14. April 2018

Mittagessen mit Folgen: Das war der Auslöser

Die Ärzte haben den Verdacht auf Botulismus, welcher sich in Bluttests und der Analyse der Dosenbohnen bestätigt. Beide Patienten müssen noch monatelang auf der Intensivstation verbleiben.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Kasuisitik im Journal of Medical Case Reports, die Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Typische Anzeichen von Nahrungsmittelbotulismus

Beide Patienten weisen Symptome einer Lebensmittelvergiftung mit Botulinum-Toxin auf, wie die Lähmung der Hirnnerven (Diplopie, Sehstörungen, Ptosis, Dysarthrie oder Dysphagie) gefolgt von einer absteigenden Paralyse der Extremitäten und der Atemmuskulatur.

Eine Serumanalyse kann Botulinum Toxin A (BoNT A) bei der Patientin nachweisen, bei ihrem Mann ist das Ergebnis nicht eindeutig. Er hatte jedoch auch weniger Bohnen gegessen. Das Neurotoxin wird ebenfalls in den übriggebliebenen Bohnen gefunden.

Da die Intoxikation bei der Diagnose bereits mehr als 72 Stunden zurückliegt, verabreichen die Ärzte kein Antitoxin. In der aktuellen deutschen Leitlinie wird eine Gabe nur innerhalb der ersten 24 Stunden empfohlen.2

Zustand verschlechtert sich weiter

Am siebten Tag nach der Klinikeinweisung wird bei der Frau eine Tracheotomie notwendig, am folgenden Tag wird eine PEG-Sonde gelegt. Nach 27 Tagen auf der Intensivstation wird sie in eine Rehabilitationseinrichtung verlegt, mit weiterbestehender kompletter Lähmung der Hirnnerven und Tetraplegie.

Nach 5,5 Monaten kann die mechanische Beatmung beendet werden und nach elf Monaten kann die Frau schließlich die Klinik verlassen. Die neurologischen Symptome sind abgeklungen, sie fühlt sich jedoch noch immer schwach und zeigt Symptome einer Depression.

Bei ihrem Ehemann verkompliziert sich die Behandlung durch eine Pneumonie, Bewusstseinsverluste, unkontrollierbare Hypertonie und Fieber. Der Patient muss 4,5 Monate beatmtet werden und wird nach acht Monaten aus der Klinik entlassen.

Es bleiben keine neurologischen Defizite zurück, er klagt jedoch über Schwäche und Muskelschmerzen. Zudem liegen eine vollständige Amnesie und paranoide Vorstellungen über die ersten drei Monate des Klinikaufenthalts vor.

Selten, aber mit gravierenden Folgen

In Deutschland treten jährlich zwischen zehn und 20 Fälle von Botulismus auf, am häufigsten sind dabei Lebensmittelvergiftungen, insbesondere durch eingelegtes Fleisch oder Gemüse. Die Diagnose erfolgt über den Nachweis des Neurotoxins im Blut, Mageninhalt oder Stuhl des Patienten oder im verdächtigen Nahrungsmittel.

Botulinumtoxin (BoNT) bindet an präsynaptische Rezeptoren und verhindert schließlich die Ausschüttung von Acetylcholin. Das Versagen der neuromuskulären Übertragung führt so zu Störungen des autonomen Nervensystems und Muskellähmungen. BoNT ist das stärkste natürliche Gift, bereits 100 ng (oral) sind letal.

Eine spezifische Therapie ist mit Botulinum-Antitoxinen vom Pferd möglich. Diese neutralisieren noch nicht an Nervenendigungen gebundene Moleküle und sollten daher innerhalb von 24 Stunden verabreicht werden. Die Autoren des Fallberichts sprechen sich jedoch dafür aus, Antitoxine auch zu einem späteren Zeitpunkt zu verabreichen.

Eine komplette Erholung kann Monate dauern und in vielen Fällen ist eine langfristige Beatmung notwendig. Im Wesentlichen beschränkt sich die Therapie auf supportive Maßnahmen und eine intensivmedizinische Betreuung.2

  1. Hellmich D et al. Foodborne botulism due to ingestion of home-canned green beans: two case reports. Journal of Medical Case Reports 2018; 12:1.
  2. Botulismus. Leitlinie für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Deutsche gesellschaft für Neurologie. AWMF-Register-Nr. 030/109

Bildquelle: © iStock.com/molekuul

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