27. Mai 2017

Rätsel um 12-jähriges Mädchen: Stimmungsschwankungen und unklare körperliche Beschwerden

Seit einigen Monaten ist das Mädchen gereizt, hat familiäre sowie schulische Probleme. Zudem leidet sie unter verschiedenen körperlichen Beschwerden. Eine Psychiaterin diagnostiziert eine Major Depression und eine Angststörung – doch steckt tatsächlich die Psyche hinter den Symptomen?

Dieser Patientenfall wurde im New England Journal of Medicine 1 veröffentlicht und von Christoph Renninger, coliquio-Redaktion, für Sie aufbereitet.

Multiple Symptome und psychiatrische Vorgeschichte

Die 12-jährige Patientin stellt sich in der psychiatrischen Ambulanz mit erhöhter Reizbarkeit, Hypersomnie (bis zu 13 Schlaf/Nacht) und einer Reihe von körperlichen Beschwerden, wie Schwindel, Erschöpfung, Bauchschmerzen, Kribbeln und Schmerzen in Armen und Beinen, vor. Dreimal sind Episoden mit starkem Erbrechen aufgetreten. In den vergangenen acht Monaten ist es vermehrt zu Konflikten mit der Familie und Wutausbrüchen gekommen. In der Schule isoliert sich das Mädchen zunehmend und ihre Leistungen verschlechtern sich.

Bekannt ist eine Zöliakie und das Mädchen ernährt sich glutenfrei. In der Familie sind mehrere Fälle der Krankheit bekannt, die Mutter hat zudem eine Schilddrüsenerkrankung. Aufgrund von Ängsten und einer Depression besteht eine Behandlung mit Escitalopram (seit zwei Jahren) und einer kognitiven Verhaltenstherapie (seit sieben Monaten).

Bei der Untersuchung erscheint das Mädchen erschöpft und untergewichtig (35,4 kg bei einer Körpergröße von 1,50 m, BMI=15,7), aber ohne physischen Auffälligkeiten. Der Blutdruck liegt bei 83/52 mmHg, der Puls bei 102/min. Die Haut ist mit Sommersprossen bedeckt und es besteht eine leichte Hyperpigmentierung der Achseln. Neurologische Tests, ein EEG und ein MRT des Kopfes sind normal.

Im Gespräch mit der Psychiaterin erscheint die Patienten abwesend, traurig und apathisch. Ihre Sprache ist leise und langsam, Blickkontakt vermeidet sie. Bei der Frage nach ihren drei Wünschen, nennt sie ein Mobiltelefon, andere Freunde und eine andere Schulsituation.

Die Diagnose lautet: Major Depression und generalisierte Angststörung.

Gesundheitszustand verschlechtert sich trotz Psychotherapie

Eine wöchentliche Psychotherapie wird begonnen und zusätzlich zu Escitalopram wird Bupropion (ansteigend auf 75 mg) verordnet. Doch verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Mädchens weiter. Sie leidet unter Schwindel, Kopfschmerzen und muskoskeletalen Schmerzen. Erneut kommt es zu zwei Episoden von Erbrechen in der Schule. Sechs Wochen nach der ersten Untersuchung erscheint die Patientin bei einem weiteren Termin lustlos und bleich, das Gewicht nimmt auf 32,9 kg ab. Das Blutbild (u.a. Glucose, Albumin, Bilirubin, CRP) ist unauffällig. Der Blutdruck liegt bei 87/45 mmHg, der Puls bei 92/min, ein durchgeführtes EKG ist normal. Bupropion wird abgesetzt und die Patientin an eine weitere Klinik überwiesen.

Auch wenn die Kriterien einer Depression (>2 Wochen Stimmungsschwankungen und neurovegetative Symptome wie niedrige Energie, Appetitlosigkeit, Hypersomnie, vermindertes Interesse, Konzentrationsschwierigkeiten) erfüllt sind, besteht der Verdacht auf eine gleichzeitige körperliche Erkrankung.

Sie sind gefragt: Was vermuten Sie als mögliche Ursache der Symptome?

Schreiben Sie unten in das Kommentarfeld Ihre Vermutung und erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags, welche weitere Untersuchung die behandelnden Ärzte schließlich zur Diagnose führt.

  1. Bender SL et al. Case 16-2013: A 12-Year-Old Girl with Irritability, Hypersomnia, and Somatic Symptoms. New England Journal of Medicine 2013; 368: 2015-2024.

Bildquelle: © ljubaphoto-istockphoto.com

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