08. Juli 2020

Jahrespressekonferenz der DGIM

Bei Hitze besonders auf pulmonale Patienten achten

Warum sind pulmonale Patienten von den Folgen einer Klimaveränderung besonders betroffen? Und wie sollte man mit solchen Patienten im Krankenhaus umgehen? Professor Dr. med. Christian Witt, Leiter des Arbeitsbereiches Ambulante Pneumologie (Charité Berlin), macht deutlich, welche Relevanz das Thema Klima gerade für Lungenfachärzte besitzt.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Interview: Dr. med. Horst Gross

Warum sind pulmonale Patienten von den Folgen einer Klimaveränderung besonders betroffen?

Prof. Witt: Die Lunge ist quasi das Portalorgan für den Klimawandel. Jede Veränderung trifft zuerst auf die Lunge und belastet deshalb Lungenerkrankte. Das trifft zu für die Hitzebelastung, die Zunahme von Schadstoffen in der Atemluft und auch die erhöhte Pollenlast.

Gibt es bereits Hinweise auf eine klimabedingte Mehrbelastung?

Prof. Witt: Ja, das sehen wir etwa bei den Pollen. Klimatisch bedingt haben wir heute bereits kürzere Winterphasen mit weniger Frosttagen. Deshalb verlängert sich der Pollenflug und die Pollenexposition für Allergiker nimmt zu. Kürzere Winter und längere Sommer könnten also zu unmittelbaren Belastungen für Allergiker führen.

Welche pulmonalen Patienten sind besonders hitzegefährdet?

Prof. Witt: Es trifft vor allem die Patienten mit Asthma und COPD. Das konnten wir in einer retrospektiven Studie Berlin klar zeigen (Hoffmann C. et al. Int J Chron Obstruct Pulmon Dis. 2018 Oct 23;13:3493-3501). 1 Dazu haben wir den relativ kalten Sommer 2011 mit den heißen Sommern 2016 und 2018 verglichen. Für den Berliner Innenstadtbereich sehen wir eine hitzeassoziierte Zunahme der Krankenhausaufnahmen von COPD-Patienten bereits ab einer Tages-Durchschnittstemperatur von 17,4 °C in kalten Sommern und ab 18,3°C in warmen Sommern.

Wie ist ihre Forschungsgruppe auf den Zusammenhang zwischen Temperaturbelastung und Gefährdung aufmerksam geworden?

Prof. Witt: Im Sommer 2006 (Fußball-Weltmeisterschaft) fiel uns auf, dass relativ viele Patienten, auch welche, die auf der Transplantationsliste standen, noch während der stationären Wartezeit verstarben. Mitursache war, wie uns langsam klar wurde, der extrem heiße Sommer mit langen Hitzewellen und folglich Hitzebelastung, auch im Krankenhaus. Das war die Initialzündung für weitere Forschung.

Heute sehen wir das so, dass es eine Patientengruppe gibt, die wir als “hoch-vulnerabel” einschätzen. Es sind alle diejenigen, die aufgrund einer z.T. multimorbiden Vorerkrankung extrem sensibel auf ungünstige Umweltveränderungen, wie etwa Hitze und Schadstoffbelastung in der Luft, reagieren. Diese Patienten gilt es intensiver zu schützen.

Wie sollte man im Krankenhaus mit pulmonalen Patienten umgehen, die in einer Hitzephase dekompensieren?

Prof. Witt: Wir haben diese Frage in einer prospektiven Studie untersucht. Da haben wir uns Fälle von hitzeassoziierten Krankenhausaufenthalten bei Lungenpatienten angesehen. Für einige stand ein klimatisiertes Zimmer bereit. Da wurde die Temperatur auf höchstens 23°C konstant gehalten. Und tatsächlich: Patienten, die in diesen Klimazimmern die gleiche Standardtherapie erhielten, rekompensierten schneller.

Welche Forderungen leiten Sie daraus ab?

Prof. Witt: Im Klinikbereich muss ein Umdenken einsetzen. Pneumologische Abteilungen sollten 2–3 klimatisierte Patientenzimmer vorhalten. Es ist doch absurd, Patienten, die wegen der Hitze kränker wurden, im Krankenhaus in einem vielleicht noch überhitzten Zimmer unterzubringen. Wenn wir in Zukunft mit mehr Hitzeperioden im Sommer rechnen, dann ist es nur konsequent, dass kühlbare Patientenräume zur Verfügung stehen.

Wie könnte man sonst noch Risikofaktoren minimieren?

Prof. Witt: Bei der Anamneseerhebung lohnt es sich nachzufragen, wo der Patient genau wohnt. Immerhin leben in Deutschland etwa 350.000 Menschen direkt an einer schadstoffbelasteten Hauptstraße. Vielen Lungenpatienten ist nicht klar, dass sie mit einem Wohnungswechsel in eine weniger belastete Nebenstraße ihrer Gesundheit etwas Gutes tun würden.

Professor Dr. med. Christian Witt ist Leiter des Arbeitsbereiches Ambulante Pneumologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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  1. Hoffmann C. et al. „Increased vulnerability of COPD patient groups to urban climate in view of global warming.“ International journal of chronic obstructive pulmonary disease 13 (2018): 3493.

Bildquelle: © GettyImages/KLH49

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