13. Oktober 2021

Internisten in der NS-Zeit

DGIM erkennt Ehrenmitgliedschaften ab und distanziert sich

Unter dem Titel „Gedenken & Erinnern. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus“ erinnert die Fachgesellschaft seit 2020 auf einer Website an ihre Mitglieder, die unter dem NS-Regime gelitten oder aber Verbrechen begangen und Leid verursacht haben. Seit rund zehn Jahren erforscht die Fachgesellschaft in Kooperation mit zwei Historikern ihre eigene Geschichte.

Lesedauer: 2,5 Minuten

Autor: Michael van den Heuwel. Redaktion: Sebastian Schmidt

Kernbotschaften

Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft in fünf Fällen, Distanzierung in zwei Fällen: So lautet die Entscheidung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) zum Umgang mit früheren Ehrenmitgliedern, die sich zwischen 1933 bis 1945 als Mitläufer des Regimes und als Täter schuldig gemacht haben. Die Entscheidung ist das Ergebnis einer vor rund zehn Jahren begonnenen Aufarbeitung der Geschichte der DGIM in der NS-Zeit. 

Unter dem Titel „Gedenken & Erinnern. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin in der Zeit des Nationalsozialismus“ erinnert die Fachgesellschaft seit 2020 auf einer Website an ihre Mitglieder, die unter dem NS-Regime gelitten oder aber Verbrechen begangen und Leid verursacht haben. Seit rund zehn Jahren erforscht die Fachgesellschaft in Kooperation mit zwei Historikern ihre eigene Geschichte sowie die ihrer Mitglieder in den Jahren der NS-Diktatur und der jungen Bundesrepublik. „Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit – auch eine späte – ist wichtig und richtig, wenngleich sie natürlich das Leid, das einzelne DGIM-Mitglieder zu dieser Zeit verursacht haben, in keiner Weise wiedergutmachen kann“, so Professor Dr. Georg Ertl in einer Mitteilung der DGIM. Dennoch sei es wichtig, dass die Fachgesellschaft dann auch die nötigen Konsequenzen aus den Erkenntnissen der Historiker ziehe.

Dies hat der Vorstand der DGIM nun auch getan: Fünf Personen wird nachträglich der Status als Ehrenmitglied entzogen. Dabei handelt es sich um Alfred Schittenhelm, Alfred Schwenkenbecher, Hans Dietlen, Siegfried Koller und Georg Schaltenbrand. „Aus Opportunismus oder einer nationalsozialistischen Überzeugung haben sie bewusst Kollegen, anderen Mitgliedern unserer Fachgesellschaft oder einfach anderen Menschen aufgrund ihrer Herkunft geschadet. Daher sind sie für die DGIM als Ehrenmitglieder nicht tragbar“, begründet Professor Dr. med. Markus M. Lerch, Vorsitzender der DGIM und ärztlicher Direktor des LMU-Klinikums München, die Entscheidung. Von zwei weiteren Ehrenmitgliedern, Gustav von Bergmann und Felix Lommel, distanziert sich der Vorstand. „Hier besteht weiterer Forschungsbedarf, sodass wir aktuell keine verantwortungsvolle Entscheidung über eine Aberkennung der Ehrenmitgliedschaft treffen können“, so Lerch.

2015 Ausstellung zur DGIM in der NS-Zeit

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin sei beschämt, weil sie 70 Jahre habe verstreichen lassen, bis ihr Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersucht und öffentlich gemacht worden sei, sie bekenne sich zu ihrer Verantwortung und arbeite daher derzeit ihre Vergangenheit auf, übte die DGIM bereits vor sechs Jahren öffentlich Selbstkritik. Anlass war die Eröffnung einer Ausstellung zur Geschichte der Fachgesellschaft in der NS-Zeit.

Die Ausstellung während des 121. DGIM-Kongresses der DGIM in Mannheim schilderte mit Fotos und Dokumenten sowie erklärenden Texten das Tun, Nicht-Tun und Schicksal von Mitgliedern der Fachgesellschaft, von Opfern wie von Tätern, von Persönlichkeiten, die sich für jüdische Kollegen und Opfer des verbrecherischen Regimes eingesetzt haben, und von Internisten, die mitgemacht haben, sei es der Karriere wegen, aus berechtigter Sorge um die eigene Existenz, aus Gleichgültigkeit oder aus ideologischer Überzeugung

Geschildert wurde zum Beispiel, wie der DGIM-Vorsitzende Alfred Schittenhelm, dem nun, 76 Jahre nach Endes des Krieges, die Ehrenmitgliedschaft aberkannt wird, die Fachgesellschaft „zügig auf NS-Kurs“ brachte, wie jüdische Ärzte verfolgt und vertrieben wurden, etwa Leopold Lichtwitz, der 1933 seine Position als Klinik-Direktor in Berlin verlor und zum Rücktritt als Vorsitzender der Gesellschaft gezwungen wurde. Geschildert wurden auch die verbrecherischen Experimente an Menschen und die Rolle der „Beratenden Internisten“ innerhalb der Wehrmacht, etwa beim Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen. Portraitiert wurden aber auch jene Mitglieder, die lauten Widerspruch wagten und sogar aktiven Widerstand leisteten, so etwa Wolfgang Seitz, nach dem Krieg Direktor der Medizinischen Poliklinik der Universität München und Landtagsabgeordneter der SPD in Bayern.

Aufarbeitung auch der Nachkriegsgeschichte

Begonnen hatte die wissenschaftliche Aufarbeitung  2012 mit einem Auftrag an die Historiker Professor Hans-Georg Hofer aus Münster und Privatdozent Ralf Forsbach von der Universität Bonn. In der Ausstellung wurden erste Ergebnisse präsentiert. Auch die Jahre nach 1945 standen im Fokus der Historiker: Denn „1945 sei keine „Stunde Null“ gewesen – einige schuldig gewordene Ärzte praktizierten weiter oder wurden sogar Ehrenmitglieder der DGIM“, sagte Forsbach. Wie in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft und der Ärzteschaft insgesamt war auch in der DGIM der Umgang mit der Geschichte geprägt von Verdrängen, Nicht-Wahrhaben-Wollen, Schweigen und Rechtfertigungs-Versuchen. 

Dass nicht allein das Verhalten bis 1945 Anlass für Scham ist, wurde schon mehrfach betont, von Medizinhistorikern und von führenden Persönlichkeiten der Ärzteschaft wie dem ehemaligen Bundesärztekammer-PräsidentenProfessor Jörg-Dietrich Hoppe. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den von Ärzten begangenen Verbrechen habe es aber bis weit in die siebziger Jahre hinein nicht gegeben, so Hoppe 2011.

Nach 1945: Mitscherlich, Mielke, Hanauske-Abel

Dass mit dem Ende des verbrecherischen Regimes die NS-Zeit noch keineswegs Vergangenheit war, erlebten unmittelbar nach 1945 zunächst Alexander Mitscherlich und Fred Mielke, als sie über den Nürnberger Ärzteprozess berichteten. Als Vaterlandsverräter, als Nestbeschmutzer wurden sie beschimpft; das Verhalten der „Kapazitäten“ habe an Rufmord gegrenzt, so Mitscherlich. Noch 1973 soll ein renommierter Internist laut der Journalistin und Ärztin Renate Jäckle gedroht haben, dass die deutschen Internisten auf dem kommenden DGIM-Kongress geschlossen den Saal verlassen werden, sollte – wie vom Kongress-Vorsitzenden Herbert Begemann geplant – Mitscherlich eine Rede zu diesem Thema halten. 

Noch gegen Ende der 80-er Jahre reagierte der damalige Präsident der Bundesärztekammer, Professor Karsten Vilmar, in einem Interview im „Deutschen Ärzteblatt“ unsensibel abwehrend auf einen „Lancet”-Beitrag des Mainzer Kinderarztes Dr. Hartmut M. Hanauske-Abel, in dem dieser die Rolle der deutschen Ärzteschaft im „Dritten Reich“ und die Verdrängung nach 1945 beschrieb. Überschrift des viel kritisierten Interviews und der Kernbotschaft von Vilmar: „Die Vergangenheitsbewältigung darf nicht kollektiv die Ärzte diffamieren.“ Nur eine kleine Gruppe von höchstens 400 Ärzten habe sich schuldig gemacht. Eine Aussage, die erschreckend an jene bagatellisierenden Phrasen zur Rolle der Wehrmacht erinnert, wonach diese Überwiegend „sauber“ gewesen sei.

Das Ende des Nazi-Regimes war bekanntlich nicht das Ende jeglicher Barberei, nicht einmal in Europa. „Auch in Zukunft wird die Gewalt ein Teil unseres Lebens sein. Der Glaube an die heilenden Kräfte der Zivilisation ist nichts als Schwärmerei“, schrieb einmal der Berliner Historiker Jörg Baberowski. Dennoch: Es sei wichtig, die Erinnerung wachzuhalten, so der Onkologe Professor Michael Hallek (Köln).

Dieser Beitrag ist im Orginal auf Univadis.de erschienen.

  1. Webseite der DGIM zur NS-Zeit
  2. Ralf Forsbach/Hans Georg Hofer (Hrsg. DGIM): Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin in der NS-Zeit (Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung der Fachgesellschaft beim Jahreskongress in Mannheim, 18. bis 21. April 2015)
  3. Medizin und Ethik. Die Medizin während des Nationalsozialismus in der öffentlichen Diskussion nach 1945, in: Ralf Forsbach (Hg.), Medizin im „Dritten Reich“, Hamburg 2006

Bildquelle: © Screenshot Webseite der DGIM zur NS-Zeit

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