08. Mai 2019

DGIM 2019

Medikamente in der Schwangerschaft: Was geht und was nicht?

Die Forschung zur teratogenen Wirkung gängiger Medikamente liefert ständig neue Erkenntnisse, darunter auch solche, die kritisch betrachtet werden müssen, wie zuletzt bei Paracetamol. Auch die richtige Kommunikation mit der Patientin ist entscheidend, um Ängste oder Schuldgefühle zu relativieren.

Lesedauer:  3 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag „Risiken erkennen und sicher behandeln- Aktuelles zu Arzneimitteln in der Schwangerschaft“ von Prof. Dr. med. Christof Schaefer 1 auf dem DGIM-Kongress 2019. Redaktion: Laura Cabrera

Eine Auswahl kritischer Medikamente

1. Isotretinoin

Fehlbildung der Ohren, ZNS (incl. Optikushypoplasie), kardiale Fehlbildungen, Gaumenspalte.

Bei der systemischen Aknebehandlung mit Isotretinoin ist eine sichere, am besten doppelte, Kontrazeption und ein monatlicher Schwangerschaftstest indiziert. Eine geplante Empfängnis sollte erst vier Wochen nach Beendigung der Therapie erfolgen. Dieses Wissen ist allgemein gut verbreitet unter Ärzten. Dennoch ersuchen regelmäßig Frauen um eine Beratung, die unter Isotretinoin schwanger wurden. Diese Frauen waren jedoch der Auffassung, dass sie wegen gynäkologischer und hormoneller Erkrankungen gar nicht schwanger werden könnten. Aus diesem Grund empfanden sie eine Kontrazeption als unnötig.

Fazit für die Praxis: In der Medizin gibt es nur wenige hundertprozentige Sicherheiten. Dies sollte Patienten auch so kommuniziert werden. Auch bei niedriger Wahrscheinlichkeit einer natürlichen Empfängnis muss der Frau vermittelt werden, dass eine Kontrazeption unter teratogener Medikation sinnvoll ist, um psychisch belastende Erfahrungen zu vermeiden.

2. Valproat

Neuralrohrdefekte (besonders Spina bifida), kardiale Fehlbildungen, Extremitäten u.a. 

Valproinsäure ist der einzige Wirkstoff, der beim Menschen das Risiko eines Neuralrohrdefektes um das Zwölffache steigert. Da er insgesamt für diverse schwere Fehlbildungen verantwortlich ist, ist Valproat seit 2014 keine Erstlinientherapie mehr für Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter und sollte bei dieser Gruppe nur im Falle einer therapierefraktären Epilepsie verwendet werden.

Jedoch zeigen Abrechnungsdaten, dass auch nach der europaweiten Empfehlung weiterhin häufig Valproat bei jungen Frauen verordnet wird, auch bei Migräne und psychischen Störungen. Lediglich in der akuten Manie kann Valproat für wenige Tage unter stationären Bedingungen vorteilhaft sein, allerdings nicht zur Phasenprophylaxe. Grund dafür ist oft, dass Hausärzte und Internisten Folgerezepte ausstellen, ohne die Indikation zu hinterfragen.

Fazit für die Praxis: Valproat bei Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter ist nur bei der therapierefraktären Epilepsie einzusetzen. In allen anderen Fällen ist die Medikation kritisch zu hinterfragen.

3. ACE-Hemmer und Sartane

Schädigung der fetalen Niere ab der 20. SSW, dadurch Oligohydramnion mit Gelenkschäden, Hypoplasie des knöchernen Schädels bis hin zur Lungenhypoplasie.

Die Fortführung einer antihypertensiven Medikation während der Schwangerschaft ist ab der zweiten Schwangerschaftshälfte risikobehaftet, da sowohl ACE-Hemmer als auch Sartane (ATII-Rezeptor-Antagonisten) dafür sorgen, dass die fetalen Nieren vermindert perfundiert werden. Dadurch kommt es als Leitsymptom zu einem Oligo- oder sogar Anhydramnion, in dessen Folge es zu weiteren, z.T. nicht mit dem Leben vereinbaren Fehlbildungen kommt.

Wenn nach Feststellung eines Oligohydramnions die Medikamente entsprechend umgestellt werden, normalisiert sich die Fruchtwassermenge oft innerhalb von zwei Wochen. Eine dauerhafte, feingewebliche Schädigung der kindlichen Niere kann jedoch auch dann nicht ausgeschlossen werden. Beim Kind kann es dann aufgrund dessen zu einem Bluthochdruck kommen.

Fazit für die Praxis: Bei der Planung einer Schwangerschaft können, unter sorgfältiger Beobachtung des Zyklus, beide Medikamente bis zur (frühestmöglichen) Feststellung der Schwangerschaft weiter gegeben werden. Es gibt nämlich keine Evidenz dafür, dass ACE-Hemmer oder Sartane im ersten Trimenon fruchtschädigend wirken. Die langfristige Therapie des Hypertonus in der Schwangerschaft sollte spätestens ab Ende des erstens Trimenons umgestellt werden. Wenn Alternativen fehlschlagen, sind ACE-Hemmern den Sartanen vorzuziehen.

Alternativen in der Schwangerschaft

Paracetamol-Debatte und Risiken kommunizieren

Wie Sie der Patientin das relative Risiko einer Fehlbildung erklären können und welche Empfehlung nun für Paracetamol gilt, erfahren Sie im zweiten Teil des Beitrags.

  1. Risiken kennen und sicher behandeln – Aktuelles zu Arzneimitteln in der Schwangerschaft“, Vortrag von Prof. Dr. med. Christof Schaefer, Charité Universitätsmedizin, auf dem DGIM 2019-Kongress (06.05.2019)

Titelbild: © iStock.com/PeopleImages

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