klingen nicht ab

Auch 2 Wochen nach Beginn der Erkrankung leidet der Patient weiterhin unter erhöhter Temperatur (37,9 °C), Husten, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen, Schwindel, Müdigkeit und Durchfall. Sein Arzt, der ihn telefonisch nachbetreut, berichtet, dass der junge Mann keinen notleidenden Eindruck mache und auch kein Keuchen zu hören sei. Auf Nachfrage gibt der 25-Jährige an, als Hundetrainer zu arbeiten.

Weitere Fachärzte werden zu Rate gezogen

Dem Patienten wird ein weiterer Test auf SARS-CoV-2 angeboten, der wiederum negativ ausfällt. In weiteren Untersuchungen zeigt sich eine Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) von 25 mm/Stunde und ein Blutausstrich ergibt eine milde normochrome und normozytäre Anämie, wobei keine weiteren signifikanten Anomalien festgestellt werden.

Schließlich ziehen die behandelnden Ärzte weitere Fachärzte aus der hämatologischen Onkologie, der Infektiologie und der Rheumatologie zu Rate. Diese schlagen eine erweitere Diagnostik vor, um rheumatologische und maligne Erkrankungen sowie endemische Infektionskrankheiten abzuklären.

Der Infektiologe empfiehlt, den Blick auf die epidemiologische Situation und mögliche Expositionen zu richten. Bei Aufenthalten in Arizona oder in Zentral-Kalifornien müsse beispielsweise eine Kokzidioidomykose in Betracht gezogen und bei Tierkontakten ein Test auf Mäuse-Typhus durchgeführt werden.

Beruf liefert entscheidenden Hinweis

Da der Patient als Hundetrainer arbeitet, folgen die Ärzte dem Rat des Infektiologen und testen den jungen Mann auf murinen Typhus – das Ergebnis liegt schließlich am 20. Tag der Erkrankung vor: Die Titer liegen über 1:256.

Damit lautet die Diagnose muriner Typhus (Mäuse-Typhus), verursacht durch das Bakterium Rickettsia typhi.

Andere durch Hunde übertragbare Erkrankungen?

Andere durch Hunde übertragbare Erkrankungen konnten die Ärzte im vorliegenden Fall aus folgenden Gründen ausschließen: Der Blutausstrich ergab weder Anzeichen von Zeckenrückfallfieber noch von Ehrlichiose – die durch die braune Hundezecke übertragen wird. Die Blutkultur war negativ, was die Diagnose Capnocytophaga canimorsus ausschließt, die nach einem Biss, Kratzen oder Lecken eines Hundes bedacht werden sollte.

Symptome verschwinden unter Doxycyclin-Behandlung

Der Patient wurde schließlich 2 Wochen lang zweimal täglich erfolgreich mit Doxycyclin 100 mg behandelt. Die Symptome verschwanden vollständig und der Patient hat sich gegen weitere geplante Untersuchungen (CT-Scans) entschieden.

Fazit und Take-Home-Message des Autors:
Die Symptome des murinen Typhus sind wie bei einer Covid-19-Erkrankung unspezifisch. Auch wenn diese Erkrankung für Menschen in der Regel harmlos ist, sind schwerwiegende Verläufe beschrieben. Eine frühzeitige Diagnose und rasche Behandlung kann den Verlauf positiv beeinflussen. Die Diagnose sei angesichts der aktuellen Corona-Pandemie und der Überschneidung von Symptomen jedoch keine leichte Aufgabe, so das Fazit vom Autor des Fallberichts, Dr. Hemesh Mahesh Patel.

Er fasst die wichtigsten Erkenntnisse aus der vorliegenden Kasuistik wie folgt zusammen:

  • Ärzte sollten insbesondere bei wiederholt negativen Covid-19-Testergebnissen und bei anhaltend starken Symptomen eine erweiterte Differenzialdiagnose für Covid-19 in Betracht ziehen.
  • Eine sorgfältige Anamnese (epidemiologische Risiken, Reisen, Beruf) kann dabei helfen, seltene Erkrankungen auch während der aktuellen Pandemie frühzeitig zu identifizieren.
  • Muriner Typhus sollte bei Symptomen wie anhaltendem Fieber, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und bei Kontakt des Patienten mit Tieren in endemischen Gebieten in Betracht gezogen werden. 

Patient fühlte sich im Stich gelassen

Der Autor lässt auch den jungen Patienten zu Wort kommen. Dieser erklärt, weshalb er sich nur unzureichend medizinisch versorgt gefühlt hat:

„Ich bin dankbar wieder gesund zu sein. Was mich jedoch beunruhigt ist der Gedanke an Menschen mit schlimmeren Erkrankungen als muriner Typhus, die eine unzureichende medizinische Versorgung erhalten. Als ich krank war, begann ich das Vertrauen in das Gesundheitssystem zu verlieren. Wenn meine Stiefmutter keine Krankenschwester gewesen wäre, wäre ich nicht so hartnäckig gewesen. Für die ärztliche Versorgung, die ich letzten Endes erhielt, musste ich ziemlich kämpfen. Ich bin den Ärzten und Pflegern dankbar für ihre Hilfe und die Zeit, die sie sich dafür genommen haben.”

  • Nur bei einem Drittel der Patienten mit murinen Typhus findet sich die klassische Trias aus Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlag, erläutert Dr. Patel. Häufig wird von Schüttelfrost, Unwohlsein, Myalgie und Anorexie berichtet. Folgende Laborwerte können auf einen Mäuse-Typhus hinweisen: Erhöhte Leberwerte, erhöhte Laktatdehydrogenase, Hypoalbuminämie, hoher ESR sowie Thrombozytopenie und Hyponaträmie. Das Medikament der Wahl ist Doxycyclin.

    Aufgrund der unspezifischen Symptome wird die Erkrankung oft falsch diagnostiziert und entsprechend wenig gemeldet. Obwohl der murine Typhus als mild und selbstlimitierend gilt, verweist der Autor auf Berichte, wonach Erkrankungen bei bis zu 5% der Patienten, bei denen eine Antibiotikabehandlung verzögert oder gar nicht durchgeführt wurde, tödlich verlaufen können.

    Die Übertragung erfolgt in erster Linie durch Flöhe von Nagetieren auf den Menschen. Während Ratten, Katzen und Opossums üblicherweise als Reservoir für diese Krankheit gelten, existieren auch Berichte über serologische Nachweise von R. typhi bei Hunden. Die Krankheit kommt weltweit nur sporadisch mit einer niedrigen Inzidenz vor, mit Ausnahme von rattenbesiedelten Gebieten. Besonders in wärmeren Jahreszeiten kann es zu einem vermehrten Auftreten von murinem Typhus kommen.


  1. Patel HM: Murine typhus mistaken for COVID-19 in a young man BMJ Case Reports CP 2020;13:e239471.

Bild: © GettyImages/K_Thalhofer

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