07. Juni 2020

Internistenkongress 2020

Häufige Fehler in der Kardiologie

Bei einem 70-Jährigen mit einer hochgradigen Aortenstenose wird eine dringliche OP-Indikation gestellt. Doch trotz der richtigen Diagnosestellung endet der Fall tragisch. Professor Dr. med. Andreas Zirlik, Leiter der Klinischen Abteilung für Kardiologie der Universitätsklinik Graz, erzählt hier über diesen und weitere häufige Fehler in der Kardiologie und zeichnet Strategien zu deren Vermeidung auf.

Redaktion: Marina Urbanietz

Videodauer: 6:44

  • Video-Transkript

    Häufige Fehler in der Kardiologie

    (00:05):
    Marina Urbanietz:
    Herr Professor Zirlik, Sie leiten die Klinische Abteilung für Kardiologie an der Universitätsklinik Graz. Und heute sprechen wir über häufige Fehler in der Kardiologie. Bei welchen kardiologischen Erkrankungen kommen diagnostische oder therapeutische Fehler am häufigsten vor?

    Prof. Andreas Zirlik: Wenn wir Probleme haben oder wenn es zu Fehlentscheidungen und Fehlinformationen kommt, passiert es häufig an den Schnittstellen, zum Beispiel zwischen zwei Abteilungen, die gemeinsam einen Patienten behandeln. Zwischen der Intensivstation und der Normalstation, zwischen der ambulanten Versorgung und der stationären Versorgung. Deswegen ist es wichtig, dass man immer wieder auf Basis von Standards zusammenarbeitet und auch standardmäßig kommuniziert.

    Dies ist mit der Arbeit von Piloten im Cockpit vergleichbar. Sie arbeiten mit Checklisten und auch wir versuchen, medizinische Prozesse bei der Diagnostik und der Therapie aufzuarbeiten, um zu gewährleisten, dass der Verlust an solchen Schnittstellen möglichst gering bleibt.

    In der Kardiologie sind Diagnostik und Therapie eng miteinander verbunden, zudem haben wir auch sehr viele interventionelle Tätigkeiten. Wie bereits gesagt, sind Schnittstellen immer der neuralgische Punkt. Deswegen ist es für uns besonders wichtig, auf Kommunikation und Struktur zu achten – vor allem bei den Krankheitsbildern, bei denen wir interdisziplinär zusammenarbeiten. Gute Beispiele hierfür sind die modernen neuen Verfahren des strukturellen Herzbereichs, wie TAVI, MitraClip, in Zukunft auch interventionelle Mitralklappen. Also überall dort, wo Teams unterschiedlicher Fachrichtungen, die aus unterschiedlichen Organisationsformen oder Einrichtungen kommen, interdisziplinär zusammenarbeiten.

    Dies gilt es besonders gut aufzustellen, und in meinem Sinne lohnt es sich auch an solchen Stellen, eigene neue Plattformen, Medizin-orientierte Organisationseinheiten, zu gründen, die die traditionelle Gliederung in Kardiologie, Innere Medizin, Herzchirurgie, Chirurgie, Kardioanästhesie und Anästhesie auflösen, um so ein modernes interdisziplinäres Herzzentrum auf die Beine zu stellen.

    (02:46):
    Marina Urbanietz:
    Welche Rolle spielt dabei die DGIM-Initiative „Klug entscheiden in der Kardiologie“?

    Prof. Andreas Zirlik: Ja, das ist natürlich eine Initiative, die in der Fachwelt kontrovers diskutiert wird. Das muss man schon ganz ehrlich sagen. Letztlich ist es aber für mich ein wichtiger und notwendiger Versuch, etwas auf das Wesentliche zu fokussieren. Denn es ist schon so, dass wir mittlerweile eine Flut von Empfehlungen, Consensus-Papieren und Guidelines haben, sodass es oft unübersichtlich wird. Häufig haben wir Widersprüche bei den Guidelines zwischen der europäischen und der amerikanischen Version. Die Initiative „Klug entscheiden in der Kardiologie“ versucht die wichtigsten Leitsätze (positive und negative Empfehlungen) zusammenzufassen. Völlig klar, dass so etwas auf Kritik stößt. Wie kann man mit 5 positiven und 5 negativen Antworten die Komplexität der Kardiologie darstellen? Dies ist aber auch gar nicht das Ziel. Es geht darum, die wesentlichen Dinge zu kommunizieren und damit insgesamt zu einer Verbesserung der Standards beizutragen.

    (04:03):
    Marina Urbanietz:
    Welcher Fall mit fehlerhafter Diagnostik oder Therapie ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

    Prof. Andreas Zirlik: Insgesamt haben wir in der Herzmedizin – sowohl konservativ wie auch interventionell – einen sehr hohen Standard erreicht. Dennoch gibt es natürlich auch immer wieder Fälle, an die man sich erinnert. Ich kann Ihnen vielleicht ein Beispiel geben, das vor 1-2 Jahren auch durch die Presse gegangen ist. Bei einem 70-jährigen Patienten mit einer hochgradigen Aortenstenose, also einer Verengung der Klappe zur großen Hauptschlagader, wurde von uns eine dringliche OP-Indikation gestellt.

    Als Routinemaßnahme steht dabei immer eine Abklärung des Zahnstatus auf dem Programm. Der Zahnarzt hat gesagt, dass die Zähne vor einer Operation saniert werden sollten. Deshalb wurde dieser dringliche OP-Termin ohne weitere Interaktion und Rücksprache abgesagt und der Patient nach Hause zu seiner zahnärztlichen Versorgung geschickt. Letztlich ist dieser Fall sehr tragisch verlaufen: der Patient hat die zahnärztliche Versorgung nicht mehr erlebt.

    Was sehen wir an diesem Fall? Einzeln genommen hat keiner der Beteiligten einen Fehler gemacht, denn die Diagnose war richtig. Die Diagnose des erkrankten Zahnes war natürlich auch richtig. Was hat aber gefehlt? Eine entscheidende Kommunikation zwischen Zahnmedizin und dem Herz-Team und eine Risikoabwägung. Was wiegt im Moment mehr? Wie hoch ist denn überhaupt das Risiko bei einer dringlichen Operation mit einem befallenen Zahn?

    Und retrospektiv gesehen hätte man natürlich einen anderen Weg gehen müssen. Der Patient hätte ein etwas höheres Infektionsrisiko gehabt, aber er hätte es höchstwahrscheinlich überlebt.

    Dieser Fall zeigt noch einmal ausdrücklich, wie wichtig die Kommunikationen an den Schnittstellen ist. Bei fehlerhafter oder fehlender Kommunikation kann es auch ohne grobe Fehler seitens einzelner Personen zu tragischen Konsequenzen kommen.

    Marina Urbanietz: Herr Professor Zirlik, vielen Dank für das Gespräch!

Video-Inhalte im Überblick

  • Häufige Fehler & Lösungen 0:04
  • Klug entscheiden in der Kardiologie 02:46
  • Patientenfall mit tödlichem Ausgang 04:02

  • Aufgrund des Wegfalls des diesjährigen Internistenkongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) hat sich die DGIM im Rahmen der Zusammenarbeit mit der coliquio-Medizinredaktion dazu entschlossen, 9 Highlight-Themen des Kongresses allen Ärztinnen und Ärzten in Form von kurzen Video-Vorträgen (inkl. Text-Transkripte) zur Verfügung zu stellen.

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