28. April 2021

MCI: Der Graubereich vor einer manifesten Demenz

Eine leichte kognitive Beeinträchtigung kommt häufig erst als Nebendiagnose im Krankenhaus ans Licht. Trotz bis heute fehlender spezifischer Pharmakotherapie kann diese neurokognitive Störung zum Teil behandelt werden – wenn sie denn als beginnende Demenz-Erkrankung erkannt wird.

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag der Neurologin und Geriaterin Dr. med. Christine von Arnim, auf dem 127. Kongress der DGIM: „Mild Cognitive Impairment“. Redaktion: Dr. Linda Fischer.

MCI meist als Komorbidität im Krankenhaus

Dass eine leichte kognitive Beeinträchtigung (mild cognitive impairment, MCI) oder eine Demenz-Erkrankung in einem frühen Stadium von den Betroffenen selbst häufig nicht erkannt wird, zeigen Daten der GHoSt-Studie, in der insgesamt 1468 Allgemeinkrankenhauspatienten (über 65 Jahre) allgemeinchirurgisch, internistisch und kognitiv charakterisiert wurden.1

Das Ergebnis: Bei 40 % der Untersuchten lag eine kognitive Beeinträchtigung vor, bei der Hälfte ein MCI und bei der anderen Hälfte eine manifeste Demenz unterschiedlicher Schweregrade. Die Diagnose war bei knapp 60 % der Personen mit Demenz zu dem Zeitpunkt der stationären Aufnahme nicht bekannt gewesen. Bei Personen mit MCI war diese Zahl noch höher.

Studien zur Behandlung einer frühen Alzheimer-Demenz laufen

Derzeit laufen vielversprechende klinische Studien zur Behandlung der frühen Alzheimer-Demenz. Erprobt werden beispielsweise die Wirkstoffe Aducanumab (NCT02484547), Gantenerumab (NCT01224106) und Lecanemab (NCT03887455, jeweils Phase III) und Donanemab (NCT03367403, Phase II).2-6 

Klagen über Gedächtnisstörungen ernst nehmen

Um ein MCI im klinischen Alltag aber erst einmal zu erkennen, empfielt Dr. von Arnim insbesondere, Klagen über Gedächtnis-, Konzentrations- oder Aufmerksamkeitsstörungen ernst zu nehmen. Über hilfreiche Einstiegsfragen kann auf das subjektive Kriterium einer MCI getestet werden, wie etwa

  • „Sind Sie vergesslicher geworden?“,
  • „Machen Sie sich deswegen Sorgen?“,
  • „Hat Sie jemand deswegen schon einmal angesprochen?“

Erfüllt sich das subjektive Kriterium, empfiehlt es sich, psychometrische Kurztests vorzunehmen, beispielsweise den Montreal Cognitive Assessment (MoCA-Test), DemTect oder Self-Administered Gerocognitive Exam (SAGE).
Bestätigt sich der Verdacht eines MCI als Ausdruck einer beginnenden neurodegenerativen Erkrankung, macht zudem eine spezifische Abklärung, etwa in der Gedächtnisambulanz, Sinn.

Behandelbare Ursachen: Grunderkrankungen & Vitaminmangel

Ein MCI kann häufig durch die Behandlung der Ursachen gelindert werden. Zu diesen behandelbaren Ursachen gehören:

  • Internistische Grunderkrankungen, wie Urämie und Hepatopathie, Anämie, endokrinologische Dysfunktionen oder kardio-pulmonale Erkrankungen,
  • Vitaminmangel, etwa von B12, B6 oder Folsäure. Insbesondere bei einem Vitamin-B12-Mangel kann sich rasch eine monosymptomatische Wernicke-Enzephalopathie entwickeln.
  • Psychiatrische Erkrankungen, wie depressive Störungen, oder auch
  • Veränderungen von Schlafstruktur und -menge.

Medikamenten-Check sinnvoll

Um iatrogene Ursachen für ein MCI auszuschließen, lohnt ein Blick auf Medikamente mit delirogenem oder dementivem Nebenwirkungspotenzial. So rufen etwa die häufig im Krankenhaus verwendeten Benzodiazepine, insbesondere Z-Substanzen, gerade bei Älteren häufig paradoxe Reaktionen, wie Agitiertheit, Unruhe oder MCI, hervor.

Aber auch nicht primär zentral wirksame Medikamente können meist durch ihr anticholinerges Potenzial zu kognitiven Einbußen führen. Beispielsweise können folgende Medikamente, die häufig im Alter verschrieben werden, das episodische Gedächtnis beeinträchtigen:  

  • Psychopharmaka, wie Antidepressiva,
  • Anticholinergika/Antihistaminika, wie Urologika (u.a. Oxybutynin), und vor allem
  • Herz-Kreislauf Medikamente, wie Digitalis (Betablocker) und Diuretika (u.a. Furosemid, Hydrochlorothiazid).

  1. Bickel et al.: „Demenz im Allgemeinkrankenhaus – Ergebnisse einer epidemiologischen Feldstudie“, General Hospital Study (GHoSt), 2019
  2. U.S. National Library of Medicine: „221AD302 Phase 3 Study of Aducanumab (BIIB037) in Early Alzheimer’s Disease (EMERGE)” aufgerufen am 27.04.2021
  3. U.S. National Library of Medicine: „A Study of Gantenerumab in Participants With Prodromal Alzheimer’s Disease” aufgerufen am 27.04.2021
  4. U.S. National Library of Medicine: „A Study to Confirm Safety and Efficacy of Lecanemab in Participants With Early Alzheimer’s Disease (Clarity AD)” aufgerufen am 27.04.2021
  5. Mintun er al.: „Donanemab in Early Alzheimer’s Diseasein The New England Journal of Medicine (2021)
  6. U.S. National Library of Medicine: „ A Study of LY3002813 in Participants With Early Symptomatic Alzheimer’s Disease (TRAILBLAZER-ALZ)” aufgerufen am 27.04.2021

Bildquelle: © Getty Images/coffeekai

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