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Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin

15. Apr. 2024

Lampenfieber in der Medizin

Darüber gesprochen wird selten – doch Lampenfieber gibt es auch im medizinischen Alltag. Dr. med. Stefan Bushuven hat dieses Phänomen analysiert und ist überzeugt: Mit den richtigen Strategien können wir Lampenfieber, Unsicherheiten und Emotionalität im medizinischen Kontext in etwas Positives ummünzen.

Lesedauer: ca. 5 Minuten

Angst und Lampenfieber in der Medizin
Habe ich alles richtig gemacht? Zweifel, Unsicherheit, Angst und Wut können auf Dauer negative Folgen haben. (Foto: Getty Images | George Doyle)

Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag von Stefan Bushuven (Singen) „Zu ängstlich für die Akutmedizin: warum eigentlich?“ auf dem 130. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (13.04.2024). Autorin: Nathalie Haidlauf

Das klassische Lampenfieber – die Nervosität vor dem großen Auftritt – gibt es nicht nur bei Musikerinnen oder Schauspielern. Überträgt man den Begriff in den medizinischen Kontext, lautet der terminus technicus „Performance Anxiety“, auch bekannt als Prüfungsangst. In einer solchen Situation geraten wir unter Beobachtung und wissen noch nicht genau, ob wir die erwartete Leistung erbringen. Eine Situation, die in Praxen und Kliniken auf der Tagesordnung steht, denn die Akutmedizin erfordert schnelle Entscheidungen und präzises Handeln – und kann uns entsprechend unter Druck setzen.

Was hinlänglich bekannt ist: Die physiologischen Prozesse, die bei Lampenfieber im Körper in Gang gesetzt werden, sind nicht per se negativ. Die Ausschüttung von Adrenalin sowie die erhöhte Herzfrequenz und Blutdruck verbessern die Aufmerksamkeit und das Lernvermögen. Lampenfieber und die damit verbundene Angst erfüllen also eine Funktion. Dr. Stefan Bushuven hat untersucht, inwieweit Angst und Lampenfieber den medizinischen Alltag prägen.

Wut und Angst zählen zu den häufigsten Emotionen im Klinikalltag

Bei Lampenfieber geht es Bushuven zufolge letztlich um Angst, und damit um eine der 5 Basisemotionen, die der renommierte Emotionsforscher Paul Ekman definiert hat und die unser gesamtes Leben bestimmen: Traurigkeit, Wut, Angst, Ekel und Freude.2

Im Klinikalltag findet sich Angst selbstverständlich häufig auf Patientenseite, aber durchaus auch auf Seiten des Gesundheitspersonals. Bushuven verweist auf eine qualitative Studie zum Thema Multiresistente Erreger und Infektionskrankheiten, die er als Co-Autor 2019 publiziert hat.3 Darin wurden die Teilnehmenden – 51  Beschäftigte des Gesundheitswesens aus 13 Berufen und 5 Krankenhäusern – gefragt, welche emotionalen Reaktionen im Alltag bei ihnen am häufigsten auftreten, wenn es um Multiresistenzen geht. Hier zeigte sich, dass Wut und Angst eine erhebliche Rolle spielen – beispielsweise, wenn im klinischen Alltag schwierige Kommunikationssituationen mit Angehörigen oder Patientinnen und Patienten auftreten.

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Es gibt Dinge, die müssen wir Menschen beibringen – aber hat uns das eigentlich jemand beigebracht?

Dr. med. Stefan Bushuven, Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz

Bushuven nimmt zwar wahr, dass die Herausforderungen, denen sich Ärztinnen und Ärzte z. B. in Fragen der Kommunikation oder auch Deeskalation gegenübersehen, zunehmend Eingang in die medizinische Ausbildung finden. Doch in der Umsetzung und in der Weiterbildung werde nach wie vor häufig erwartet, dass Ärztinnen und Ärzte den Umgang mit den eigenen Emotionen im Laufe der Zeit selbst in den Griff bekommen – ein Fehlschluss.

Wenn Emotionen zu Fehlern führen

Eine gewisse Dosis an Anspannung und Angst sind also förderlich – sie führt dazu, dass wir unsere Aufmerksamkeit voll und ganz auf die zu lösende Aufgabe lenken und die gewünschte Leistung erbringen. Doch wann ist die Belastung zu hoch – und wer zahlt den Preis dafür?

Nehmen Angst und Unsicherheit überhand, kann es passieren, dass Betroffene in eine Dysfunktionalität rutschen. Das kann sich z. B. darin äußern, dass ein Kollege nach einem Behandlungsfehler sehr unsicher wird, sich vor jeder Entscheidung rückversichert, bis ins kleinste Detail dokumentiert und durch diese Art der Defensivmedizin nicht mehr handlungsfähig ist oder sogar aus der Unsicherheit heraus weitere Fehler macht.

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Wir brauchen eine gute Aktivierung, aber nicht zu viel – sonst liegen wir zitternd am Boden“.

Dr. med. Stefan Bushuven, Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz

Entscheidend sei, dass Kolleginnen und Kollegen bei Unsicherheit, Angst oder Schuldgefühlen vom Team aufgefangen werden. Beim sogenannten Second Victim Phänomen, zu dem Bushuven ebenfalls geforscht hat, wird davon ausgegangen, dass bei Behandlungsfehlern der Patient bzw. die Patientin das erste Opfer ist – der oder die Behandelnde kann aber zum zweiten Opfer werden, wenn der Vorfall nicht aufgearbeitet wird. Gefühle wie Schuld, Wut, Scham, Angst und Frustration können sogar bei Beinahe-Fehlern auftreten und dazu führen, dass der oder die Betroffene sich bei medizinischen Entscheidungen zunehmend gehemmt fühlt – was letztlich auf Kosten der Qualität geht und Ressourcen bindet.

Lampenfieber und Emotionalität in etwas Positives ummünzen

Bushuven ist überzeugt: Nicht nur Medizinstudierende oder Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung brauchen regelmäßiges situationsbezogenes Feedback und müssen Fragen stellen dürfen. Alle im Gesundheitswesen Tätigen brauchen die Möglichkeit, die eigenen Fertigkeiten kontinuierlich zu kalibrieren und weiterzuentwickeln.

Ein nützliches Instrument, um Rückfragen, Unsicherheiten oder auch belastende Emotionen direkt am Ort des Geschehens zu bewältigen ist das sogenannte „Hot Debriefing“, die direkte Nachbesprechung.

Zentrale Fragen des Hot Debriefings:

  • Sind alle OK?
  • Braucht jemand eine Pause?
  • Was lief gut?
  • Wo können wir uns verbessern?
  • Brauchen wir noch eine strukturierte Nachbesprechung?

Bushuven hat mit dem Hot Debriefing nach der Take-Stock-Methode gute Erfahrungen gemacht und schätzt es als effizientes Tool, um Emotionen aufzufangen. Denn selbst bei Maßnahmen, die für vier von fünf der Beteiligten reine Routine sind, kann es vorkommen, dass die fünfte Person die Situation als belastend wahrnimmt. Ein Praktikant, der zum ersten Mal einen sterbenden Menschen sieht – oder auch die erfahrene Pflegekraft, die sich durch eine Medikamentengabe für den Tod des Patienten verantwortlich fühlt und durch ein kurzes Debriefing entlastet werden könnte. Sein klarer Rat an Führungskräfte:

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Was ich häufig höre, ist: Wir haben keine Zeit für das Briefing. Mittlerweile brauche ich für das Hot Debriefing im Notarztdienst gerade einmal drei Minuten. Nehmen Sie sich diese Zeit. Diese drei Minuten sind unglaublich wichtig für Ihre Teams. Wenn sie das nicht machen, wenn Sie Second Victim Effekte zulassen, dann werden diese Teams kleiner.

Dr. med. Stefan Bushuven, Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz

Umgekehrt ermuntert Bushuven auch junge Ärztinnen und Ärzte, proaktiv auf ihre Vorgesetzten zuzugehen und zu fragen, wie Reflexion und Feedback im Team gehandhabt werden und dadurch zu einer offenen Kommunikationskultur beizutragen. Als mögliche unabhängige Anlaufstelle bei belastenden Situationen empfiehlt er PSU-Akut e. V.

Weitere Berichte vom 130. Internistenkongress in der Übersicht.

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