18. Juni 2020

Internistenkongress 2020

Ärzte Codex: Was ist relevant für junge Ärzte?

Was beschäftigt junge Ärztinnen und Ärzte heute? Wo sehen sie die größten Chancen und Probleme des deutschen Gesundheitssystems? Und wie sieht die Zukunft der Medizin aus ihrer Sicht aus? Dr. Matthias Raspe, Sprecher der Arbeitsgruppe „Junge Internisten“ der DGIM, beleuchtet hier die Ansichten der jüngeren Ärzte-Generation.

Redaktion: Marina Urbanietz

Videodauer: 09:45

  • Video-Transkript

    Ärzte Codex: Relevant für junge Ärzte?

    (00:06):
    Marina Urbanietz:
    Herr Dr. Raspe, Sie sind Sprecher der Arbeitsgruppe „Junge Internisten“ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und auch als Arzt klinisch tätig. Deshalb möchte ich gerne heute mit Ihnen über die Bedeutung des Ärzte Codex für junge Mediziner sprechen.

    Arbeitsverdichtung, ökonomischer Druck und Bürokratisierung gehören zu den wichtigsten Stressfaktoren bei Ärzten. Welche sind aus Ihrer Sicht die Kernmaßnahmen, um diese Probleme zu lösen?

    (00:30):
    Dr. Matthias Raspe:
    Wenn wir über Maßnahmen sprechen, ist es sinnvoll, die einzelnen Punkte gesondert zu betrachten.

    Arbeitsverdichtung: Die Arbeitsverdichtung im Krankenhaus ist ein großes Problem. Da gäbe es mehrere Lösungsansätze. Analog zu den Pflegenden, die in bestimmten Bereichen der Intensivstation bereits Personalschlüssel bekommen haben, wäre dies auch für Ärzte denkbar. Sodass wir nicht unbegrenzt Patienten pro Arzt behandeln müssten, sondern dass es eine maximale, festgesetzte Anzahl gäbe. Wir sollen mehr Zeit für die Patienten haben. Das heißt, die ärztliche Arbeitszeit muss für den direkten Patientenkontakt und unmittelbare ärztliche Entscheidungen am Patienten freigehalten werden. Gleichzeitig sollte weniger Zeit in die Dokumentation investiert werden. Es wäre sinnvoll, dass die nicht zwingend ärztlich durchzuführenden Tätigkeiten durch Assistenzpersonal in der Inneren Medizin übernommen werden. Dabei meine ich solche Tätigkeiten, wie z.B. ein EKG zu schreiben, eine Blutabnahme durchzuführen oder periphere Venenzugänge zu legen. Zudem brauchen wir Unterstützung bei der Organisation, wenn es z. B. darum geht, Untersuchungen mit anderen Abteilungen abzustimmen oder auch bei dem Aufnahme- und Entlassmanagement.

    Ökonomischer Druck: Der nächste Punkt wäre der ökonomische Druck. Ich glaube, hier gibt es für Ärzte, v.a. für junge Ärzte, relativ wenig Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Da kommt es meiner Erfahrung nach vor allem auf die Klinikleitung an, die eine starke Position gegen zu hohen Einfluss der kaufmännischen Leitung im Krankenhaus und gegen wirtschaftliche Einflüsse auf die Patientenversorgung beziehen muss. Aber auch die Einflussnahme der Klinikleitung ist begrenzt, weil dieses Problem das gesamte Gesundheitssystem betrifft und eine große politische Tragweite hat. Hier muss auf jeden Fall auf eine Reform des DRG-Systems, also des Fallpauschalensystems, hingearbeitet werden, um den ökonomischen Einfluss zurückzudrängen.

    Bürokratisierung: Den letzten Punkt, die Bürokratisierung, hatten wir auch schon teilweise besprochen. Meine Erfahrung in der Klinik ist, wenn ich an die Neuaufnahmen von komplexen Patienten denke, dass ich etwa anderthalb Stunden oder eine Stunde für die Neuaufnahme brauche und nur eine sehr geringe Zeit wirklich am Patienten bin. Das sind vielleicht 15 Minuten und danach sitze ich über 60 Minuten am Computer, um die Medikation in unterschiedliche Systeme einzupflegen, die Anamnese einzugeben, die Untersuchungen anzumelden oder mich durch die Formatvorlagen durchzukämpfen. Und ich merke – so wie meine Kollegen auch – dass die Digitalisierung uns im Moment noch gar keine Entlastung bringt, sondern eigentlich eher ein Plus an Arbeitsbelastung bedeutet, weil die ganzen Systeme nicht miteinander kommunizieren und weil der Dokumentationsaufwand dadurch unheimlich groß geworden ist. Dabei wollen wir einfach etwas mehr Zeit haben, um uns wirklich um unsere Patienten zu kümmern.

    (04:28):
    Marina Urbanietz:
    Im vergangenen Sommer wurde viel über die sogenannte „Bertelsmann-Studie“ diskutiert. Demnach würden knapp 600 Kliniken in Deutschland völlig ausreichen. Was würden Sie hierzu sagen? Haben wir wirklich zu viele Kliniken?

    (04:41):
    Dr. Matthias Raspe:
    Das ist ein interessantes und kontrovers diskutiertes Thema. Und ich denke tatsächlich, dass es höchstwahrscheinlich zu viele Krankenhausbetten in Deutschland gibt – vor allem im internationalen Vergleich. Dies muss man aber differenzierter betrachten. Ich glaube, ein großes Problem ist, dass die Krankenhausbetten nicht gut verteilt sind. Also, dass wir in Ballungsräumen zu viele Betten haben. Im ländlichen Bereich, in strukturschwachen Regionen, hingegen eher zu wenige. Das ist ein Verteilungsproblem.

    Zudem haben wir den stationären und den ambulanten Sektor nicht gut verzahnt, sodass wir unnötigerweise Patienten aufnehmen, die man auch angegliedert ans Krankenhaus ambulant behandeln könnte.

    Also, noch einmal zur Aussage: Grundsätzlich denke ich, dass es tendenziell zu viele Betten gibt. Aber es gibt auch ein Verteilungsproblem in diesem Land.

    Ein weiterer Punkt ist jedoch in diesem Zusammenhang wichtig: Wir sehen in der Corona-Krise gerade, wie wichtig es ist, dass wir Kapazitäten vorhalten. Und ich denke, dass dies eine wichtige Lehre ist, die wir im Moment aus dieser Krise ziehen können. Man darf ein System nicht auf Kante fahren und ausreizen, sondern immer einen gewissen Puffer haben, um Krisen wie die jetzige dann auch gut bewältigen zu können. Allein deswegen sollte man die Krankenhausbetten auch nicht zu knapp planen und eine gewisse Überkapazität vorhalten.

    (06:28):
    Marina Urbanietz:
    Welche weiteren Themen sind für junge Ärztinnen und Ärzte außerdem noch relevant?

    (06:33):
    Dr. Matthias Raspe:
    Ein weiteres Thema, das für junge Ärztinnen und Ärzte sehr relevant ist, ist die Feminisierung der Medizin. Der Frauenanteil in der Medizin unter den Studierenden, die ich auch hier in der Klinik betreue, liegt mittlerweile bei mindestens 60 Prozent. Und diese Zahl entwickelt sich weiterhin nach oben, was natürlich absolut wünschenswert und wichtig ist. Das Problem daran ist, dass Frauen und zunehmend auch Männer gerne in Teilzeit arbeiten. Dies bedeutet, dass auch der Arbeitgeber sich auch auf diese neue Situation einstellen muss. Dass wir es Ärztinnen und Ärzten ermöglichen müssten, flexibel zu arbeiten, in Teilzeit zu arbeiten und teilweise auch von zu Hause zu arbeiten. Und das sehe ich als große Herausforderung an und erlebe es auch als große Herausforderung in meiner Klinik.

    (08:02):
    Marina Urbanietz:
    Sie haben gerade die Arbeit von zu Hause angesprochen. Was könnten Ärzte aus Ihrer Sicht im Homeoffice erledigen?

    (08:07):
    Dr. Matthias Raspe:
    Die Frage nach dem Homeoffice ist in der Medizin sicherlich von dem Arbeitsort und dem Fach, in dem man arbeitet, abhängig. Zum Beispiel als Radiologe kann ich die Bildgebung auch von zu Hause befunden. Das höre ich sehr oft von meinen Kollegen – für diese Tätigkeit braucht man nur einen Computer mit einem Monitor, den ich mir auch zu Hause hinstellen kann.

    Je näher man am Patienten dran sein muss (z.B. chirurgische Fächer), desto schwieriger ist es sicherlich, im Homeoffice zu arbeiten. Aber vorstellbar ist eben, ein Teil der Dokumentation auf das Homeoffice auszulagern, also zum Beispiel Arztbriefe zu schreiben oder Ambulanzdokumentation nachzuholen. Das könnte ich auch von zu Hause machen. Obwohl dies natürlich auch problematisch sein kann, weil wie wir alle wissen, ist die Arbeit zu Hause nicht vorbei, sondern geht dann noch bis spät am Abend weiter, bis die Kinder im Bett sind. Sich danach noch an den Computer zu setzen, ist vielleicht auch nicht immer eine Freude. Aber wenn man dadurch Familie und Beruf besser vereinbaren kann, finde ich es absolut wichtig, solche Möglichkeiten zu schaffen.

    Marina Urbanietz: Herr Dr. Raspe, vielen Dank für das Gespräch!

Video-Inhalte im Überblick

  • Maßnahmen für mehr Zeit am Patienten 00:06
  • ,,Bertelsmann-Studie” 04:28
  • Was ist für junge Ärzte wichtig? 06:28
  • Homeoffice als Option? 08:02

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