25. Februar 2020

Postoperative Wundheilung

Mehr Infektionen bei höheren Temperaturen

Berliner Hygieniker machen auf einen besorgniserregenden Befund aufmerksam: An heißen Sommertagen steigt die Rate der postoperativen Wundinfekte deutlich an. Noch ist offen, welcher Mechanismus genau dieses Problem auslöst.

Lesedauer: 2 Minuten

Der folgende Beitrag basiert auf einem Vortrag von Dr. med. Seven Johannes Sam Aghdassi, der im Rahmen der Jahrespressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Berlin am 13. Februar 2020 stattgefunden hat.

Datengrundlage aus dem KISS-Register

„Die Idee zu dieser Studie stammt aus der Zusammenarbeit unseres Instituts mit dem Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung“, berichtet Dr. med. Seven Johannes Sam Aghdassi (Charité Berlin). Die Datengrundlage für die Untersuchung lieferte das gesetzlich obligate KISS-Register (Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System). In dieses Überwachungssystem müssen alle deutschen Kliniken ihre nosokomialen Infektionen differenziert melden. Seit seiner Einführung im Jahr 2000 erfasst KISS somit die Daten von 1400 operativen Abteilungen in Deutschland. Die Studienergebnisse wurden im Deutschen Ärzteblatt publiziert (Aghdassi SJS et al. Dtsch Arztebl, 2019). 1

Über 27.000 postoperative Wundinfektionen analysiert

Im Rahmen der Studie korrelierten die Autoren dann alle im KISS-System gemeldeten postoperativen Wundinfektionen mit den lokalen Außentemperaturen. „Diese wurden uns vom Deutschen Wetterdienst aufgeschlüsselt nach Postleitzahlen zur Verfügung gestellt“, berichtet Aghdassi. Aus dem KISS-Register standen die Daten von über 27.000 postoperativen Wundinfektionen über einen Zeitraum von 17 Jahren zur Verfügung. Dieser riesige Datenpool erlaubte es den Forschern, auch geringgradig ausgeprägte Effekte statistisch signifikant zu erfassen. Bei der Auswertung unterschieden sie nach Schweregrad, Infektionstiefe und Art des Erregers.

Im Sommer um 20% erhöhte Infektionsrate

Verglichen mit winterlichen Temperaturen stieg die Infektionsrate im Sommer (> 20 C°) von 1,5 auf 1,8 Infektionen pro 1000 Eingriffe. Das entspricht rechnerisch einer Zunahme um 20%. Auch nach statistischer Adjustierung ergab sich ein weiterhin signifikanter Anstieg von 13%. Vornehmlich handelte es sich um oberflächliche Infekte mit gramnegativen Bakterien. Methodisch bedingt macht die Studie keine Aussagen zur direkten Genese der Infektionen.

Bei der Interpretation der Daten rät Aghdassi deshalb zur Vorsicht: „Über den Mechanismus, der unmittelbar zur Steigerung der Infektrate führt, gibt die Studie keine Auskunft. Hier sind wir auf Hypothesen und Spekulationen angewiesen”, gibt der Berliner Hygieniker zu bedenken. Naheliegend wäre etwa, dass es durch die vermehrte Transpiration zur Insuffizienz der Wundabdeckung kommt.

Weitergehende Untersuchungen nötig

Er verweist außerdem darauf, dass die Studie noch keinen direkt kausalen Zusammenhang zwischen Hitze und Infektion belegt. „Wir haben hier keine unmittelbare Dosis-Wirkungs-Relation ermittelt, sondern nur eine grob-quantitative Beziehung erfasst. Um die direkte Kausalität zwischen Umgebungstemperatur und Infektrate zu belegen, sind weitergehende Untersuchungen notwendig“, so Aghdassi.

Dr. med. Seven Johannes Sam Aghdassi ist seit 2016 Assistenzarzt im Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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1. Aghdassi SJS, Schwab F, Hoffmann P, Gastmeier P: The association of climatic factors with rates of surgical site infections – 17 years‘ data from hospital infection surveillance. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 529–36. DOI: 10.3238/arztebl.2019.0529

Bildquelle: © GettyImages/Jodi Jacobson

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