22. April 2020

Prof. Floege aus Aachen:

„So leer habe ich unsere Notaufnahme noch nie gesehen“

„So können wir nicht weitermachen!“, mit diesen Worten appellierte Prof. Dr. med. Jürgen Floege, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, rheumatologische und immunologische Erkrankungen an der Uniklinik der RWTH Aachen, an ärztliche Kolleginnen und Kollegen und an die Politik.

Lesedauer: 3,5 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf den Inhalten der Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) vom 21. April 2020. Redaktion: Marina Urbanietz

„Der normale Krankenhausbetrieb muss wiederaufgenommen werden“

Prof. Dr. med. Jürgen Floege
Prof. Dr. med. Jürgen Floege

Während der gestrigen Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) betonte der Nephrologe mehrmals, dass nicht nur nephrologische Patienten, sondern auch diejenigen mit Herzinfarkten und Schlaganfällen weiterhin regulär versorgt werden müssen. „Wir können nicht weiterhin so agieren, wie bisher. Der normale Krankenhausbetrieb muss – unter den nötigen Hygieneauflagen – wiederaufgenommen werden“. Man müsse den Menschen auch die Angst nehmen, bei ernsthaften Beschwerden ins Krankenhaus zu kommen.

20-30% weniger Patienten mit kardialen Beschwerden

Prof. Dr. med. Sebastian Schellong
Prof. Dr. med. Sebastian Schellong

Diesen Rückgang im Patientenaufkommen beobachtet auch Prof. Dr. med. Sebastian Schellong, Chefarzt der Herz-Kreislauf-Klinik am Städtischen Klinikum Dresden. „Es kommen ca. 20-30% weniger Patienten mit Herzinfarkt-Symptomatik als bisher, obwohl wir in Dresden nur wenige Covid-19-Fälle in der Klinik haben“. Dabei geht es nicht nur um Herzinfarkte, auch arterielle Durchblutungsstörungen stellen ohne die ausreichenden Vorsorgemaßnahmen ein ernsthaftes Problem dar: „Die Zahl der Amputationen könnte in den kommenden Monaten ansteigen – u.a. auch beim diabetischen Fußsyndrom“, so Prof. Schellong.

Telemedizin: Bei der medizinischen Betreuung von Herzinsuffizienz-Patienten hingegen gibt es bereits einige telemedizinische Lösungen: „Diese Konzepte sind ein großer Segen, die durch die Corona-Krise nun auch schneller vorangetrieben werden“, so Prof. Schellong.

Krebsvorsorge: Droht uns bald eine Akkumulation fortgeschrittener Fälle?

Prof. Dr. med. Christoph Sarrazin, Chefarzt der Medizinischen Klinik 2 mit den Schwerpunkten Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie und Diabetologie am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden, erklärte, dass Patienten erst beim Auftreten schwerer Warnsymptome, wie z.B. Ikterus, akuten Bauchschmerzen und gastrointestinalen Blutungen, in die Notaufnahme kämen. Dadurch seien die Ärzte vermehrt mit fortgeschrittenen Fällen konfrontiert.

Prof. Dr. med. Christoph Sarrazin
Prof. Dr. med. Christoph Sarrazin

Zudem wurden die meisten Darmkrebsvorsorgeuntersuchungen abgesagt – teils aufgrund der allgemeinen Verschiebung elektiver Eingriffe und teils aus Angst vor einer Infektion mit SARS-CoV-2. Dies bedeutet wiederum, dass in den kommenden Monaten vermehrt Patienten im fortgeschrittenem Krebsstadium vorstellig werden – dies müsse auf jeden Fall vermieden werden. Daher der dringende Appell von Prof. Sarrazin: „Wir müssen die Vorsorgeuntersuchungen schnellstmöglich wiederaufnehmen. Sonst könnten wir bald mit einer Akkumulation fortgeschrittener Fälle konfrontiert werden.“

Mindestmengen-Regelung für Nierentransplantationen aussetzen

Als Nephrologe betont Prof. Floege, dass die derzeit noch gültige Regelung, planbare Eingriffe bis auf Weiteres zu verschieben, Nierenpatienten besonders trifft. Organtransplantationen würden zwar regulär stattfinden, es gebe jedoch einen breiten Konsens, dass alle Lebend-Transplantationen vorerst abgesagt werden sollten. Dabei hat der Experte Bedenken auch mit Blick auf die derzeit noch gültige Mindestmengen-Regelung. Nur wenn 25 Nierentransplantationen pro Jahr an den jeweiligen Kliniken durchgeführt werden, ist die Finanzierung der Nierentransplantations-Zentren auch im kommenden Jahr gesichert. Was eigentlich die Qualität der Klinik belegen soll, könnte nun zum Risiko werden.

„Die meisten Transplantationszentren laufen derzeit auf Sparflamme. Sollte die Mindestmengen-Regelung konsequent durchgesetzt werden, befürchte ich, dass etwa ein Drittel der deutschen Nierentransplantations-Zentren von einer dauerhaften Schließung bedroht ist“, so Floege. Der GB-A hat am 27. März 2020 unscharf formuliert „…der Krankenhausträger kann weitere Umstände zur Begründung der berechtigten mengenmäßigen Erwartung heranziehen“. Prof. Floege fordert daher, die Mindestmengen-Regelung bis mindestens Ende dieses Jahres auszusetzen, um Kapazitäten zu erhalten, die die Behandlung nephrologischer Patienten sicherstellen.

Mediziner und Krankenhäuser beobachten in der Corona-Krise einen beunruhigenden Trend. Aus Angst vor einer Infektion kommen sehr viel weniger Patienten mit akutem Behandlungsbedarf in die Kliniken.
Mehr zum Thema finden Sie im Beitrag:
„Leere Kliniken, fehlende Patienten – Ärzte sind besorgt“

Was ist für die Rückkehr zur Normalität in Kliniken nötig?

Individuelle Lösungen: Prof. Schellong sieht im ersten Schritt keine einheitliche Lösung, die für alle Kliniken gelten würde. „Jedes Krankenhaus soll aufgrund seiner aktuellen Situation entscheiden, welche Schritte nötig sind. Die Situation bei uns in Dresden mit nur wenigen Covid-19-Fällen in stationärer Behandlung ist ja z.B. völlig konträr zu der in Aachen“. Dort werden laut Prof. Floege aktuell über 70 Covid-19-Patienten stationär behandelt.

Gut aufgestelltes Testsystem: Prof. Floege nennt zudem die Verfügbarkeit von Antikörpertests auf SARS-CoV-2 mit hoher Spezifität und Sensitivität als eine wichtige Voraussetzung für die volle Wiederaufnahme des Normalbetriebs. „Wie brauchen diese Tests ganz dringend, u.a. auch, um eine rasche und verlässliche Aussage über den Immunstatus von neueingetroffenen Patienten treffen zu können“.

Finanzierung: Als Appel an die Politik wird die Finanzierung des doppelten Aufwands genannt. Der Wiederaufbau des normalen Betriebs kann aktuell nur parallel zu den bereits getroffenen Anti-Corona-Maßnahmen stattfinden. So führt auch die Vorhaltung von Intensivbetten zu Leerlauf in anderen Bereichen. Dieser doppelte Aufwand sollte seitens der Politik entsprechend finanziert werden.

Bildquellen:
Teaserbild © GettyImages/upixa
Porträt-Fotos: © DGIM

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