04. Mai 2022

Umgang mit Sprach- und Kulturgrenzen: “Medizin ist Beziehungsarbeit”

Sprachbarrieren, Symptomdarstellung & Erwartungshaltung: Treffen im Behandlungsalltag verschiedene Kulturen aufeinander, kann es zu Missverständnissen und Komplikationen kommen. Es bieten sich jedoch auch Möglichkeiten der Aufklärung und neue Chancen. Wie interkulturelle Medizin gelingen kann, erörtern Rahim Schmidt und Tolga Sancaktaroglu im Dialog.

Lesedauer: 6 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf der Sitzung „Sprach- und Kulturgrenzen in der Inneren Medizin“ von Rahim Schmidt, Facharzt für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Mainz und Tolga Sancaktaroglu, Facharzt Orthopädie & Unfallchirurgie auf dem DGIM-Kongress 2022. Redaktion: Marc Fröhling.

25 bis 30 Prozent seiner Patientinnen und Patienten hätten einen Migrationshintergrund, sagt Tolga Sancaktaroglu, selbst geboren und aufgewachsen in Mainz. Dies entspräche auch den Zahlen der Gesamtbevölkerung. Die Übergänge von Gastarbeitern aus den 1960er Jahren, von denen manche noch immer kein Deutsch sprächen, bis zur in Deutschland geborenen zweiten Generation seien fließend. Mittlerweile werde im Zuge von Globalisierung, Digitalisierung, Kriegen und daraus resultierenden Fluchtbewegungen die Gesellschaft zunehmend bunter und vielfältiger. Die Menschen bringen ihre kulturelle Brille und Sprachgewohnheiten mit – all dem begegne man auch täglich in der ärztlichen Versorgung. Er weist darauf hin, dass die dargestellten Situationen sehr pauschal wiedergegeben seien – häufig handle es sich um Tendenzen und nicht alles dürfe auf die Goldwaage gelegt werden.

Patient wird von der ganzen Familie begleitet – wie reagieren?

Gerade während der pandemiegeprägten Jahre, mit Zugangsbeschränkungen auch in Kliniken und Niederlassungen, wurde laut Sancaktaroglu der anders geartete Umgang von Menschen mit Migrationshintergrund mit der Ressource Familie deutlich. Es gebe Familien, die im Krankheitsfall sehr darauf bedacht sind, dem Erkrankten beizustehen und diesen zu begleiten. Dies führe zur Frage nach dem richtigen Umgang mit Patienten, die mit vier oder fünf weiteren Begleitpersonen in der Praxis erscheinen. Wenn in der Praxis die Gruppe getrennt werde, entstehe mitunter eine schwierige Situation für Ärztinnen und Ärzte: das Vertrauensverhältnis ist gestört und die Compliance leidet.

Laut dem Iraner Rahim Schmidt, der 1978 nach Deutschland migriert ist, ist es zunächst wichtig zu verstehen, dass die verschiedenen Familienmitglieder füreinander einstehen möchten. Nicht eine Person ist krank, sondern die Familie. Diese Ganzheitlichkeit, von einer gesundheitlichen Störung betroffen zu sein, werde nicht nur über den Familienzusammenhalt, sondern auch verbal von Migranten zum Ausdruck gebracht. So heißt es dann nicht etwa: „Mein Fingerendgelenk tut weh”, sondern: „Ich bin krank.“

„Medizin ist Beziehungsarbeit“

In einer solchen Situation tritt er nach vorne und fragt nach einer höflicher Begrüßung gezielt, wer aus der Gruppe denn heute krank sei. Anschließend bedankt er sich bei der Familie, dass sie den Patienten nicht allein gelassen, sondern begleitet haben.

Er macht aber auch deutlich, dass er sich nun allein auf den Erkrankten konzentrieren müsse. Menschen müssten dort abgeholt werden, wo sie stehen. „Medizin ist Beziehungsarbeit“, so Schmidt. Viele der Patientinnen seien nach seiner Begrüßung dann froh, auf diese Weise wertgeschätzt zu werden – und ein Vertrauensverhältnis zum Arzt oder zur Ärztin entsteht. Um ein Vertrauensverhältnis zu schaffen, ist es zudem wichtig, Wertschätzung zu zeigen. Biete sich die Gelegenheit, erkundige er sich beispielsweise nach dem Wohlbefinden der Familie. „Der Arzt als Respektperson fragt nach meiner Familie – Donnerwetter, eine tolle Sache“ sei eine häufige Reaktion der Patientinnen und Patienten.

Ambulante Operationen: Aufgefangen im sozialen Netz

Bei ambulanten Eingriffen sind die Gepflogenheiten mancher Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund vorteilhaft, erklärt Sancaktaroglu: So ist in der Regel eine Begleitperson mit dabei und Patienten werden immer in einem sozialen Netz aufgefangen. Diskussionen gebe es eher bei deutschen Patienten, die alleine leben: Hier könne aufgrund der Gesetzeslage keine ambulante Narkose durchgeführt werden, da diese nicht alleine nach Hause geschickt werden dürften. Sie müssten dann in den stationären Sektor ausweichen, was das Gesundheitssystem mehr beanspruche.

Krankheitsverständnis: Gibt es Unterschiede in den jeweiligen Kulturen?

Die Unter- und Mittelschicht hat in manchen Herkunftsländern kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, was zu einem schlechteren Krankheitsverständnis führe. „Die Menschen fühlen sich dann krank, wenn es einen Schmerz gibt“, so Schmidt. So gebe es Fälle, in denen Personen mit Bluthochdruck oder einem Diabetes über Jahrzehnte ohne Arztbesuch und Präventionsmaßnahmen durch die Gegend liefen. Studien belegen laut Schmidt zudem, dass Personen mit Migrationshintergrund besonders häufig in Notaufnahmen vorstellig würden, da Schmerz in der Regel mit „Hilfe suchen“ assoziiert werde. So wüssten viele aufgrund mangelnder Vorkenntnisse nicht, dass oftmals auch der Gang zum Hausarzt Abhilfe schaffen kann.

Eine weitere Hürde ist struktureller Natur: Treffen Personen mit mangelnden gesundheitlichen Vorkenntnissen auf die ambulante oder stationäre Versorgung hierzulande, betreten diese für sie häufig gänzlich unbekanntes Terrain. Dies betreffe auch grundlegende Dinge wie das Einlesen der Gesundheitskarte oder das Platznehmen im Wartezimmer.

Unterschiedliche Ausdrucksweise der Symptomdarstellung

Sancaktaroglu weist auf eine für deutsche Ärztinnen und Ärzte eher ungewohnte Ausdrucksweise bei der Symptombeschreibung hin. Diese würde in der Regel übertriebener und blumiger ausfallen. Ungewohnt sei auch, wenn beispielsweise ältere, häufig türkischstämmige Damen mit Gelenkverschleiß und medialer Gonarthrose die Praxis betreten und klagen: „Der Fuß tut weh“. Hiermit könne von der Hüfte bis hin zum Großzeh alles gemeint sein, da der Fuß hier als Überbegriff fungiere. Aufgabe der Ärztin oder des Arztes ist es dann herauszufinden, was mit „Fuß“ oder „Bein“ exakt gemeint ist.

Unterschiedliche Erwartungshaltung in das ärztliche Handeln

Gelegentlich habe man, so Sancaktaroglu, als Facharzt hierzulande das Gefühl, Diagnosen nur noch bestätigen zu müssen. So kämen Patienten oft schon mit einer Verdachtsdiagnose zu ihm. Es gehe dann darum, die Therapieideen der Patienten, die bereits im Raum stehen, abzuwägen. Anders gestalte sich das Vorgehen bei Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund. Diese verlassen sich absolut auf das vor ihm sitzende ärztliche Personal, das die höchste Instanz darstellt. In der Regel gebe es wenig Vorstellung über die Therapie, die man erhalten „sollte“.

Gibt es Krankheitsbilder, die bei Patienten mit Migrationshintergrund gehäuft auftreten?

Schmidt verweist auf Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI), wonach bei Migrantinnen und Migranten Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Herzerkrankungen und orthopädische Erkrankungen häufiger auftreten, in bestimmten Bevölkerungsteilen auch psychische Erkrankungen wie Schizophrenie und Depressionen. So litten etwa Kinder mit Migrationshintergrund häufiger unter Angst und Depressionen, jedoch weniger an Allergien und Asthma. Sancaktaroglu nennt hier auch die weite Verbreitung von Hüftdysplasien von aus dem Mittelmeerraum stammenden Patientinnen und Patienten hin. Aufgrund des guten Hüftscreenings würden jedoch inzwischen der Großteil der in Deutschland geborenen betroffenen Kinder inzwischen erfasst.

Ein Zuhörer aus dem Auditorium weist daraufhin, dass seine Berufserfahrung gezeigt habe, dass bei Menschen mit Migrationshintergrund ein kardiales Ereignis ein wesentlich einschneidenderes Erlebnis darstellt und diese weitaus häufiger trotz Reha über die Folgen klagen würden.

Ein Grund ist hier laut Schmidt Defizite in der Gesundheitsbildung. Er plädiert für Patientenschulungen zu folgenden Fragen: Wie funktioniert der menschliche Körper – und wann meldet er sich als krank? Wie gehe ich mit einer solchen Situation um? Als Beispiel beschreibt er die Situation eines Patienten, der aufgrund eines psychischen Leidens innerhalb eines Monates vier mal den Notarzt angerufen habe, da dieser sich nicht anders zu helfen wusste.

Psychsomatische Medizin bei Patienten mit Migrationshintergrund

Laut Schmidt ist die Psyche ein Thema, das nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch Einheimische betrifft. Selten erlebe er Patienten, die in die Praxis kommen und sagen: „Ich bin traurig.“ Die Erwartungshaltung gehe vielmehr dahin, der Ursache für körperlichen Schmerz auf den Grund zu gehen. Stellt sich jedoch bei der Anamnese heraus, dass alle Vitalparameter in Ordnung sind, sei es Aufgabe des Ärztes oder der Ärztin genau hinzuhören, um Überforderung oder Erschöpfung des Patienten im Alltag zu erkennen.

Aktuelle Situation: Geflüchtete aus der Ukraine

Eine niedergelassene Allgemeinmedizinerin aus dem Auditorium berichtet von ihren Erfahrungen mit russischsprachigen Patientinnen und Patienten – und in letzter Zeit auch von einer steigenden Zahl ukrainischer Kriegsgeflüchteter. Auffällig sei, dass sie alle sehr belesen und interessiert an ihrer eigenen Gesundheit seien. Zur Sprechstunde erschienen diese häufig mit ganz konkreten Vorstellungen, etwa mit dem Satz: „Ich habe überall Atrophien.”

Für den Arzt sei es häufig sehr schwierig, die tatsächlichen Zusammenhänge und die optimale Behandlung zu erklären. Für viele Personen sei es uninteressant, lediglich an einer einfachen Erkrankung zu leiden – es müsse schon eine spannende Diagnose sein, die eine möglichst komplexe Behandlung erfordere. Auch hier ist laut Schmidt wieder die Beziehungsarbeit des Arztes gefragt, um Vertrauen zu schaffen. Auf diese Weise würde auch eine Empfehlung hin zu „Kräutertee, die Seele baumeln lassen und etwas Musik aus der Heimat” akzeptiert werden, wenn Betroffenen weiter nichts fehle.

Titelbild: © Getty Images/Ariel Skelley (Symbolbild)

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