05. Mai 2021

Adipositas

Oxytocin könnte Kontrolle über Essverhalten steigern

Soziale Faktoren können das Essverhalten von normalgewichtigen und adipösen Menschen beeinflussen – das zeigt auch die Corona-Pandemie. Außerdem erläutert Prof. Dr. Manfred Hallschmidt, welche Rolle Oxytocin als Therapeutikum in der Adipositasbehandlung einnehmen könnte.

Lesedauer: 4 Minuten

Der Beitrag basiert auf der Sitzung „Adipositas“ im Rahmen des DGIM-Kongresses 2021. Redaktion: Marc Fröhling

Welchen Einfluss hat die Pandemie auf das Essverhalten?

Prof. Dr. Manfred Hallschmidt vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen geht in seinem Vortrag anlässlich des 127. Internistenkongresses auf die soziale Regulation von menschlichem Essverhalten ein. Auch das Essverhalten im Lockdown während der Corona-Pandemie ist ein Thema: zahlreiche Studien haben sich demnach mit der Frage beschäftigt, wie sich die Pandemie und die damit verbundenen politischen Maßnahmen auf das menschliche Essverhalten, die körperliche Aktivität und das Körpergewicht auswirken.

So vergleicht eine französische Studie das Essverhalten von rund 40.000 Teilnehmern im April des Jahres 2020, als sich Frankreich im Lockdown befand, mit dem Essverhalten der Probanden in den Vorjahren – hierbei zeigten sich verschiedene Tendenzen. Insgesamt haben sich laut Hallschmidt drei Cluster herausgebildet:

  • Nahrungsaufnahme, Körpergewicht und Aktivität stabil: assoziiert mit einem höheren Alter und männlichem Geschlecht der Probanden, die sich außerdem in einer festen Beziehung befanden.
  • Ungesündere Ernährung, weniger körperliche Aktivität und erhöhtes Körpergewicht: assoziiert mit niedrigem Alter, weiblichem Geschlecht der Teilnehmer, sowie im selben Haushalt lebenden Kindern unter 18 Jahren.
  • Gesündere und gewichtsbewusstere Ernährung: Assoziation mit niedrigem Alter und Übergewicht/Adipositas und keinen Kindern unter 18 Jahren im selben Haushalt.

Akute Einflüsse von sozialen Faktoren auf das Essverhalten

Interessanterweise befanden sich im 3. Cluster laut Hallschmidt viele Teilnehmer mit Adipositas, die die Pandemie offenbar zum Anlass genommen haben, sich gesünder zu ernähren. Er erläutert weiter, dass offenbar soziale Beziehungen, der Beziehungsstatus oder das Zusammenleben mit Kindern einen Einfluss auf das Essverhalten haben können. Die Studie unterstreicht also die soziale Situation als möglichen Faktor für das Essverhalten.

Bereits in den 90er Jahren konnten de Castro et al. zeigen, dass Menschen in netter Gesellschaft mehr verzehren. Dabei hat das Geschlecht der anwesenden Personen einen großen Einfluss: Im Beisein von Frauen essen Männer eher mehr, als wenn sie lediglich unter ihresgleichen speisen würden. Die Effekte drehen sich um, wenn fremde oder als sehr attraktive wahrgenommene Personen anwesend sind.

Adipositas: Partnerschaftliches Zusammenleben als Risikofaktor?

Die Einflüsse sozialer Settings auf das Essverhalten zeigen sich offenbar auch bei Adipositas. Christakis und Fowler haben im Jahr 2007 untersucht, inwiefern sich Adipositas entlang sozialer Netzwerke entwickelt. Interessant laut Hallschmidt ist hierbei, dass das Risiko, an Körpergewicht zuzulegen, gesteigert war, wenn ein gemeinsamer Freund ebenfalls stark zugenommen hat – unabhängig von der geografischen Distanz.

Mit der Frage, ob diese Effekte auch in romantischen Sozialbeziehungen auftreten, hat sich eine deutsche Beobachttungsstudie aus dem Jahr 2018 beschäftigt. Mata et al. wollten wissen, inwieweit Zusammenleben, Ehe, Trennung und Scheidung das Körpergewicht beeinflussen. Ihre Ergebnisse: Sowohl Männer als auch Frauen tendieren beim Zusammenziehen dazu, an Körpergewicht zuzulegen. Der gegenteilige Effekt tritt bei einer Trennung auf. Bei Scheidungen hingegen nehmen Frauen eher zu als Männer.

Oxytocin als mögliches Therapeutikum?

Die psychologische Forschung hat sich bereits vielfach mit der Frage beschäftigt, wie das soziale Hormon Oxytocin Beziehungen und das soziale Gedächtnis beeinflusst. Tiermodelle deuten daraufhin, dass Oxytocin auch ein anorexigener Faktor ist.

Laut Tung et al. fallen Oxytocin-Konzentrationen bei Nahrungskarenz ab. „Häufig entwickelt sich bei Adipositas eine Resistenz gegen anorexigene Signale, zum Beispiel bei zentralnervösem Insulin. In Tiermodellen scheint es jedoch zu sein, dass die Oxytocin-Gabe auch bei diätinduzierter Adipositas die Nahrungsaufnahme und das Körpergewicht reduziert hat“, so Hallschmidt.

Hallschmidt hat diese Effekte im akuten Setting in Zusammenarbeit mit Graham Finlayson aus Leeds in einer Studie näher untersucht. Hierbei durften sich normalgewichtige Männer an einem Frühstücksbuffet bedienen, sobald sie hungrig waren. Man wollte herausfinden, inwieweit die Oxytocin-Gabe die Essensmotivation beeinflusst im Vergleich zu Placebo. Etwas später erfolgte ein Snack-Test, um zu untersuchen, ob die Effekte auch im gesättigten Zustand durch Oxytocin gegen Placebo beeinflusst wird.  

In beiden Gruppen hat sich das Hungergefühl zunächst nicht unterschieden. Im Snack-Test hat die Oxytocin-Gabe die Nahrungsaufnahme jedoch stark gedämpft, vor allem bei Schokoladenkeksen. Ein Vergleich der Oxytocin-Gabe bei adipösen und normalgewichtigen Männern zeigte: Stärker reagiert haben dabei die adipösen Männer. In dieser Gruppe war auch die hungerinduzierte Nahrungsaufnahme beim Frühstückbuffet nach Oxytocin-Gabe stark reduziert.

Oxytocin: Verbesserte kognitive Kontrolle?

Überraschend ist, dass im sozialen Setting mehr Nahrung verzehrt zu werden scheint, obwohl in diesen Situationen vermehrt Oxytocin ausgeschüttet wird. Hallschmidt vertritt hier die Annahme, dass Kontextfaktoren hier eine große Rolle spielen. Außerdem muss darauf hingewiesen werden, dass viele der genannten Studien im Einzelsetting durchgeführt wurden. Laut Hallschmidts Annahme kann sich dieser Effekt im Gruppensetting noch einmal verändern.

Die Effekte von Oxytocin sind bei Menschen mit Adipositas recht konstant zu beobachten. Plessow et al. konnten aktuell zeigen, dass Oxytocin die Kontrolle des Essverhaltens bei adipösen Menschen steigert. Langfristige Effekte werden aktuell untersucht. Hallschmidt weist abschließend darauf hin, dass langfristige Untersuchungen zur metabolischen Wirkung von Oxytocin bei Patienten mit Stoffwechselstörungen noch fehlen. Er spricht sich zudem dafür aus, dass diese Studien auch einen Fokus auf mögliche unerwünschte psychosoziale Nebenwirkungen lenken sollten.

1. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 2021, Sitzung: „Adipositas“.
Titelbild: © Getty Images/Vadym Petrochenko

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