09. August 2021

Frauen benachteiligt in Herz-Kreislauf-Studien, Leitlinien und Covid-19-Forschung

Prof. Dr. Dr. Vera Regitz-Zagrosek macht auf geschlechtsspezifische Aspekte aufmerksam, welche in der praktischen Medizin oft nicht ausreichend diskutiert werden.

Lesedauer: 5,5 Minuten, Videodauer: 11,5 Minuten

Transkript von Prof. Dr. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Berlin

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte Sie heute auf wichtige geschlechtsspezifische Aspekte aufmerksam machen, die häufig in der praktischen Medizin nicht so prominent diskutiert werden. Mein Name ist Vera Regitz-Zagrosek, ich bin die Gründerin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin, jetzt Seniorprofessorin an der Charité und derzeit an der Universität Zürich tätig. Dort unterstütze ich den Aufbau von Geschlechterforschung in der Medizin.

Worum geht es uns?

Es geht zum einen darum, dass das Geschlecht in der Therapie der koronaren Herzerkrankung (KHK) wahrgenommen werden soll und die Aspekte davon in die Behandlung der Patientinnen und Patienten eingebracht werden sollen. Dazu ist es ganz wichtig, dass die großen Studien, die wir immer wieder sehen, so durchgeführt werden, dass geschlechtsspezifische Aspekte wirklich behandelt werden.

Zu wenig Frauen in wichtigen KHK- Studien

Hierzu zwei Beispiele: Sie wissen wahrscheinlich, dass niedrig dosiertes Colchicin möglicherweise ein neues interessantes Therapieprinzip bei Patienten mit chronischer KHK oder nach Herzinfarkt ist. Die Low-Dose-Colchicin-Studie (LoDoCo2), die 2020 im NEJM publiziert worden ist, bestätigte an über 5.000 Patienten Sicherheit und Wirksamkeit von Colchicin zur Verhinderung kardiovaskulärer Ereignisse nach einem ersten Infarkt und bei Patienten mit chronischer KHK.

Die Wirksamkeit war sehr gut, es gab eine Risikoreduktion um 30 % sowohl in LoDoCo2- als auch in der COLCOT-Studie (Colchicine Cardiovascular Outcomes Trial). Leider wiesen beide Studien nur einen Frauenanteil von 15,3 % in LoDoCo2 bis 19 % in COLCOT auf. In beiden Studien war die Risikoreduktion bei Männern hoch signifikant, aber bei den Frauen nicht vorhanden. Leider wurde in beiden Studien die fehlende Wirksamkeit bei den Frauen im Hauptteil des Manuskripts nicht publiziert und nicht diskutiert. Sie wurde leider nur im elektronischen Anhang ohne weitere Diskussion dargestellt. Auch die Nebenwirkungen wurden nicht getrennt nach Geschlecht dargestellt.

In Anbetracht der Tatsache, dass Frauen mittlerweile fast 50 % der Patienten mit Myokardinfarkt ausmachen und es bekanntlich pathophysiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern und schlechtere Verläufe bei Frauen gibt, ist der unangemessene Einschluss von Frauen in diesen Studien und die fehlende Darstellung geschlechtsspezifischer Wirksamkeit heute nicht mehr akzeptabel.

Ich wollte Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie in den Publikationen und der Kommunikation, die sicher zu diesen Substanzen nachfolgen wird, darauf achten sollten, was zur Wirksamkeit und den Nebenwirkungen bei Frauen gesagt wird.

Covid-19-Studien mit weniger Frauen als Männern

Eine ebenfalls fehlende geschlechtsspezifische Berichterstattung wie in den Colchicin-Studien haben wir leider auch in den großen Covid-19-Studien. Der Großteil der Studien, mit Ausnahme der großen Impfstoff Studien, schließt deutlich weniger Frauen als Männer ein.

Die Impfstoffstudien sind tatsächlich eine positive Ausnahme, hier wurden Frauen adäquat eingeschlossen und die Wirkungen wurden geschlechtsspezifisch analysiert. Ganz perfekt waren sie allerdings nicht, die Nebenwirkungen wurden nicht geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt. Dabei zeigten geschlechtsspezifische Analysen der Nebenwirkungen, die durchaus in internen Daten und kleineren Publikationen dargestellt worden sind, schon früh, dass 90 % der allergischen und anaphylaktischen Reaktion bei Covid-19-Impfstoffen die Frauen betreffen.

In der Vielzahl der anderen Covid-19-Studien, also der Therapie- und der Beobachtungsstudien, wurden deutlich zu wenig Frauen eingeschlossen, und Geschlechterunterschiede werden in der Regel nicht thematisiert: In 0 bis 4 % der Interventionsstudien und in 0 bis 17 % der Beobachtungsstudien. Auch das ist anhand der Unterschiede, die wir bei Infektionen zwischen Männern und Frauen erwarten müssen, äußerst unangemessen.

Frauen in der Prävention zu wenig berücksichtigt

Eine fehlende Berücksichtigung von Frauen haben wir auch in der Prävention. Eine große aktuelle Studie in der Schweiz untersuchte die Behandlung von Risikofaktoren bei Frauen und Männern in der Primärprävention. Bei Frauen wurde deutlich seltener der Risikofaktor LDL-Cholesterin gemessen, und wenn, fanden sich höhere LDL-Cholesterin-Werte als bei Männern. LDL-Cholesterin-, Blutdruck- und HbA1c-Werte in der Studie bestätigen bereits bekannte internationale Untersuchungen, die ein schlechteres Risikomanagement bei Frauen in der Primär- und zum Teil auch in der Sekundärprävention zeigen.

Unsere Leitlinien haben hier tatsächlich noch ein Problem. Sie machen häufig nicht darauf aufmerksam, dass man bei Frauen und Männern vielleicht unterschiedlich argumentieren muss, dass es unterschiedliche Grenzwerte gibt und dass es unterschiedliche Altersgrenzen gibt, wann behandelt werden muss.

So ist eine neue große US-amerikanische Analyse weitgehend unbekannt. Diese Analyse zeigte, dass bei Frauen deutlich niedrigere Blutdruckwerte als bei Männern mit einer Erhöhung des kardiovaskulären Risikos einhergehen, auch in Bereichen unter 120 mmHg.  Das heißt, bei Frauen bedeutet schon ein Anstieg des systolischen Blutdrucks von 110 auf 120 mmHg eine messbare Zunahme des kardiovaskulären Risikos. Das ist noch nicht im Bewusstsein unserer Frauen und unserer Ärztinnen und Ärzte ausreichend gut verankert.

Soziokulturelle Dimension des Geschlechts

Eine weitere wichtige Neuerung, die sich derzeit anbahnt, ist, dass wir auch die soziokulturelle Dimension von Geschlecht messbar machen und in klinische Studien einbeziehen können. Eine kanadische Gruppe hat gezeigt, dass das soziokulturelle Geschlecht – Gender – den Verlauf nach Herzinfarkt stärker beeinflusst, als das biologische Geschlecht. Während das weibliche biologische Geschlecht einen Schutzfaktor darstellt ist weibliches Gender – also weibliches soziokulturelles Geschlecht und weibliches Verhalten – eher ein deutlich negativer Faktor.

Wir untersuchen nun den Einfluss von Gender, das heißt Geschlechterrollen, Geschlechteridentität, Selbstwahrnehmung, Ausbildung, Erziehung, Lebensumstände, auch in anderen großen Studien, z. B. in Covid-19-Studien. Es scheint sich abzuzeichnen, dass beim biologischen Geschlecht eher die Frauen begünstigt sind, beim soziokulturelle Rollenmodell aber die Männer.

Neue Aspekte in der Forschung

Schließlich möchte ich noch zu neuen Aspekten in der Forschung etwas sagen. Wir wissen mittlerweile, dass Stress und Veränderungen des Immunsystems einen deutlich größeren Einfluss auf die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben als man es bisher geglaubt hat.

Frauen sind stressanfälliger als Männer und bei ihnen ist die Koppelung einer Stressreaktion mit einer Aktivierung des Immunsystems und einer nachfolgenden Störung der Durchblutung des Herzens wesentlich stärker als bei Männern ausgeprägt. Sie finden neue Daten dazu vor allem in den Publikationen von Prof. Dr. Catherine Gebhard aus Zürich.

Immer noch zu wenige Frauen in Leitungspositionen

Schließlich geht es noch um die Ausbildung der Kardiologinnen und Kardiologen. Leider ist es immer noch so, dass Frauen in der Kardiologie in ihrer Ausbildung sehr viel weniger Unterstützung haben als Männer. Ihre Ausbildung dauert länger, sie verdienen für die gleiche Vollzeittätigkeit weniger Geld als die Männer und sexuelle Belästigung wird tatsächlich von einem Drittel aller Frauen in Deutschland und in der Schweiz geklagt.

Dies und ein permanent hoch kompetitives Arbeitsklima und unflexible Arbeitszeiten verdrängen sie aus dem Wettbewerb für Leitungspositionen an den Universitäten. Damit sinkt die Chance, dass unsere Medizin auch von der Leitungsebene her weiblicher wird und die geschlechtsspezifischen Aspekte stärker berücksichtigt werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Dieser Beitrag ist im Original auf Medscape erschienen.“

Bildquelle: © gettyImages/SDI Productions

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