14. Juni 2019

Italiener (54) fühlt sich wie Alice im Wunderland

Ein 54-jähriger Migränepatient erlebt bei der Arbeit, dass Desktop-Icons sich selbstständig machen. Die anschließenden Kopfschmerzen sind dem Mann zwar bekannt, doch die Ärzte bleiben hartnäckig. 1

Lesedauer: 2 Minuten

Der vorliegende Beitrag basiert auf dem Case Report von Mastria et al. (2018). Redaktion: Dr. med. Laura Cabrera

Ein 54-jähriger Italiener leidet seit Jahren unter Migräne. Die Attacken treten unregelmäßig, etwa zweimal im Monat, auf.

Eines Morgens bei der Arbeit hat er plötzlich den Eindruck, dass seine Desktop-Icons sich aus dem Bildschirm herauslösen und durch den Raum bewegen, wobei sie mal näher und mal ferner zu sein scheinen. Nach etwa zehn Minuten ändert sich das Bild und eine Wernicke-Aphasie tritt ein, die eine Stunde anhält. Währenddessen wird der Mann ins Krankenhaus transportiert, wo er kurz nach seiner Ankunft wieder normal sprechen kann. Er leidet jedoch nun unter starken, pulsierenden Kopfschmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit.

Migräne-Aura! … oder doch nicht?

Der Mann litt unter einem Alice-im-Wunderland-Syndrom (AIWS). Betroffene erleben, dass Gegenstände in ihrer Umwelt oder ihre Gliedmaßen kleiner, größer, näher oder weiter weg wirken als sie sollten. Derealisation, Depersonalisation und eine veränderte Wahrnehmung der Zeit können ebenfalls zu den Symptomen gehören. Der britische Psychiater John Todd gab dem Syndrom im Jahr 1955 seinen Namen.

  • Lewis Carrol schrieb die Geschichten über Alice in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Darin stürzt das junge Mädchen auf der Suche nach ihrem Kaninchen in ein Loch, das sie ins Wunderland bringt. Dort trinkt sie einen Zaubertrank, der sie schrumpfen lässt, und isst einen Keks, der sie in die Höhe schießen lässt. In der Geschichte werden sämtliche Symptome geschrieben, die später zum Alice-im-Wunderland-Syndrom zusammengefasst wurden. Aus den Tagebüchern des Autors geht hervor, dass er selber unter Migräne gelitten hat, und man darf mutmaßen, dass die Geschichte von seinen eigenen Erlebnissen inspiriert wurde.

Das Syndrom kommt bei Kindern häufiger vor als bei Erwachsenen. Bei den kleinen Patienten ist die häufigste Ursache eine Infektion. Kinder, die ein AIWS erleben, entwickeln häufiger in späteren Jahren das Vollbild einer Migräne. Dann liegt oftmals eine familiäre Vorbelastung mit der Kopfschmerzerkrankung vor, die bei Erwachsenen die häufigste Ursache für die bizarren Wahrnehmungen darstellt. Weiterhin tritt das Syndrom im Rahmen von Epilepsien und psychiatrischen Erkrankungen auf.

Neuroanatomisch scheint sich das ungewöhnliche Geschehen in der temporo-occipitalen und parieto-occipitalen Region, sowie am temporoparietalen Übergang abzuspielen. Abnormale anatomische Befunde im Rahmen des AIWS befinden sich in der Regel in einer dieser Regionen, häufiger rechtsseitig als linksseitig. Belastbare epidemiologische Zahlen gibt es jedoch aktuell nicht.2

Erste Befunde unauffällig

In der erweiterten Anamnese des 54-Jährigen ergeben sich keine weiteren relevanten Vorerkrankungen. Familienangehörige seien jedoch an Hirntumoren erkrankt. Ein Schädel-MRT drei Jahre zuvor, zum Ausschluss neuroanatomischer Auffälligkeiten im Rahmen der Migräne, war ohne pathologischen Befund.

Der Patient hat kein Fieber, die klinisch-neurologische Untersuchung ist unauffällig, Laborwerte und Liquoruntersuchung ergeben keine pathologischen Werte. Auch ein Standard-EEG sowie eine native CT-Bildgebung zeigen nichts Ungewöhnliches an. Der Patient berichtet, dass ihm die Qualität der Kopfschmerzen bekannt sei, allerdings habe er nie zuvor eine Aura gehabt. Diese Tatsache macht die behandelnden Ärzte skeptisch und bewegt sie zu weiteren Untersuchungen.

Lesen Sie in Teil zwei, wie sich die Kollegen entscheiden und wie es mit dem Mann weitergeht.

  1. Mastria et al.: “Temporal-occipital glioblasoma presenting with Alice in Wonderland Syndrome in a patient with long-time history of migraine without aura“ Neurocase (2018)
  2. Mastria et al.: “Alice in Wonderland Syndrome: A Clinical and Pathophysiological Review“¸ Biomed Res Int. (2016)

Bildnachweis:

  • ©iStock.com/Andrew_Howe
  • ©iStock.com/THEPALMER

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