21. Oktober 2021

Ärzte sehen bereits gesundheitliche Klimafolgen bei vielen Patienten

In einer bundesweiten Umfrage wurden niedergelassene und ambulant angestellte Ärztinnen und Ärzten zu „Klimaschutz in Praxen“ befragt. Etwa 70% hatten gesundheitliche Folgen des Klimawandels bei ihren Patienten beobachtet. 1

Lesedauer: 3,5 Minuten

Deutschland zählt laut Klima-Risiko-Index der Organisation Germanwatch zu den 20 von Extremwetter am meisten betroffenen Ländern weltweit 2. Zuletzt forderte das Starkregenereignis in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fast 200 Tote und die Traumatisierung vieler weiterer Menschen, die ihre Lebensgrundlage verloren haben. Bei über 75-jährigen Patient*innen wurde während der Hitzewellen der vergangenen Jahre eine mehr als 20 % höhere Sterblichkeit registriert 3, was unter anderem auf vermehrte kardiovaskuläre Ereignisse und (konsekutive) kardiale Dekompensation sowie akute Niereninsuffizienz zurückgeführt wird 4. Zudem wird die zunehmende Feinstaubbelastung mit weiteren internistischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, COPD und Asthma assoziiert 5. Die Teilnehmenden der Befragung fühlten sich allerdings nur mittelmäßig zu gesundheitlichen Folgen des Klimawandels informiert. Vielfach wurden Fortbildungen, Informationsmaterialien und auch Abrechnungsmöglichkeiten gewünscht, um das Thema in der Sprechstunde angemessen zu besprechen 1.

Internist*innen können ihre Patientinnen und Patienten auf vielfältige Art und Weise zu gesundheitlichen Aspekten des Klimawandels unterstützen. Zum einen können sie Verhaltenstipps etwa bei Hitze und Pollenbelastung geben, die Medikation (Antihypertensiva, Diuretika, Opiate, Insuline, Psychopharmaka und andere) an heißen Tagen anpassen und bei Hitzeschutzaktionsplänen in Pflegeheimen und Kommunen mitwirken. Daneben können Hinweise auf klima- und umweltbezogene Vorteile eines gesundheitsfördernden Lebensstils die Motivation von Patientinnen und Patienten zu einer nachhaltigen Lebensweise fördern, etwa durch pflanzenbasierte Ernährung und aktive Bewegung. Hierzu zeigten sich 80 % der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten bereit, unter Internist*innen waren es sogar fast 90 % 1. Verantwortlich für Klimaschutz in ihren Praxen sahen sich 90 % der Ärzt*innen. Die Teilnehmenden hatten in manchen Bereichen bereits Maßnahmen umgesetzt.

So gaben viele an, sparsam mit elektrischen Geräten und Heizung umzugehen; etwa ein Drittel hatte bereits ein Jobticket für Mitarbeitende eingerichtet und auch Mülltrennung war in vielen Praxen üblich. Vereinzelt gaben Ärztinnen und Ärzten an, in Energieerzeugung wie Photovoltaik oder Wärmepumpen investiert zu haben und ihre Finanzen bei Banken mit klimafreundlichem Investmentportfolio verwalten zu lassen. Über alle abgefragten Bereiche hinweg gab eine deutliche Mehrheit Bereitschaft zur klimafreundlichen Transformation der eigenen Arztpraxis an. Viele wollten etwa künftig Ökostrom beziehen, Recyclingpapier nutzen und ihre Mitarbeitenden zum Fahrradfahren ermutigen. Als wesentliche Probleme, den Klimaschutz in der eigenen Praxis umzusetzen, nannten viele Befragte mangelnde Informationen bezüglich der Energiesparkonzepte und Sanierungsmöglichkeiten. Darüber hinaus wurde die Nahverkehrsinfrastruktur bemängelt, die Klimabilanz von Medikamenten sowie Hygieneauflagen und das mit Einwegmaterialien verbundene hohe Abfallaufkommen. Angesichts der Klimakrise seien verstärkte öffentliche Positionierungen der ärztlichen Berufsverbände zur Dringlichkeit vonumfassenden Klimaschutzmaßnahmen im Gesundheitswesen vonnöten. Ferner sollten Instrumente zur Bilanzierung der Treibhausgasemissionen von Praxen, vielfältige Fördermaßnahmen und Finanzierungswege für konsequenten Klimaschutz in der Arztpraxis entwickelt werden.

Es wurde mehrheitlich gefordert, dass die ärztlichen Versorgungswerke klimafreundlich investieren und dies transparent machen sollten. Einigen Teilnehmenden zufolge solle Ressourcenverbrauch durch Überversorgung vermieden und nicht wie durch das aktuelle Abrechnungssystem gefördert werden 1. Die Umfrage „Klimaschutz in Praxen“ ermittelte hohe Bereitschaft zu Klimaschutzmaßnahmen unter Ärztinnen und Ärzten in Deutschland. Daraus leitet sich ab, dass Berufsverbände und Gesundheitspolitik sich mit der Klimabilanz des Gesundheitswesens befassen und auch für Praxen Handlungsempfehlungen und Fördermaßnahmen entwickeln sollten. Der jüngst veröffentlichte Bericht des Weltklimarats (IPCC) zu Klimawandelfolgen prognostiziert, dass ohne sofortige und massive Reduktion der Treibhausgasemissionen eine Begrenzung der globalen Erwärmung um 1,5 Grad nicht einzuhalten sein wird und z.B. bis 2100 bis zu fünffach häufigere Hitzewellen die Gesundheit der deutschen Bevölkerung bedrohen, während Teile des Mittelmeerraums bis 2150 unbewohnbar sein werden 6. Gleichzeitig könnten mit klimafreundlichen Verhaltensänderungen und Einhalten des 1,5-Grad-Ziels (u. a. veränderte Ernährung, aktive Mobilität, Minderung der Feinstaubbelastung) allein in Deutschland jährlich 150.000 vorzeitige Todesfälle vermieden werden 7.

Mit diesem Wissen sollten Ärztinnen und Ärzten zum Erhalt des Planeten und der Gesundheit der Menschen beitragen, indem sie gemeinsam mit dem Praxisteam umfassende Klimaschutzmaßnahmen einführen und stetig weiterentwickeln. Darüber hinaus sollten sie ihre Patient*innen zu einer gesundheitsfördernden und nachhaltigen Lebensweise motivieren und sich in beruflichen Netzwerken, Berufsverbänden und Versorgungswerken für die Einhaltung der Klimaziele des Pariser Abkommens einsetzen.

  1. Mezger NCS, Thöne M et al (2021) Klimaschutz in der Praxis – Status Quo, Bereitschaft und Herausforderungen in der ambulanten Versorgung. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes. https://doi.org/10.1016/j.zefq.2021.08.009
  2. Eckstein D, Künzel V, Schäfer L (2021) Klima-Risiko-Index: Ranking 2000 – 2019. In: J. Longwitz (Ed.), Globaler Klima-Risiko-Index 2021. Germanwatch e.V. https://germanwatch.org/sites/default/files/Zusammenfassung%20des% 20Klima-Risiko-Index%202021_0.pdf. Zugegriffen: 24 Aug. 2021
  3. An der Heiden M, Muthers S, Niemann H, Buchholz U, Grabenhenrich L, Matzarakis A (2019) Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015. Bundesgesundheitsbl. 62:571–579. https://doi.org/10.1007/ s00103-019-02932-y
  4. Mora C, Counsell CWW, Bielecki CR, Louis LV (2017) Twenty-Seven Ways a Heat Wave Can Kill You: Deadly Heat in the Era of Climate Change, Circ. Cardiovasc Qual Outcomes. https://doi.org/10.1161/circoutcomes.117.004233
  5. Watts N, Amann M, Arnell N, et al (2021) The 2020 report of The Lancet Countdown on health and climate change: responding to converging crises. Lancet. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(20)32290-X
  6. Intergovernmental Panel on Climate Change, Summary for Policymakers. In: V. Masson-Delmotte et al (Eds.), Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom/Vereinigtes Königreich
  7. Hamilton I, Kennard H, McGushin A et al (2021) The public health implications of the Paris Agreement: a modelling study. Lancet Planetary Health 5:74–83. https://doi.org/10.1016/S2542-5196(20)30249-7

Bildquelle: © gettyImages/Richard Drury

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