14. Juni 2019

DGIM 2019

Umgang mit Emotionen im Patientengespräch

Wie steuert man Patientengespräche mit heftigen Gefühlsinhalten wie Angst, Wut und Hilflosigkeit? Wie können sich Ärzte auf schwierige Gespräche vorbereiten? Internistin und Psychotherapeutin Andrea Eisenberg gibt hier praktische Tipps für emotional besonders herausfordernde Situationen.

Interview und Redaktion: Marina Urbanietz, Laura Cabrera

Wie sollten sich Ärzte verhalten, wenn ein Patient sehr emotional wird?

Videodauer: 1 Minute

Grundsätzlich gilt: die Gefühle des Gegenübers wahrzunehmen, zu benennen und dafür Verständnis aufzubringen, kurzgesagt: sie zu validieren.

Das weitere Vorgehen hängt von der Art der Emotionen ab. Bei manchen Gefühlen, wie z.B. Verzweiflung, sollte man dem Patienten Halt geben sowie Zeit und Raum fürs Nachdenken. Bei Angst hingegen kann man den Patienten auslenken, indem man ihm Sicherheit vermittelt (z.B. durch die Professionalität des Behandlungsteams, einen klaren Plan für das weitere Vorgehen etc.). In solchen Fällen sollte man darauf achten, dass z.B. ein Angehöriger dem Patienten zur Seite steht.

Wie kann man sich auf ein schwieriges Gespräch vorbereiten?

Statistiken zeigen, dass 90% der Krebspatienten eine vollumfängliche Aufklärung wünschen. Von den restlichen 10%, die dies zunächst nicht wollten, fühlt sich später die überwiegende Mehrheit im Stich gelassen.

Die Diagnose sollte also direkt an den Patienten kommuniziert werden und nicht an die Angehörigen. Durch die Delegation der Diagnosevermittlung an Angehörige wird das Vertrauensverhältnis zum Behandler völlig zerstört.

Videodauer: 1,5 Minuten

Im Vorfeld eines schwierigen Gesprächs sollten die folgenden Rahmenbedingungen geklärt werden:

  • Günstiger Zeitpunkt
  • Ausreichender Zeitrahmen
  • Störungsarme, geschützte Umgebung
  • Hinzuziehung einer Vertrauensperson (dies kann sowohl seitens der Patienten als auch seitens der Ärzte sinnvoll sein)

Wichtig: Patienten Zeit lassen – für Entscheidungen und Informationsverarbeitung.

Wie gehe ich mit wütenden Patienten um?

Videodauer: 2 Minuten

Wut ist eine Emotion, bei der das Wahrnehmen, Ansprechen und Verständnis zeigen bereits hilft, den Druck aus dem Ventil zu nehmen. Sollte die Wut des Patienten nachvollziehbar sein, z.B. wegen langer Wartezeiten, kann man mit ihm dies offen besprechen.

Wichtig: Kontext aktiv gestalten – überzogene Forderungen weder automatisch erfüllen noch kategorisch ablehnen, aber die Ursache hinterfragen.

Doch nicht immer hängen die Gefühle einer Person vollständig mit einer konkreten Situation zusammen. Manche Patienten müssen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur emotionale Belastung nach außen tragen, entweder durch körperliche Symptome oder durch Ausagieren in der Beziehung zum Behandlungsteam. Wichtig ist, auch für diese „schwierigen“ Patienten Verständnis aufzubringen und die Ursache für ihr Verhalten zu hinterfragen. Gleichzeitig sollte man stets klare Grenzen setzen.

  • Nach schwierigen Gesprächen darf auch an die eigenen Gefühle gedacht werden. Sich mit einem Kollegen auszutauschen und die eigenen Gefühle dabei zu reflektieren, kann in vielen Fällen sehr hilfreich sein.

Der bisher schwierigste Fall

Im Anschluss an unser Interview berichtete Frau Eisenberg über einen Vorfall aus ihrer Zeit als Assistenzärztin. Damals betreute sie eine Patientin, die einen Schlaganfall erlitten hatte. Der Sohn der Patientin traf Frau Eisenberg morgens am Briefkasten der Klinik und hob sie am Kragen in die Höhe. Als Konsequenz erhielt der Mann Hausverbot. Diese Situation zeigt noch einmal deutlich, dass körperliche Grenzüberschreitungen in keinem Fall zu tolerieren sind.

Andrea Eisenberg ist Internistin und Psychotherapeutin. Seit Anfang 2019 leitet sie die Abteilung für Dermatopsychosomatik an der Psorisol Hautklinik in Hersbruck. Des Weiteren ist sie Dozentin für Verhaltenstherapie am vfkv-Insitut in München.

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