20. April 2021

Frauenherzen schlagen anders

Frauen werden bis heute in vielen Leitlininien zur Pathophysiologie und Diagnostik von Herzerkrankungen ungenügend berücksichtigt. In ihrem Vortrag möchte die Fachärztin für Innere Medizin, Frau Dr. med. Ute Seeland, am Beispiel des chronischen Koronarsyndroms, für dieses Thema sensibilisieren.

Lesedauer: 1,5 Minuten

Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag von Frau Dr. med. Ute Seeland, Fachärztin für Innere Medizin und Gendermedizinerin, auf dem 127. Kongress der DGIM: „Frauen und Koronarerkrankungen“. Redaktion: Dr. Linda Fischer

Unterschiedliche Pathophysiologien für Männer und Frauen

Die bereits im Jahr 2005 durchgeführte WISE-Study (Women’s Ischemia Syndrome Evaluation) beschreibt die verschiedenen Pathophysiologien bei den beiden Geschlechtern und zeigt, warum koronare Erkrankungen beziehungsweise eine Ischämie im Myokard bei Männern und Frauen entsteht:

Ursachen bei Männern

  • Gefäßverengung an einer oder mehreren Stellen im Koronargefäß
  • epikardiale Vasomotionsstörungen (Spasmen)

Ursachen bei Frauen

  • häufig generalisierte Erkrankung der Gefäßwand (z.B. weiche Plaques)
  • Längseinrisse der Gefäßwand (Dissektion, insbesondere in der Schwangerschaft)
  • mikrovaskuläre Vasomotionsstörungen.1,2

KHK-Leitlinie berücksichtigt nur klassische männliche Symptome

Dass Frauen in vielen Leitlinien nicht berücksichtigt werden, erläutert die Sprecherin Dr. Seeland am Beispiel der Nationalen Versorgungsleitlinie Chronische Koronare Herzkrankheit (KHK). Nach dieser Leitlinie ist eine nicht-stenosierende KHK definitionsgemäß asymptomatisch.

Dr. Seeland betont jedoch, dass dies nur auf klassische männliche Symptomen zutrifft. Nicht berücksichtigt werden hier die Symptome, die bei Frauen häufiger auftreten, wie etwa

  • ungewöhnliche Müdigkeit, Schwindel,
  • Übelkeit, häufig mit Erbrechen,
  • Atemnot,
  • Schmerzen im Oberbauch,
  • Rücken und Nackenschmerzen, sowie Kiefer- und Halsschmerzen. 3

Lichtblick: Die neuen Guidelines werden “weiblicher”

Sowohl die vierte veröffentlichte Definition des Myokardinfarkts von 2018 als auch die neuen ESC Guidelines zu Diagnose und Management von chronischen Koronarsyndromen erweitern das nicht-stenosierende KHK aus: Ein situativ erhöhter Sauerstoffbedarf des Myokards kann ebenfalls die Ursache einer Ischämie und damit symptomatisch sein. 4,5

Obwohl die ESC Guidelines beispielsweise eigene Kapitel zur mikrovaskulären oder vasospastischen Angina dem Unterschieden zwischen Geschlechtern widmet, weist Dr. Seeland darauf hin, dass diese Guidelines lediglich ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer echten geschlechtersensiblen Leitlinie darstellen.

Interventionelle diagnostische Prozedur: Dosis an Geschlecht anpassen

Um sowohl klassische männliche als auch klassische weibliche Pathophysiologien zu identifizieren, wird mittlerweile die interventionelle diagnostische Prozedur (IDP) angewendet. Diese umfasst eine

  • Untersuchung der Vasodilatationsfähigkeit über Adenosin und eine
  • Untersuchung der Vasokonstriktion über Acetylcholin.

Wichtig: Das Testergebnis hängt unter anderem von der Dosis ab. Beispielsweise reichen bei Acetylcholin für Frauen mitunter bereits 100 µg aus, um einen positiven Acetylcholin-Test zu erreichen – während es bei Männern etwa 200 µg sind.6

Prävention als Key-Message vermitteln

Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen gar nicht erst aufkommen zu lassen, empfiehlt Dr. Seeland, Präventionsmaßnahmen sowohl an Ärztinnen und Ärzte als auch an Patientinnen und Patienten zu vermitteln: Lebensstilfaktoren anpassen, Stress abbauen und Risikofaktoren behandeln.

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