08. Mai 2019

Medikamente in der Schwangerschaft: Risiken richtig kommunizieren

Lesedauer: 2 Minuten

Die Einschätzung des Risikos, besonders wenn sie gegenüber der (werdenden) Mutter erfolgt, hängt davon ab, in welcher Situation man sich befindet. So kommt man als Behandler in der Regel mit dem Thema in Berührung, wenn:

  1. Eine Schwangerschaft geplant wird
  2. Eine Exposition bereits stattgefunden hat
  3. Eine Fehlbildung bereits vorliegt

Alle drei Situationen erfordern eine unterschiedliche Herangehensweise und Formulierung der bekannten Statistiken. Neben dem Basis-Risiko, also der allgemeinen Gefahr für eine Fehlbildung, ist das relative Risiko bei Exposition richtig zu interpretieren.

Am Beispiel von Paroxetin

Paroxetin birgt ein relatives Risiko von 1.5 für eine kardiale Fehlbildung. Die allgemeine Prävalenz einer angeborenen Herzanomalie ist 100/10.000, also ein Risiko von 1%. Das kann man wie folgt formulieren:

  1. Wenn 10.000 Schwangere Paroxetin nehmen, würden dadurch 50 Kinder zusätzlich mit einer Herzanomalie geboren.
  2. Eine Schwangere (ohne weitere Risikofaktoren), die im ersten Trimenon Paroxetin zu sich nahm, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 1,5% ein Kind mit einer Herzfehlbildung zur Welt bringen, was sich praktisch nicht von der normalen Prävalenz unterscheidet.
  3. Eine Mutter, die in der Schwangerschaft Paroxetin zu sich nahm, hat ein Kind mit einem Herzfehler geboren. Sie fragt, ob das Paroxetin daran schuld war. Da Paroxetin ein attributives Risiko von 33% hat, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Ursache woanders zu suchen ist, bei 67%.

Kein Schwarz-Weiß-Denken

Ziel sollte vor allem sein, dass keine falsche Panik geschürt wird und die Patientin eine realistische Sichtweise aufbauen kann. Schwarz-Weiß-Denken ist dabei nicht nur bei der Patientin, sondern auch beim Behandler zu vermeiden. Deshalb ist es genauso wichtig, Medikamente mit fruchtschädigendem Potential nicht unhinterfragt abrupt abzusetzen und so ein Erkrankungsrezidiv zu provozieren. Es gilt stets, das individuelle Risiko sorgfältig abzuwägen.

Es bleibt zu beachten, dass die Fachinformationen eines Medikaments zu diesem Zweck nicht geeignet sind, da anhand dieser keine vergleichenden Überlegungen getätigt werden können. Lehrbücher sind in der Regel nicht auf dem neuesten Stand der Forschung.

  • In seinem Vortrag 1 ging Prof. Schaefer auch auf die großen Studien ein, die die Kontroverse um Paracetamol in der Schwangerschaft auslösten, aus der Sicht der Entwicklungspsychologie.

    Als erste Studie, die Zweifel am Schmerzmittel der Wahl in der Schwangerschaft hervorbrachte, ist die Untersuchung von Brandlistuen et al. (2013)2 zu nennen. Die Forscher verglichen Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol nahmen, mit ihren gleichgeschlechtlichen Geschwistern. Wenn die Exposition mindestens 28 Tage dauerte, wiesen die Kinder schlechtere Grobmotorik, Kommunikationsprobleme und verstärktes externalisierendes als auch internalisierendes Verhalten auf. Insgesamt wurde dies also als psychisch unvorteilhafte Auswirkung der Medikation beschrieben.

    Die englische ALSPAC-Studie (Stergiakouli et al. 2015)3 betrachtete eine Mutter-Kind-Kohorte von knapp 8000 Müttern. Die Forscher stellten fest, dass Kinder mit Paracetamol-Exposition in utero bei Verhalten und Aufmerksamkeit im Alter von 7 Jahren auffällig waren. In den Supplements des Artikels zeigte sich, dass auch der Vater einen Einfluss hatte: Wenn der nämlich auch Paracetamol nahm, und zwar in den fünf Jahren postpartal, waren die Kinder dann auch in Verhalten und Aufmerksamkeit auffällig (und zwar signifikant).

    Eine schwedische Studie (Bornehag et al. 2018)4 brachte neue Indizien hervor. Ab der sechsten Paracetamol-Tablette in der Schwangerschaft kam es mit statistischer Signifikanz zu einem 6-fachen Risiko für Entwicklungsstörungen bei Mädchen im Alter von 30 Monaten. Bei Jungen schien es eher förderlich zu sein, allerdings ohne die 0.05-Marke zu erreichen. Die Erklärung der Autoren: das männliche Gehirn profitiert vom Prostaglandin-Antagonismus, das weibliche erleidet Schäden.

    Ob in der Debatte über Paracetamol in der Schwangerschaft Korrelationen mit Kausalität verwechselt wird, müssen weiterführende Studien zeigen. Für die Kliniker gilt: Paracetamol ist weiterhin das Schmerzmittel der ersten Wahl in der Schwangerschaft.

Pharmakologische Beratung

Bei Bedarf nach einer pharmakologischen Beratung für Ihre Patienten können Sie sich an das Pharmakovigilanzzentrum Embryonaltoxikologie der Charité wenden. Per Online-Formular können Sie eine Anfrage stellen. Damit tragen Sie auch zum klinischen Erfahrungsschatz bei Medikamenten in der Schwangerschaft bei.

  1. Risiken kennen und sicher behandeln – Aktuelles zu Arzneimitteln in der Schwangerschaft“, Vortrag von Prof. Dr. med. Christof Schaefer, Charité Universitätsmedizin, auf dem DGIM 2019-Kongress (06.05.2019)
  2. Brandlistuen et al.: “Prenatal paracetamol exposure and child neurodevelopment: a sibling-controlled cohort study”, International Journal of Epidemiology, 2013 Dec; 42(6): 1702–1713.
  3. Stergiakouli et al.: “Association of Acetaminophen Use During Pregnancy With Behavioral Problems in Childhood: Evidence Against Confounding” JAMA Pediatr. 2016 Oct 1; 170(10): 964–970.
  4. Bornehag et al.: “Prenatal exposure to acetaminophen and children’s language development at 30 months.“ European Psychiatry. 2018 Jun; 51: 98-103.

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