14. September 2018

Auflösung: Heißes Duschen gegen schwallartiges Erbrechen

Auf Nachfrage der Ärzte gibt der Mann an, seit mehreren Jahren täglich Cannabis zu konsumieren. Auch während des Klinikaufenthalts setzt er den Konsum fort. Die Mediziner stellen die Diagnose eines Cannabis-Hyperemesis-Syndroms.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf einer Fallbeschreibung in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, die Christoph Renninger für Sie zusammenfasst.1

Cannabis-Hyperemesis-Syndrom: Erstmals 2004 beschrieben

In den vergangenen 14 Jahren wurden vermehrt Fälle von zyklischem Erbrechen ohne organische Ursache bei langjährigen Cannabiskonsumenten beschrieben. Zur Diagnose eines Cannabis-Hyperemesis-Syndroms (CHS) werden folgende Punkte vorgeschlagen:2
Essentiell

  • Langzeit-Cannabis-Konsum
Hauptkriterien
  • starke zyklische Übelkeit und Erbrechen
  • abdominelle Schmerzen
  • Ende der Symptome nach Cannabis-Abstinenz
  • Linderung durch heißes Duschen oder Baden
Nebenkriterien
  • Alter <50 Jahre
  • Gewichtsverlust > 5 kg
  • dominantes Auftreten der Symptome am Morgen
  • negative laborchemische, radiologische und endoskopische Untersuchungen

Abstinenz und Medikation führen zur Besserung

Der beschriebene Patient konsumiert täglich etwa ein Gramm Cannabis und hat den Drogengebrauch selbst in der Klinik fortgesetzt. Zudem nimmt er gelegentlich Amphetamin und Kokain.

Nach ausführlicher Beratung verzichtet er auf den Konsum. Zudem verordnen die Ärzte 4 mg Haloperidol. Daraufhin stellt sich das Erbrechen ein und der Mann kann in gutem Zustand die Klinik nach sechs Tagen verlassen. Eine weitere Suchtberatung und möglicherweise eine Entzugsklinik werden empfohlen.

Beim CHS sind gängige Antiemetika meist ohne Wirkung. Es wird jedoch von Fällen berichtet, in denen Benzodiazepine, insbesondere Lorazepam, und Haloperidol wirksam waren. Nach Ende des Cannabis-Konsums enden die Beschwerden meist nach 2-4 Tagen.

Warum heißes Duschen?

Aufgrund seiner antiemetischen Effekte wird Cannabis auch medizinisch eingesetzt. Weshalb ein Langzeitkonsum zu zyklischem Erbrechen führen kann, ist pathophysiologisch noch nicht geklärt. Möglicherweise liegt eine dauerhafte Stimulierung von CB1-Rezeptoren im enterischen Nervensystem zugrunde. Da der Hauptwirkstoff von Cannabis, delta-9-tetrahydrocannabinol (THC), stark lipophil ist, kann es zu einer Anlagerung im Fettgewebe kommen.

Heißes Duschen oder Baden scheint pathognomonisch führt das CHS zu sein. Weshalb es zu einer Linderung der Symptome kommt, ist jedoch noch unklar. Die erhöhte Körpertemperatur könnte einer durch THC gestörten Thermoregulation entgegenwirken. Eine weitere Hypothese besagt, dass durch die periphere Vasodilatation und geringe Durchblutung des Splanchnikusgebiets Übelkeit und Erbrechen nachlassen.

Differenzialdiagnostisch muss das Syndrom des zyklischen Erbrechens (CVS) abgegrenzt werden. Trotz ähnlicher Symptomatik gibt es Unterschiede, so treten psychiatrische (Depressionen, Angsterkrankungen) Komorbiditäten oder Migräne beim CVS wesentlich häufiger auf. Die Behandlung erfolgt hier über Triptane und supportive Maßnahmen.

  1. Gericke M & Hartmann D. Viel heißer Dampf: das Cannabis-Hyperemesis-Syndrom. Dtsch med Wochenschr 2018; 143(16): 1182-1185.
  2. Simonetto DA et al. Cannabinoid hyperemesis: a case series of 98 patients. Mayo Clin Proc 2012; 87: 114-119.

Bildquelle: © istock.com/belterz

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