28. Februar 2020

Professor Jürgen Floege im Interview

„Wir dürfen unsere Studien nicht so gestalten, dass sie niemand mehr machen möchte!”

Welche Themen stehen beim diesjährigen Internistenkongress im Fokus? Und was läuft schief in der klinischen Forschung in Deutschland? Professor Dr. med. Jürgen Floege, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM), beantwortet diese und weitere Fragen im Vorfeld des 126. Internistenkongresses.

Lesedauer: 3 Minuten

Fragen: Marina Urbanietz

Ärzte als Forscher ist das Motto des diesjährigen Kongresses. Wie spiegelt sich das im Kongressprogramm wider?

Professor Floege: Das Programm des diesjährigen Internistenkongresses bietet das Neueste aus der Wissenschaft an – und dies möglichst kurz und prägnant. Was sagen die jüngsten Leitlinien zu Diagnostik und Therapie? Welche neuen Entwicklungen werden bald für den Klinik- und Praxisalltag relevant? Das sind aus meiner Sicht die zentralen Fragen, die unser Kongressprogramm beantworten wird.

Die Rolle der medizinischen Forschung im klinischen Alltag wurde auch im coliquio-Forum diskutiert. Dabei stand vor allem der große bürokratische und zeitliche Aufwand im Fokus, der die meisten praktizierenden Ärzte von einer Teilnahme an Forschungsprojekten abhält.

Wie bewerten Sie diese These?

Professor Floege: Es gibt gute und schlechte Nachrichten in diesem Bereich. Ich fange mit den guten an. Die meisten Universitäten bieten sogenannte „Clinician Scientist-Programme“, die es jungen Ärztinnen und Ärzten ermöglichen, sich für die Forschung für zwei Jahre freizustellen – mit vollem Gehalt und ohne klinische Verpflichtung. Eine große Frage, die dabei häufig nicht geklärt ist, ist die Anrechenbarkeit dieser zwei Forschungsjahre auf die Facharztausbildung.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ist im Bereich der Förderprogramme für forschende Ärzte sehr aktiv:

  • Für Studenten bieten wir beispielsweise eine kostenlose Kongressteilnahme an.
  • Im Rahmen unseres Clinician-Scientist-Programms werden gezielt junge Medizinerinnen und Mediziner gefördert, die sich neben der Klinikarbeit auch der Forschung widmen möchten.
  • Ganz neu haben wir nun auch ein Programm für Oberärzte aufgelegt („Advanced Clinician Scientist Programm”). Dieses ist nicht für ein spezifisches Projekt gedacht, sondern bietet Oberärzten einen geschützten Zeitrahmen, in dem sie Manuskripte und Anträge schreiben oder schlicht mal nachdenken können.

Prof. Dr. med. Jürgen Floege
Prof. Dr. med. Jürgen Floege

Die negative Seite der heutigen Forschungsarbeit in Deutschland ist die ausufernde Bürokratie. An dieser Stelle gebe ich allen coliquio-Diskutanten völlig Recht. Als Beispiel kann ich das Problem des Tierschutzes für die Studien mit Tierversuchen nennen. Meine Mitarbeiter freuen sich, wenn ein Tierversuchsantrag bewilligt wurde, den sie wochenlang vorbereitet haben. Ich weiß, dass wir Tierschutz brauchen. Aber ich sehe auch, dass wir die Forscherinnen und Forscher schützen müssen. Zudem ziehen Ethik- und Datenschutzauflagen lange bürokratische Prozesse nach sich. Natürlich müssen wir in klinischen Studien Patienten schützen, aber wir dürfen unsere klinischen Studien nicht so gestalten, dass sie niemand mehr machen möchte.

Für niedergelassene Kollegen verschärft sich die Problematik deutlich. Praxisinhaber, die an einer klinischen Studie teilnehmen möchten, müssen z. B. alle zwei Jahre einen Good Clinical Practice Kurs (GCP) absolvieren – und dies natürlich unbezahlt. Man muss sich also nicht wundern, dass gerade niedergelassene Kollegen keine Lust auf die klinische Forschung haben.

Sie sind Nephrologe und leiten die Klinik für Nieren und Hochdruckkrankheiten an der Universitätsklinik Aachen. Welche Entwicklungen in der Nephrologie sind aus Ihrer Sicht auch für Nicht-Nephrologen interessant?

Professor Floege: Die Nephrologie ist sehr interdisziplinär. Dabei stellen Herz und Nieren eine ganz besondere Interdisziplinarität dar. Oftmals verursachen Gefäß- und Herzerkrankungen auch Nierenerkrankungen und umgekehrt. Wir haben inzwischen gelernt, dass beispielsweise eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz einen der potentesten Herz-Kreislauf-Risikofaktoren darstellt. Das heißt, eine fortgeschrittene Niereninsuffizienz bedeutet ein höheres Herz-Kreislauf-Risiko als Rauchen oder Diabetes.

Digitalisierung ist der „Dauerbrenner“ im ärztlichen Alltag. Was bietet das diesjährige Kongressprogramm in diesem Bereich an?

Professor Floege: Digitalisierung ist auf jeden Fall ein sehr wichtiges Thema. Deshalb fördert die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin beispielsweise eine Professur für die Digitalisierung in der Medizin, die in Göttingen angesiedelt wird. Auf dem Kongress werden wir diesem Thema einen großen Raum bieten: u.a. einige Veranstaltungen zur elektronischen Patientenakte oder Big Data in der Medizin.

„Onkologie für Nicht-Onkologen“ ist eins der Leitthemen des Kongresses. Warum ist gerade die Onkologie für andere Fachgebiete spannend?

Professor Floege: In der Onkologie passiert gerade sehr viel – viele neue Studien und entsprechend auch neue Therapieansätze. Für Nicht-Onkologen ist die Kenntnis dieser neuen Therapien insofern wichtig, weil sie auch neue Nebenwirkungen mit sich bringen. Bestes Beispiel sind die Checkpoint-Inhibitoren, die neben der Antitumorwirkung auch Autoimmunphänomene an allen Organen triggern können. Gerade angesichts der rasanten Entwicklung in der Onkologie ist ein kontinuierlicher Lernbedarf da.

Welche Veranstaltungen möchten Sie Ihren Kollegen besonders ans Herz legen?

Podiumsdiskussion mit Eckart von Hirschhausen: Am Montagmorgen (27. April 2020) ist die Podiumsdiskussion mit Eckart von Hirschhausen. Wir werden uns mit dem Thema Klimawandel in der Medizin befassen. Dabei werden wir die Probleme nicht nur thematisieren, sondern – wenn auch kleine – Lösungen vorstellen. So werden wir beispielsweise eine große Spendenaktion zugunsten des hessischen Waldes starten. Dabei geht es um die Wiederaufforstung des Waldes mit klimaresistenten Baumarten.

Festliche Abendveranstaltung: Ich empfehle auf jeden Fall unsere festliche Abendveranstaltung am Sonntag (26. April 2020). Wir werden einen fantastischen Festredner haben – Johannes Krause ist Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Er wird uns über das Thema berichten, wie die Pest zum Menschen kam.

„Vom Forschungslabor in die Praxis“: Zudem empfehle ich unsere Highlights-Sitzungen, die täglich stattfinden. Ich persönlich bin auch auf unser neues Format „Vom Forschungslabor in die Praxis“ sehr gespannt. Dabei stellen junge Forscher vor, welche neuen Entwicklungen bald in die Klinik kommen werden – und dies für jedes Fachgebiet der Inneren Medizin.

Professor Dr. med. Jürgen Floege ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) für das Jahr 2019/2020. Der Direktor der Medizinischen Klinik II der Uniklinik RWTH Aachen gestaltet als Kongress-Präsident auch den kommenden Internistenkongress vom 25. bis 28. April 2020 unter dem Leitthema „Ärzte als Forscher“. Medizin studierte er in Hannover und New York; in Hannover schloss er seine Facharztausbildung ab, habilitierte, und trat 1995 eine Stelle als Oberarzt an. Für seine Forschung erhielt Professor Floege zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen und wurde weltweit zum Ehrenmitglied vieler nephrologischer Gesellschaften ernannt.

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