08. November 2016

Fallauflösung: Komatöser Patient mit Azidose

Die Ärzte stellen die Diagnose: Ethylenglykolvergiftung. Wegweisende Befunde dieser Diagnose sind

  • eine initiale osmotische Lücke
  • eine metabolische Azidose mit vergrößerter Anionenlücke
  • Nachweis von Calciumoxalatkristallen im Urin

Die behandelnden Kliniker sollten sich der Dynamik des Krankheitsbildes bewusst sein, schreiben die Ärzte. So kommt es nach Intoxikation zunächst durch das Ethylenglykol zu einer osmotischen Lücke. Diese nimmt mit Verstoffwechselung ab, denn die entstehenden sauren Metaboliten sind bei gleichzeitigem Bikarbonatverbrauch durch Kationen (vornehmlich Natrium) begleitet und tragen somit nicht zur osmotischen Lücke bei, bewirken aber eine zunehmende metabolische Azidose mit vergrößerter Anionenlücke.

Häufiger Fallstrick: Falsch-positive Laktat-Messung

Die Autoren betonen, dass auch divergente oder unplausible Laktatmessungen, wie im vorliegenden Fall, an eine Ethylenglykol-Intoxikation denken lassen sollten. So reagierten niedrigspezifische L-Laktat-Oxidasen in verbreiteten automatischen Laktat-Messverfahren auch mit Glykolat, sodass dieses im Test als Laktat interpretiert wird. Durch korrekte Bestimmung in spezifischeren Messsystemen entsteht eine Befunddivergenz („Laktatlücke“), die sogar diagnostisch oder therapiesteuernd eingesetzt werden kann.

Hintergründe zu Ethylenglykol

Ethylenglykol wird verbreitet in Frostschutz- und Reinigungsmitteln verwendet. Aufgrund seines süßlichen Geschmacks und seiner berauschenden Wirkung kommt es nicht selten zu akuten oder auch chronischen Intoxikationsfällen.

Der direkte Nachweis von Ethylenglykol ist in der Regel nicht sofort verfügbar. Da die Ethylanglykol-Intoxikation jedoch ein schweres, potenziell letales Krankheitsbild darstellt, in dessen Verlauf sich häufig eine Nierenschädigung bis hin zur permanenten Dialysepflichtigkeit entwickelt, muss die Therapie bei dringendem Verdacht unverzüglich eingeleitet werden.

Wenn Sie erfahren möchten, wie die Ärzte im beschriebenen Fall weiter vorgegangen sind, lesen Sie auch den Beitrag „Therapie bei Ethylenglykol-Vergiftung – so ging es weiter“.

  1. T. Lau, J. Wiemer, C.D. Cohen: Der Nephrologe 5/2016 11:350-352: Koma und Azidose – Genese „kristallklar“

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