12. Oktober 2018

Teil 2

Auflösung: Baby mit lebensgefährlicher Azidose

Erfahren Sie hier die Antwort der Eltern und welche Ursache für die Azidose des kleinen Mädchens verantwortlich ist.

Lesedauer: 2,5 Minuten

 Der vorliegende Fall wurde in der Fachzeitschrift Drug Safety Case Reports, 2017 Dec; 4: 23 1 beschrieben. Redaktion: Dr. Nina Mörsch.

Baby versehentlich ASS verabreicht

Als die Ärzte die Eltern mit dem Testergebnis konfrontieren, geben diese zu, dass sie die Flasche mit Babynahrung versehentlich mit Wasser zubereitet haben, in dem eine hochdosierte Acetylsalicylsäure (ASS)-Tablette mit 1000 Milligramm Wirkstoff gelöst war.

So ging es mit dem Mädchen weiter

Dem Mädchen ging es zunehmend schlechter: 23 Stunden nach der Einlieferung sank zwar der Salicylatwert im Blut auf 39,1 mg/dl. Doch ihre Nieren beginnen zu versagen, bei der Auskultation sind Rasselgeräusche zu hören und sie erleidet zudem einen Krampfanfall, der jedoch spontan wieder endet. Die Ärzte leiten eine venöse Hämodialyse ein, wodurch der Salicylatspiegel nach sieben Stunden auf 10,3 mg/dl sinkt. Die Zufuhr von Bikarbonaten wird drei Tage fortgesetzt, bis zu einem pH-Wert des Urins von 9 sowie einem Salicylatspiegel von 0,7 mg/dl.

Obwohl kein Salicylat mehr im Blut nachgewiesen werden kann, bleiben die instabile Glykämie (Blutzuckerspiegel schwankt zwischen 36 und 460 mg/dl) und die Ketonämie (Ketonkörperspiegel schwankt zwischen 0,6 und 4,9 mg/dl) zunächst bestehen. Die Insulin- und Flüssigkeitstherapie wird 72 Stunden lang beibehalten.

Besserung am vierten Tag
Erst am vierten Tag nach der Krankenhausaufnahme bessert sich der Zustand des Mädchens: Das Fieber ist verschwunden, der Blutzuckerspiegel hat sich normalisiert und die Ketonämie hat sich zurückgebildet. Zuerst kann es die Intensivstation verlassen, zwei weitere Tage später dann auch die Klinik. Von bleibenden Schäden an der Niere berichten die Ärzte nicht.

Take-Home-Message der Autoren

  • Bei Zeichen einer Übersäuerung Salicylatvergiftung in Betracht ziehen: Bei unklarer Anamnese sollte bei Säuglingen und Kindern mit erhöhter Anionenlücke, metabolischer Azidose und respiratorische Alkalose immer eine Salicylatvergiftung in Betracht gezogen werden – auch wenn die Eltern oder Betreuer jede Möglichkeit einer unbeabsichtigten Vergiftung ausschließen.

  • Verwechslungsgefahr mit anderen Erkrankungen: Aufgrund der unspezifischen und vielfältigen Charakteristika einer Salicylatvergiftung (Hyperpnoe, Tachypnoe, Tachykardie, Fieber, Koagulopathie, Ketoazidose, Hyperglykämie, Glykosurie oder Ketonurie) besteht eine Verwechslungsgefahr mit anderen kritischen Erkrankungen wie Sepsis oder diabetischer Ketoazidose.

  • Erstlinientherapie Bikarbonat: Bei einer Salicylatvergiftung empfehlen Experten Bikarbonat als Erstlinientherapie, das zu Alkaliämie und Alkalurie führt. Alkalämie minimiert den Übergang von Salicylaten zum zentralen Nervensystem, während Alkalurie die renale Ausscheidung von Salicylat fördert. Dazu gehört auch die Wiederherstellung des Flüssigkeits- und Elektrolytgleichgewichts. Die Überwachung des Urin-pH-Wertes ist wichtig, da er ein guter Indikator für den Erfolg der Alkalisierung ist.

Cave: Sinkender Salicylatspiegel mit Komplikationen verbunden: Die Salicylatvergiftung induziert komplexe Veränderungen im Kohlenhydratstoffwechsel, die zu fatalen Folgen führen können, insbesondere bei Säuglingen. Diese Stoffwechselveränderungen können auch dann bestehen bleiben, wenn der Salicylat im Blut nicht mehrnachweisbar ist, wie im vorliegenden Fall und zu schweren Komplikationen führen.

Daher wird eine ständige Überwachung des Salicylatspigels nicht empfohlen und klinische Entscheidungen sollten nicht allein auf der Grundlage dieses Werts getroffen werden. Vielmehr empfehlen Experten die Einleitung einer extrakorporalen Beseitigung von Salicylaten

  • ab einem Salicylatwert von > 100 mg/dl und
  • bei Salicylatwerten > 90 mg/dl bei eingeschränkter Nierenfunktion, verändertem Geisteszustand oder neuer Hypoxämie, die zusätzlichen Sauerstoff erfordert.

Der Vorteil dieser Behandlung gegenüber der Gabe von Bikarbonat: Eine schnellere Beseitigung von Salicylaten und der Azidose. Auch wenn diese Werte im beschriebenen Fall nicht erreicht wurden, war die Hämodialyse aufgrund des sich verschlechternden Zustands des Mädchens angebracht.

Übrigens: Vorsicht bei Kindern mit der Gabe von Salicylaten

Die Autoren weisen zudem auf die generelle Gefahr der Gabe von Salicylaten bei Kindern hin. So kann die Behandlung mit beispielsweise ASS bei ihnen zu dem Reye-Syndrom führen, einer seltenen Form der akuten Enzephalopathie und Fettinfiltration der Leber. Daher sollte die Behandlung von fieberhaften Erkrankungen mit ASS bei Kindern und Jugendlichen nur nach strenger Indikationsstellung erfolgen.

1. Rita Espírito Santo et al. Salicylate Intoxication in an Infant: A Case Report. Drug Safety Case Reports 2017 Dec; 4: 23. doi: 10.1007/s40800-017-0065-9

Bildquelle: © iStock.com/Kanawa_Studio

Jetzt kommentieren

Möchten Sie den Beitrag kommentieren?

Angemeldete Mitglieder unserer Ärzte-Community können Beiträge kommentieren und Kommentare anderer Ärzte lesen.


Jetzt kommentieren

Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist 
coliquio GmbH gemäß §4 HWG.
 
coliquio GmbH
Turmstraße 22
78467 Konstanz
www.coliquio.de

Tel.: +49 7531 363 939 300
Fax: +49 7531 363 939 900
Mail: info@coliquio.de

Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:
Felix Rademacher, Martin Drees
Handelsregister: Amtsgericht Freiburg 
Registernummer: HRB 701556
USt-IdNr.: DE256286653